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Ratsherrliches Engagement in Zeiten der Not


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Außerplanmäßige Versorgungsmaßnahmen des Osnabrücker Rates während der Ernährungs- und Wirtschaftskrise der Jahre 1771/1772

Abb. 1: Der Spendenaufruf des Osnabrücker Rates vom 21.2.1772 in der Beylage zum 8ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 22.2.1772 (Foto: NLA OS Dep 3 b VIII Nr. 137).

Die Ereignisse der 1770er-Jahre stellten den Osnabrücker Rat vor enorme Herausforderungen: Ganzjährig andauernde, extreme Feuchtigkeit sowie bis ins Frühjahr auftretender Frost und Schneefall sorgten in Mitteleuropa für minderwertige und äußerst geringe Ernteerträge. Erstmals bemerkbar machten sich die Folgen im Spätsommer 1769 und aufgrund der anhaltenden anomalen Wetterverhältnisse potenzierten sich die Effekte in den beiden darauffolgenden Jahren.[1] So fielen auch im Hochstift und in der Stadt Osnabrück die Erträge 1770 deutlich schlechter aus als in den Vorjahren, ihren Höhepunkt erreichte die Krise dann im Sommer 1772, kurz vor der Ernte.[2] Unterdessen reichten die rund um die Stadt gewonnenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse schon in guten Zeiten nicht aus, um die Einwohner der Hasestadt vollständig zu ernähren, sodass dort immer wieder Preissteigerungen drohten. Dementsprechend führten die witterungsbedingten Ernteausfälle zu einer massiven Teuerungswelle.[3] Der Jahresdurchschnittspreis für Hafer erhöhte sich zwischen 1769 und 1772 um 100 Prozent, für Roggen um 72 Prozent und für Weizen um immerhin 40 Prozent.[4] Abgesehen von den potentiellen Versorgungsengpässen führten die Preissteigerungen häufig dazu, dass die Nachfrage nach anderen Dienstleistungen und Waren zurückging, sodass der Handel und die Märkte stagnierten.[5] Vor allem die Angehörigen der Unterschichten konnten sich in diesen Zeiten nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen: Jene, die sich vor der Krise gerade noch aus eigener Kraft hatten ernähren können, waren nun auf externe Unterstützung angewiesen und solche, die bereits vor der Teuerung auf zusätzliche Hilfe angewiesen gewesen waren, benötigten nun umfangreichere Beiträge. Gleichzeitig versuchten die Tagelöhner durch eine Erhöhung ihrer Arbeitsleistung, ihren Verdienst zu steigern – sie erreichten jedoch oft nur das Gegenteil: Es kam zu einem Überangebot von Arbeitskraft, sodass die Löhne sanken. In ihrer Not griffen die Betroffenen zu Ersatzprodukten wie Kräutern oder Wurzeln, um das Getreide zu strecken, oder sogar zu verdorbenem Korn; häufig waren Krankheit und Tod die Folge.[6]

Die Zuspitzung der Lage im Verlauf des Jahres 1771 führte dazu, dass sich der Rat verstärkt Gedanken über seine Kornvorräte, die Preissteigerungen und die daraus resultierenden Konsequenzen machte. Dabei konstatierte er eine kontinuierlich ansteigende Armut und Bedürftigkeit unter den kinderreichen Familien, den verwitweten Müttern sowie den älteren und gebrechlichen Personen in der Stadt, die mithilfe einer christlichen Beyhulfe an Brod und Gelde[7] zu mildern angestrebt wurde. Außerdem galt das besondere Augenmerk der Ratsversammlung dem Nahrungsstand beschaeftigter Handwerker[8], deren Einkommen nicht mehr zur Beschaffung von Lebensmitteln ausreiche. Daher entschlossen sich Bürgermeister und Rat, die eigenen, äußerst spärlichen Getreidevorräte mit dem Ankauf auswärtigen Roggens[9] – insgesamt 172 Malter für rund 3.342 Rtl. – aufzustocken und für eine umfassende Verpflegungsmaßnahme zu verwenden. Die Koordination dieses Vorhabens wurde der extra eingesetzten Verpflegungskommission übertragen, zu deren zentralen Akteuren der Altermann und spätere zweite Bürgermeister Dr. Justus Eberhard Berghoff,[10] der Ratssenior Franz Bartholomäus Struckmann sowie der Lohnherr Heinrich Christoph Ameldung gehörten.[11] Während letzterer für die Rechnungslegung zuständig war, traten Berghoff und Struckmann in erster Linie bei der zur Finanzierung des Roggenkaufs initiierten Spendenaktion in Erscheinung. Da die geplanten außerordentlichen Unterstützungsmaßnahmen weder aus den bestehenden wöchentlichen Kollekten für die Versorgung der Armen noch aus der durch den Siebenjährigen Krieg und dessen Folgen stark belasteten Stadtkasse finanziert werden konnten, beraumte die Ratsversammlung eine außerplanmäßige Sammelaktion an, die in einer Beylage zu den Osnabrücker Anzeigen am 22. Februar publiziert wurde (Abb. 1):[12]

So werden alle und jede ersucht, durch eine milde freywillige Beysteuer diese heylsame Absicht Christlich zu unterstuetzen, und selbige entweder auf einmal oder vor und nach denen dazu sich erbotenen Doctori und Altermann Berghoff auf der Altenstadt und Seniori Struckmann auf der Neustadt einzusenden: Wogegen sie von der segnenden Hand Gottes die Vergeltung sich gewiß versprechen können.[13]

Mit einem Verweis auf die christliche Nächstenliebe und Gottes Gnade wurde die Stadtbevölkerung aufgerufen, entweder einmalig oder auch mehrmals eine freiwillige Spende bei Dr. Berghoff und Senior Struckmann einzureichen. Dass die Formulierung ‚alle und jede‘ in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, zeigt ein Blick in die Spenderlisten. An der Sammelaktion beteiligten sich zahlreiche soziale Gruppen der Stadt über die konfessionellen Grenzen hinweg und sogar Fremde bezuschussten das Vorhaben – ein bemerkenswertes Bekenntnis der ansonsten recht heterogenen Stadtbevölkerung, sich der drohenden Versorgungskrise als Gemeinschaft entgegenzustellen.[14] Unter den Beiträgern lassen sich sowohl Regierungsbeamte, wie der Vizekanzleidirektor Johann Christian Gruner, und Kommunalpolitiker, etwa der regierende Bürgermeister Dr. Wilhelm Gerding, finden als auch Händler, Zünfte und Handwerker – so beispielsweise der Goldschmied Lengercke und ein Müller aus dem Amt Wittlage – sowie Mitglieder der katholischen und evangelischen Geistlichkeit, wie der erzbischöfliche Generalvikar Karl von Vogelius und der zweite Pastor an St. Katharinen, Konrad Rudolf Iden. Darüber hinaus unterstützten viele weniger bekannte Stadtbewohner und anonyme Wohltäter, wie ein katholisches Dienstmädchen, die Sammlung.[15] Zur Finanzierung der kommunalen Versorgungsanstalten trug auch eine landesherrliche Beisteuer bei. Georg III. hatte als Regent der Vormundschaftsregierung im Februar 1772 der Stiftskasse zur Unterstützung der Armen und Notleidenden im Hochstift 5.000 Rtl. aus seiner bischöflichen Privatschatulle geschenkt und die Osnabrücker Regierung mit der zweckmäßigen Austeilung beauftragt.[16] Nach Auffassung der Geheimen Räte Gotthelf Dietrich von Ende und Ernst August Wilhelm von dem Bussche gehörte dazu auch die Linderung der von Bürgermeister und Rat geschilderten Not innerhalb der Stadtmauern, sodass sie ihnen 200 Rtl. des landesherrlichen Geschenkes zukommen ließen.[17]

Kurz nach dem Eintreffen der ersten Malter des zugekauften Roggens am Rathaus startete das umfangreiche Aktionsprogramm, mit dem die Versorgung der Stadtbevölkerung gewährleistet werden sollte. So wurde auf Anweisung der Verpflegungskommission ein Teil des Roggenkorns an zwei Bäcker der Stadt gegeben, die daraus in der Zeit von März bis Dezember insgesamt 8.381 Brote mit jeweils sechs Pfund backten. Die Mehrzahl der Laibe verkauften diese sonnabends zu einem vergünstigten Preis von je 3 ß und lieferten die Einnahmen an den Lohnherren. Rund ein Drittel der Brote brachten die Bäcker zudem nach und nach zum Rathaus, wo sie kostenlos an Bedürftige verteilt wurden. Der andere Teil des Roggenkorns wurde regelmäßig – ebenfalls samstags – mit einem Nachlass von einem Drittel auf den Einkaufspreis am Rathaus der Altstadt verkauft.[18] Allerdings wurden die Brote und der Roggen nicht beliebig ausgegeben. Vielmehr kam die Verpflegungskommission immer donnerstags zusammen, prüfte die vorliegenden Gesuche und entschied, wer in welcher Menge sonnabends a) unentgeltlich Brot am Rathaus der Altstadt, b) vergünstigtes Brot bei den Bäckern und c) Roggenkorn zu einem ermäßigten Preis erhalten sowie wer montags in der Armenkirche eine zusätzliche Beisteuer aus den Mitteln der allgemeinen Stadtarmen bekommen sollte. Entsprechende Aufzeichnungen haben sich, wenn auch lückenhaft, erhalten.[19] Unklar bleibt dabei, ob sich die Hilfsbedürftigen selbst bei der Versorgungskommission meldeten oder ihre Namen von Pastoren bzw. Vorsitzenden der Bürgerwehren gemeldet wurden. Denkbar wäre sowohl, dass beides parallel praktiziert wurde als auch, dass Pastoren und Vorsitzende nur für die Überprüfung der sich selbst bei der Versorgungskommission meldenden Hilfsbedürftigen zuständig waren. Die Maßstäbe, nach denen die Bittsteller letztlich konkret als ‚hilfsbedürftig‘ eingestuft wurden, entsprachen vorwiegend den bereits seit dem Spätmittelalter gängigen: Fehlende Verdienstmöglichkeiten aufgrund des hohen Alters oder Krankheit, der Verlust des Ernährers oder auch die besondere Belastung einer großen Kinderschar qualifizierten für eine Unterstützung. Darüber hinaus ordnete die Kommission jene bereits erwähnten Bürger und Einwohner in die Gruppe der Hilfsbedürftigen ein, die sich aufgrund der Teuerung mit ihrer Arbeit nicht mehr den nötigen Unterhalt verdienen konnten.[20]

Außerdem wurden bei der Austeilung sowohl Angehörige beider Konfessionen als auch Bürger und in der Stadt wohnende Nichtbürger berücksichtigt. Ersteres fand explizit Erwähnung. So verkündete die zuständige Verpflegungskommission in einer ihrer Bekanntmachungen:

Aus dem milden Beytrage, welchen das wohltaetige Osnabrueck der jetzigen Theuerung halber […] eingesandt, sind in dem nunmehr zurueckgelegten Monate […] Rocken und […] Brodt, theils unentgeltlich, theils zu geringern Preisen […] vertheilet worden. Es wird auch einem jeden sich meldenden Einwohner nach dem Befinden seiner Umstaende, ohne Unterschied der Religion, diese Austheilung bis zur Erndte ferner angedeyen.[21]

Abb. 2: Undatiertes Verzeichnis der Bedürftigen der Markt und Haseleischaft, u.a. mit Angabe der Konfession und des Bürgerrechts (NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409, Nr. 158v–159r).

Bemerkenswert ist dabei, dass die Merkmale – Konfession und Bürgerrecht – in den Tabellen der Versorgungskommission äußerst akribisch erfasst wurden (Abb. 2).[22] Dies deutet darauf hin, dass es sich bei beiden um durchaus relevante Faktoren handelte, auch wenn sie nicht als Inklusions- beziehungsweise Exklusionskriterium dienten. So wäre denkbar, dass die Verzeichnung der konfessionellen Zugehörigkeit eine obrigkeitliche Strategie der Absicherung war, um im Zweifelsfall die Austeilung ‚ohne Unterschied der Konfession‘ nachweisen zu können. Vorstellbar wäre in diesem Zusammenhang nicht nur, dass sich die Notwendigkeit dazu aus der generellen konfessionellen Situation ergab. Schließlich würde der Vorwurf einer konfessionellen Diskriminierung ein hohes Konfliktpotential bergen. Möglich wäre auch, dass die Beteiligung sowohl einzelner katholischer Wohltäter als auch der katholischen Armenfürsorgeträger, des Dom- und Stiftskapitels, an der Finanzierung des Projektes eine solche Erfassung erforderte. Die Verzeichnung des Bürgerrechtsstatus war hingegen wohl eine Präventionsmaßnahme, falls sich die Subsistenzkrise verschlimmern sollte. So hatte der Rat bereits im März 1772 in einem Schreiben an die Geheimen Räte klargestellt, dass sie Personen ohne Bürgerrecht so wenig Almosen als Schutz zu leisten schuldig[23] seien. Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich für die städtische Obrigkeit um ein strategisches Argument, um die Wiederherstellung der innerterritorialen Handelsfreiheit für Korn und eine Zuzahlung für die kommunalen Versorgungsanstalten zu erreichen. Es ist indes nicht auszuschließen, dass aus dem theoretischen Argument bei zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten gelebte Praxis geworden wäre. Dazu kam es letztlich jedoch nicht, da sich die Zustände mit der Ernte des Jahres 1772 verbesserten und mit den Erträgen von 1773 wieder normalisierten.[24] Als die Stadt und das Umland 1794 erneut von einer extremen Teuerung betroffen waren, bediente sich der Rat der Erfahrungen von 1772 und griff auf die bewährten Maßnahmen zurück.[25]


[1] Vgl. Dominik Collet, Die doppelte Katastrophe. Klima und Kultur in der europäischen Hungerkrise 1770–1772, Göttingen 2019, S. 79–86; Wilhelm Abel, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa. Versuch einer Synopsis, Hamburg/Berlin 1974.

[2] Vgl. Sebastian Schröder, Hunger verwalten in Zeiten der Krise. Herrschaftliche Praktiken im Hochstift Osnabrück und in der Grafschaft Ravensberg (1770–1773), in: Westfälische Forschungen 71, 2021, S. 47–71, hier S. 47.

[3] Vgl. Ansgar Schanbacher, Kleine Schritte. Praktiken des Umgangs mit Nahrungskrisen in Osnabrück im 18. und 19. Jahrhundert, in: Westfälische Forschungen 71, 2021, S. 105–121, hier S. 110 f.

[4] Vgl. Christine van den Heuvel, Osnabrück am Ende des Alten Reiches und in hannoverscher Zeit, in: Gerd Steinwascher (Hg.), Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm 2006, S. 313–444, hier S. 354, Fn 157.

[5] Vgl. Robert Jütte, Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit, Weimar 2000, S. 41 f.

[6] Vgl. Martin Rheinheimer, Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not 1450–1850, Frankfurt a. M. 2000, S. 20–22.

[7] „Bekanntmachung.“, in: Beylage zum 8ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 22.2.1772.

[8] Ebd.

[9] Manfred Rudersdorf und Ansgar Schanbacher zufolge wurde der Roggen in der Regel in Emden und in Bremen erworben. Aus den für den vorliegenden Beitrag gesichteten Quellen geht indes nicht hervor, wo das zusätzliche Korn angekauft wurde, vgl. Manfred Rudersdorf, „Das Glück der Bettler“. Justus Möser und die Welt der Armen. Mentalität und soziale Frage im Fürstbistum Osnabrück zwischen Aufklärung und Säkularisation, Münster 1995, S. 265; Schanbacher, Schritte (wie Anm. 3), S. 113.

[10] Dr. Justus Eberhard Berghoff war zu Beginn des Jahres zunächst als vorsitzender Altermann der Wehr wiedergewählt worden. Am 9.2.1772 starb jedoch der bisherige zweite Bürgermeister Dr. Gerhard Anton von Blechen. Berghoff wurde daraufhin als Nachfolger in den Rat und auch zum zweiten Bürgermeister gewählt. Aus den Ratsprotokollen geht der genaue Zeitpunkt nicht hervor, Olaf Spechter datierte die Wahl unterdessen auf den 6.4.1772. Dazu würde passen, dass sowohl in den offiziellen Bekanntmachungen als auch in den an Berghoff adressierten Schreiben der Monate Februar und März weiterhin vom Altermann und Doktor gesprochen wird, vgl. Niedersächsisches Landesarchiv (NLA OS) Dep 3 b IV Nr. 351, fol. 267r; NLA OS Dep 3 b IV Nr. 352, fol. 9r; Olaf Spechter, Die Osnabrücker Oberschicht im 17. und 18. Jahrhundert. Eine sozial- und verfassungsgeschichtliche Untersuchung, Osnabrück 1975, S. 163.

[11] Hinsichtlich dieser Verpflegungskommission gibt es noch einige Unklarheiten. So ist ihre genaue Zusammensetzung nicht bekannt, da sie wohl nie veröffentlicht wurde und sich auch in den erhaltenen Akten keine Übersicht findet. Neben den bereits genannten Personen dürfte noch der zweite Lohnherr, Christian Konrad Karl, beteiligt gewesen sein. Auch die Selbstbezeichnung als ‚Verpflegungscommißion‘ taucht erst verhältnismäßig spät auf, nämlich in der dritten öffentlichen Bekanntmachung. Manfred Rudersdorf geht zudem davon aus, dass die Verpflegungskommission „in enger Kooperation mit Möser“ (aus: Rudersdorf, Glück (wie Anm. 9), S. 262) eingesetzt wurde. Aus dem von ihm angegebenen Brief der Geheimen Räte v. Ende und v. d. Bussche lässt sich eine solche Annahme jedoch nicht ableiten. Allerdings gibt es ein undatiertes handschriftliches Fragment Mösers, in dem er sich lobend über einen undefinierten Ort äußert, der eine ‚Nahrungskommission‘ eingerichtet habe. Seine Schilderungen von den Aufgaben der Kommission (Überprüfung der Bedürftigen/Entscheidung über die Versorgungsleistungen) und ihrer Zusammensetzung (acht Ratsherren, zwei Handwerker, zwei Kaufleute, zwei Geistliche und zwei aus dem Magistrat) weisen dabei durchaus eine große Übereinstimmung mit der Osnabrücker Versorgungskommission auf, vgl. „Verpflegungs=Sachen“, in: Beylage zum 11ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 14.3 1772; Rudersdorf, Glück (wie Anm. 9), S. 262; NLA OS Dep 3 b V Nr. 1413, fol. 8r; Justus Möser: Von einer Nahrungs-Kommission, in: Ludwig Schirmeyer/Eberhard Crusius (Bearb.): Justus Mösers sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Patriotische Phantasien und Zugehöriges. [Bd. 7:] Den Patriotischen Phantasien verwandte Handschriften, Osnabrück 1968, S. 200.

[12] Vgl. „Bekanntmachung.“, in: Beylage zum 8ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 22.2.1772; Rudersdorf, Glück (wie Anm. 9), S. 264. Auch der weitere Verlauf der Sammelaktion wurde regelmäßig durch Bekanntmachungen in den Osnabrücker Anzeigen begleitet. Eine vermutlich vollständige Sammlung dieser Bekanntmachungen findet sich als Anhang in einem Exemplar der Stadtarmenrechnung von 1772, vgl. NLA OS Dep 3 b VIII Nr. 137.

[13] „Bekanntmachung.“, in: Beylage zum 8ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 22.2.1772.

[14] Vgl. Rudersdorf, Glück (wie Anm. 9), S. 264.

[15] Vgl. NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409, fol. 41v–43v und 180r–205r, hier besonders fol. 185r, 193r, 205r; Rudersdorf, Glück (wie Anm. 10), S. 264.

[16] Vgl. NLA OS Rep 100 Abschnitt 193 Nr. 27, fol. 17r. Für Details zur Verteilung des geschenkten Geldes vgl. NLA OS Rep 100 Abschnitt 193 Nr. 36.

[17] Vgl. NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409, fol. 8r.

[18] Vgl. NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409, fol. 35v; NLA OS, Dep 3 b V, Nr. 1413, fol. 8r–9r, 12r/v; „Verpflegungs-Sachen“, in: Beylage zum 9ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 29.2.1772; „Verpflegungs=Sachen“, in: Beylage zum 11ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 14.3.1772; „Verpflegungs-Sachen“, in: Beylage zum 14ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 4.4.1772; „Verpflegungs=Sachen. Osnabrück den 7 May a. c.“, in: Beylage zum 20ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 16.5.1772; Rudersdorf, Glück (wie Anm. 9), S. 266.

[19] Vgl. NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409; NLA OS Dep 3 b V Nr. 1413, fol. 8r–9v, 12r/v.

[20] Vgl. „Verpflegungs-Sachen“, in: Beylage zum 12ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 21.3.1772.

[21] „Verpflegungs-Sachen“, in: Beylage zum 14ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 4.4.1772. Eine ähnliche Formulierung wurde nochmal in der Bekanntmachung vom 7.5.1772 verwendet, vgl. „Verpflegungs=Sachen. Osnabrück den 7 May a. c.“, in: Beylage zum 20ten Stück der wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen vom 16.5.1772.

[22] Vgl. NLA OS Dep 3 b V Nr. 1409, fol. 95r–120r.

[23] Ebd., fol. 5v.

[24] Vgl. Schröder, Hunger (wie Anm. 2), S. 47; Schanbacher, Schritte (wie Anm. 3), S. 113–114.

[25] Vgl. Schanbacher, Schritte (wie Anm. 3), S. 114

(Auszug von RSS-Feed)

Bramsche


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Archivalie des Monats Juni 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Großsteingräber bei Mundersum, Wesel und im Poller Sand zeugen von einer bereits jungsteinzeitlichen Besiedelung. Hüvede findet erstmals in einem um 890 angelegten Einkünfteverzeichnis des Klosters Werden als „Hubide“ Erwähnung. Ein Corveyer Verzeichnis aus dem 11. Jahrhundert nennt erstmals Bramsche („Bremesge“) und Estringen („Asderingon“). Ein um 1150 angelegtes Werdener Verzeichnis erwähnt neben dem „Huvetfelde“ auch Sommeringen („Sumerhamen“), Mundersum („Munerdse“) und Polle („Polle“). 1258 wird schließlich auch Rottum („Rothem“) erstmals erwähnt.

Die Gertrudiskirche in Bramsche (Stadtarchiv Lingen)

Auf dem Hüvetfeld lag sowohl das Kirchspiel Bramsche mit Wesel, Sommeringen, Mundersum und Hüvede als auch – zum Kirchspiel Lingen gehörig – Estringen, Rottum und Polle.  Wesel wird im 13. Jahrhundert als in der Pfarre Bramsche gelegen beschrieben. Spätestens jetzt gab es also eine Kirche mit eigenem Kirchspiel. Eine in der Kirche aufgefundene Inschrift, gelesen als „Hermannus Beloviensis Episcopus 1314“, könnte auf ein Baujahr 1314 hindeuten. 1452 erhielt die Kirche zwei neue Glocken, der heiligen Gertrud von Nivelles und der Jungfrau Maria geweiht. Eine dritte Glocke folgte 1513. Als Schutzpatrone der Kirche lassen sich Gertrud und Johannes der Täufer nachweisen.

Die Pfarrkirche dürfte ursprünglich die Hauskapelle der Burg Bramsche gewesen sein, deren Herren auch das Patronatsrecht besaßen. Noch heute lassen sich im Siedlungskern von Bramsche eine innere und äußere Gräfte rekonstruieren, der Name „Kring“ für den Bereich des Gräftenrings hat sich bis heute gehalten. Ältester bekannter Besitzer war wohl in den 1330er Jahren Rudolf von Langen. 1447 ging der Besitz auf die Familie von Merveldt über. Dass dabei von einer abgepfählten Freiheit und Herrlichkeit im Dorf Bramsche die Rede war, in der der Herr auch die niedere Gerichtsbarkeit ausübte, zeigt die herausgehobene Stellung der Burg. Spätestens 1551 war Otto von Grothaus der Herr von Bramsche. Dieser geriet allerdings in eine blutige Fehde mit der Stadt Osnabrück, in deren Folge die Burg Bramsche 1558 zerstört wurde. Grothaus baute die Burg nicht wieder auf. Stattdessen errichtete er weiter südlich am Ufer der Aa das von einer breiten Gräfte umgebene Gut Spyck. Ein Epitaph in der Bramscher Kirche erinnert an den Tod von Ottos Sohn Cord. Von 1911 bis 1938 wurde das Gut von den Schwestern Paula, Mimi und Alma Oosthuys, genannt „Spycks Tanten“, bewirtschaftet.

Als nach den „Bischofsjahren“ 1672/73 der katholische Gottesdienst verboten wurde, siedelte der Pfarrer der Gertrudiskirche auf münsterisches Territorium über, fand Unterkunft auf dem Hof Tegeder in Gleesen (Pfarrei Emsbüren) und hielt in einer dortigen Scheune den Gottesdienst ab. Als der katholische Pfarrer 1716 nach Bramsche zurückkehrte, wurde bei Gut Spyck eine katholische Behelfskirche errichtet. Von 1806 bis 1846 wurde die Bramscher Kirche – als erste in der ganzen Grafschaft – von beiden Konfessionen als Simultankirche genutzt.

Die 1962 abgebrochene Wassermühle auf
Gut Spyck (Stadtarchiv Lingen)
Das ehemalige Bauernhaus Thieke in Münnigbüren (Stadtarchiv Lingen)

1859 schlossen sich Bramsche, Wesel, Polle, Rottum, Estringen, Mundersum, Hüvede und Sommeringen zu einer Samtgemeinde zusammen. Allerdings hatte diese nicht lange Bestand. Bramsche und Wesel blieben zusammen, und aus der Gemeinde Hüvede-Sommeringen-Mundersum trat Mundersum 1924 aus. Estringen, Rottum und Polle waren bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Gemeinde zusammengeschlossen.

Bei den Reichstagswahlen im November 1932 erhielt die Zentrumspartei über 85%, zweitstärkste Kraft wurde die NSDAP mit fast 7%. Im Mai 1933 wurde Franz Schulte (ab 1941 NSDAP) als Bramscher Bürgermeister eingesetzt, in Hüvede-Sommeringen wurde 1934 Hermann Kley (ab 1938 NSDAP) Bürgermeister. Bramsche-Wesel, Hüvede-Sommeringen, Mundersum und Polle gehörten zur NSDAP-Ortsgruppe Messingen unter Leitung von Clemens Revermann, zugleich Kreisamtsleiter der NSV. Auch eine SA-Truppe existierte, sie exerzierte dreimal wöchentlich auf dem Bramscher Schulplatz.

1938 wurde mit dem Bau eines Emsseitenkanals, der Gleesen mit Papenburg verbinden sollte, begonnen. Das im Volksmund „Hitlerkanal“ genannte Projekt wurde jedoch nie vollendet. Ein 1930 auf Weseler und teils auch Plantlünner Gebiet angelegte Hilfslandeplatz wurde ab 1937 zu einem Einsatzflughafen der Luftwaffe ausgebaut. Bei den Bauarbeiten kamen hunderte von Strafgefangenen zum Einsatz. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Militärflugplatz Plantlünne intensiv genutzt. Hier existierte auch ein russisches Kriegsgefangenenlager, während in Bramsche französische Kriegsgefangene untergebracht waren. Da die Deutschen angesichts der nahenden Front Anfang April 1945 die Eisenbahnbrücke gesprengt hatten, setzten die Briten schließlich bei Hanekenfähr über die Ems. Die Einnahme Bramsches erfolgte entsprechend von dort und von Lingen aus.

Die Gaststätte Möllers, vormals Hof Wilmes, in den 1930er Jahren (Stadtarchiv Lingen)

Die 1949/51 in Plantlünne aufgekommene Idee, Wesel – gegebenenfalls im Tausch mit Gleesen – nach Plantlünne umzugemeinden, wurde in Bramsche abgelehnt. Stattdessen schlossen sich Bramsche-Wesel, Hüvede-Sommeringen, Estringen-Polle-Rottum und Mundersum 1965 erneut zu einer Samtgemeinde zusammen. Überlegungen, sich mit Lünne oder Spelle zusammenzutun, wurden nicht realisiert. Stattdessen nahm man 1971 Gespäche mit Lingen auf. So wurde die Samtgemeinde mit ihren damals 1671 Einwohnern 1974 der südlichste und flächenmäßig größte Ortsteil von Lingen.

Quellen und Literatur

  • NLA OS, Rep 980, Nr. 10487, Nr. 13210, Nr. 42411.
  • StadtA LIN, Slg. Ausstellungen, Nr.33 (Clemens Korte).
  • StadtA LIN, AV-Medien, Nr. 3.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 1553, Nr. 2037, Nr. 2780.
  • StadtA LIN, Lingener Volksbote vom 7.11.1932.
  • StadtA LIN, Slg. Schulchroniken, Nr. 56.
  • Adreßbuch der Stadt und des Kreises Lingen, 1938.
  • Boyer, Helmut H.: Aus der Geschichte der St. Antonius-Kapelle und der Kapellengemeinde Estringen, Spelle 1973.
  • Bruch, Rudolf vom: Die Rittersitze des Emslandes, Münster 1980.
  • Brüning, Theresia: 1000 Jahre Bramsche. Ein Dorf mit Vergangenheit und Zukunft, Lingen 2007.
  • Eickhoff, Joachim: Der Flugplatz Plantlünne. Geschichte und Geschichten eines fast vergessenen Flugplatzes, Lingen 2017.
  • Hüsken, Elisabeth: 1100 Jahre Hubide/ Hüvede 886-1986. Festschrift zur 1100-Jahrfeier des Dorfes Hüvede, o.O. 1986.
  • Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. I, II und III.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, Lingen a.d. Ems 1905/1910.
  • Strube, Helen: Die Entwicklung der Volksschulen in Bramsche, Mundersum und Estringen, Lingen 1999.
  • Wolbers, Alfons: Auf den Spuren der St. Gertrudis-Pfarrgemeinde in Bramsche, Altkreis Lingen, von ihren Anfängen bis in unsere Zeit, Lingen 2000.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Weiterlesen: Bramsche
(Auszug von RSS-Feed)

Handwerkertradition trifft Archäologie


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Exkursion des Historischen Vereins nach Bramsche und Kalkriese

Anfang Mai startete der Historische Verein sein Exkursionsprogramm 2026 mit einem Besuch der Werkstatt Torlage, dem Tuchmacher Museum in Bramsche sowie dem Museum Varusschlacht in Kalkriese.

Bramsches letzte Tuchmacher-Werkstatt

Die Tuchmacherwerkstatt Torlage ist die letzte private Tuchmacher-Werkstatt in Bramsche, die bis heute im Besitz der Familie Torlage ist. Die Werkstatt wurde 1946 errichtet und ist als vollständig eingerichtete, aber stillgelegte Wollwarenfabrikation erhalten geblieben. Sie bildet ein seltenes, nahezu unverändertes Zeugnis der lokalen Textilproduktion des 20. Jahrhunderts.

Abb. 1: Die Exkursionsgruppe in der vollständig erhaltenen Werkstatt Torlage in Bramsche (Foto: Thomas Brakmann)

Elf Generationen der Familie Torlage betrieben in Bramsche seit etwa 1600 das Tuchmacherhandwerk; die Werkstatt am Otterkamp ist der jüngste, privat betriebene Produktionsort dieser langen Tradition. 1946 bauten Wilhelm Hermann Torlage und sein Sohn Franz Rudolf Heinrich die Produktionsräume im Hof des Wohnhauses auf. Nach Auflösung der Innung wurde die Werkstatt weiterhin genutzt, später als Lohnweberei, und bis in die Lebenszeit von Heinrich und seiner Frau Gertrud Torlage gepflegt.

Die Werkstatt verfügt über eine Kettscheranlage, Spulmaschinen, zwei Buckskin-Webstühle sowie gut erhaltene Musterbücher. Diese Ausstattung erlaubt es, die gesamte Produktionskette von der Kette- und Schussvorbereitung bis zum gewebten Tuch nachzuvollziehen.

Besuch im Tuchmachermuseum Bramsche

Die Räume und Maschinen der Werkstatt Torlage blieben über Jahrzehnte unverändert, sodass die originale Arbeitsatmosphäre noch unmittelbar erfahrbar ist. Näheres zur Technik und Materialkultur war im Anschluss in dem nur wenige Gehminuten entfernten Tuchmacher Museum im Rahmen einer Führung durch Ilka Thörner zu erleben.

Abb. 2: Die Webstühle im Tuchmachermuseum in Bramsche im Einsatz (Foto: Thomas Brakmann)

Während das Museum die gemeinschaftlich genutzten Produktionsräume der ehemaligen Innung dokumentiert, liefert die Werkstatt das Gegenstück einer privaten, vollständig eingerichteten Produktionsstätte.

Abb. 3: Maschinelle Bearbeitung der Wolle (Foto: Thomas Brakmann)

Die vorhandenen Geräte und Musterbücher dokumentieren handwerkliche Fertigkeiten, Produktionsprozesse und Materialwahl – von Tuchen über Mäntel bis zu Uniformstoffen. Museum und Werkstatt geben gleichermaßen Einblick in die regionale Tuchmachertradition. Die Vorführungen der Maschinen vermittelten lebendig, was über reine Ausstellungstafeln hinausgeht.

Sonderausstellung „Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht und Mythos“ im Museum Kalkriese

Nach dem Rundgang zur Industriegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts schloss sich unter der Anleitung von Dr. Ulrike Hindersmann eine Reise 1.500 Jahre zurück in die Vergangenheit an. Im Museum Kalkriese in Bramsche versammeln sich aktuell auf engem Raum rund 1.200 Objekte aus den Mooren von Thorsberg und Nydam: Speere, Schwerter, Schilde, aber auch persönliche Gegenstände wie Armreifen, Fingerringe und Textilien. Besonders eindrücklich sind die erhaltenen Kleidungsstücke – eine Reiterhose und eine Tunika –, die überraschend nahbar machen, wie Menschen damals lebten und kämpften.

Abb. 4: Ulrike Hindersmann erläutert den Fund einer fast 2.000 Jahre alte Reiterhose (Foto: Thomas Brakmann)

Die Vitrinen erzählen nicht nur von Technik und Kriegskunst, sondern auch von Ritualen. Zerhackte Pferdegeschirre und systematisch zerstörte Ausrüstungsstücke deuten auf bewusste Handlungen hin, vielleicht symbolische Entmachtung besiegter Krieger. Die Thorsberger Maske sticht als einzigartiges Exponat hervor: eine germanische Nachahmung römischer Parademasken, die kulturelle Verflechtungen und Identitätsbildung sichtbar macht. Die unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen der Moore erklären, warum in Thorsberg vor allem Buntmetalle und Textilien, in Nydam aber auch Holz und Eisen überdauerten.

Abb. 5: Rund 1.200 germanische Objekte aus dem heutigen Norddeutschland sind im Varusschlacht-Museum in Kalkriese zu sehen (Foto: Thomas Brakmann)

Eine hochkarätige Ausstellung, die wissenschaftliche Analyse mit atmosphärischer Inszenierung verbindet und eine seltene Gelegenheit bietet, diese Funde außerhalb Schleswig-Holsteins zu sehen.

Die Besuche in einem Lost-Place eines untergegangenen Industriezweiges im Osnabrücker Land, in einem zentralen Museum zur Textilgeschichte in Bramsche und die beeindruckenden Moorfunde aus der Sammlung des Museums für Archäologie Schloss Gottorf in Kalkriese regten alle Teilnehmenden der Exkursion zum Staunen und Diskutieren an.

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Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung


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Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen der Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs

Porträt Justus Möser, Kreide, gerahmt, 1788/94 (Museumsquartier Osnabrück, Sammlung Justus Möser / Sammlung Osnabrücker Bildnisse, 2366)

Justus Möser (1720–1794) gilt in der deutschen Geistesgeschichte als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Nordwestdeutschlands im Zeitalter der Aufklärung. Die Basis hierfür bildet zum einen seine allumfassende amtliche Tätigkeit im Fürstbistum Osnabrück, zum anderen sein literarisch-publizistisches Schaffen. Bis heute erfuhr Möser ganz unterschiedliche Bewertungen. Erklären lässt sich dies unter anderem durch die jeweilige betrachtende Person und deren zeitlichen Horizont. Erschwert wird der Blick aber auch dadurch, dass es bis heute keine moderne Biographie gibt. Hinzu kommt die einseitige Edition seiner Schriften und die Fokussierung auf die publizistische und schriftstellerische Tätigkeit.

Zum Projekt

Um nun ein umfassenderes Bild von Justus Möser zu gewinnen, muss seine amtliche Tätigkeit stärker berücksichtigt und in Verbindung mit seiner publizistischen und schriftstellerischen Tätigkeit gesehen werden. Denn in erster Linie war Möser Jurist und Politiker. Im Zusammenhang mit seinen politischen Ämtern hat Möser zahlreiche Gutachten und Stellungnahmen zu Projekten der praktischen Aufklärung verfasst. Allerdings ist ein Großteil dieser handschriftlichen Texte bis heute nicht ediert, obwohl in der Forschung schon seit Jahrzehnten der Wunsch danach besteht.[1] Erklären lässt sich dies vor allem durch den schier unüberschaubaren Quellenfundus – werden doch tausende Schriften Mösers in dem Bestand des Niedersächsischen Landesarchivs, Abteilung Osnabrück (NLA OS) vermutet.[2] Als grundlegendes Problem gilt dementsprechend das fehlende Wissen darüber, wie viele amtliche Schriften Möser zeit seines Lebens verfasst hat und wo diese zu finden sind.

An dieser Stelle setzt das hier vorgestellte Projekt an. Ziel ist eine Tiefenerschließung einschlägiger Bestände des NLA OS, bei der insbesondere das Osnabrücker Hauptarchiv (Rep 100) in den Blick genommen wird. Im Fokus stehen Gutachten und Empfehlungen Mösers, die in den Jahren 1764–1794 verfasst wurden. Schriften aus diesem Zeitraum sind besonders interessant, weil Möser ab 1764 nicht mehr nur die Interessen der Ritterschaft vertrat, sondern als Konsulent der Regierung auch direkt seinem Landesherrn unterstellt war. Er vertrat somit die Interessen zweier Parteien, die einander gegenüberstanden, was ihm eine einmalige und einflussreiche Position im Fürstbistum sicherte.

Justus Mösers Bemühungen um eine Medizinalordnung für Osnabrück – Beispiel für ein von Möser verfasstes Gutachten und Einblick in dessen Entstehungskontext

Im Jahr 1765 wurde im Fürstbistum Osnabrück eine Verordnung erlassen, die es Apothekern und Chirurgen untersagte, Kranken innerlich anzuwendende Medikamente zu verabreichen oder zu verschreiben. Anlass hierzu gaben „allerley unerfahrene Leute“, welche Patienten „unhinlängliche Mittel“ verschrieben und diese dadurch von der „Wiedererlangung ihrer Gesundheit“ abhielten.[3] Damit lässt sich in Osnabrück, ebenso wie in anderen Territorien des Alten Reichs, ein gewisses Interesse der Obrigkeit an der Regulierung des Medizinalwesens nachweisen. Eine systematische Bündelung derartiger Verordnungen gab es in Osnabrück aber noch nicht.

Abb. 1-3: Gutachten von Justus Möser (1777) und Transkription (NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 338r–339v, Aufn. 0354–0356).

Ab der zweiten Hälfte der 1770er Jahre beschäftigte sich dann der Staatsmann und Aufklärer Justus Möser intensiv mit einer Medizinalordnung[4] für Osnabrück.[5] Als Vorbild fungierte dabei insbesondere die 1777 erlassene und von Möser selbst als „Meisterstück“[6] bezeichnete Medizinalordnung von Münster. Mit dem Verfasser dieses viel beachteten Regelwerks, Christoph Ludwig Hoffmann (1721–1807), tauschte sich Möser gleich auf mehreren Wegen aus. So wechselten die beiden Männer nicht nur Briefe,[7] sondern der Osnabrücker empfing den Arzt auch für ein persönliches Gespräch in seinem Wohnhaus.[8] Ein Blick in den edierten Briefwechsel macht deutlich, dass das Medizinalwesen und dessen Verbesserung stets zentrale Themen dieses Austauschs bildeten.

Zwar gelang es Möser schließlich nicht, eine Medizinalordnung in Osnabrück einzuführen, doch konnte er Reformen durchsetzen, die im medizinalpolizeilichen[9] Kontext als besonders dringlich erachtet wurden. Dies betraf vor allem die staatlich regulierte Ausbildung von Hebammen.[10] Damit sind die Bemühungen im Medizinalwesen ein beachtenswertes Beispiel für die praktische Aufklärungstätigkeit Mösers im Fürstbistum Osnabrück. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei der Austausch mit Hoffmann und weiteren Ärzten ein, die über ein spezifisches Fachwissen oder besondere berufliche Erfahrungen verfügten.

Das hier vorgestellte Gutachten befindet sich im Bestand Rep 100 des NLA OS und entstammt der Feder Justus Mösers (s. Abb. 1-3). Die entsprechende Akte trägt den Titel Verbesserung des Medizinalwesens und hat eine Laufzeit von 1765–1792.[11] Im Rotulus wird das vier Seiten lange Schreiben unter der Nr. 30.b als Gutachten des Herrn Raths Möser geführt.[12] Der Präsentatumsvermerk 20. Juni 1777 legt nahe, dass der Text kurz nach Inkrafttreten der Medizinalordnung von Münster am 14. Mai 1777 verfasst wurde. Der Inhalt des Gutachtens macht deutlich, dass Möser bestrebt war, die Aufmerksamkeit des lokalpolitischen Diskurses auf die Medizinalordnung von Münster zu lenken. Er betonte die Überlegenheit des Regelwerks gegenüber allen bisherigen Ordnungen und stellte Überlegungen dazu an, ob man die Hoffmannsche Ordnung als Grundlage für eine eigene nutzen oder sogar ganz übernehmen könne.

Erschließungsdaten in Arcinsys dank Kooperation mit dem NLA OS

Die im Rahmen der Tiefenerschließung ermittelten Daten werden in einer relationalen No-Code-Datenbank strukturiert erfasst und verwaltet. Auf dieser Grundlage erfolgt eine automatisierte Aggregation bestimmter Daten, die dem NLA OS sukzessive übermittelt werden. Dank einer Kooperation mit dem Archiv werden die übermittelten Datensätze anschließend in das Archivinformationssystem Arcinsys eingepflegt und auf diese Weise der Forschung wie auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. So ist es seit Oktober 2025 möglich, eine Vielzahl an Gutachten und anderen amtlichen Schriften Mösers in den digitalisierten Beständen des NLA OS zu suchen, zu finden und zu sichten. Auch das hier vorgestellte Gutachten Mösers aus dem Jahr 1777 kann über die Funktion „Einfache Suche“ in Arcinsys gefunden werden (s. Abb. 4-5).

Abb. 4 und 5: Suche von Gutachten Justus Mösers in Arcinsys (Screenshot: Jennifer Staar).

Die Tiefenerschließung und die damit verbundene Verbesserung der Datensätze macht Recherchearbeiten somit deutlich einfacher. Nicht zuletzt bietet eine Tiefenerschließung aber auch eine gute Grundlage für ein künftiges Editionsvorhaben ausgewählter amtlicher Schriften Justus Mösers und kommt damit dem seit langer Zeit gehegten Wunsch der Forschung endlich einen großen Schritt näher.

Weiterführende Informationen:

Verfasserin: Dr. Jennifer Staar.

Projekt: „Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung. Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs, Standort Osnabrück“, angesiedelt am Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).

Projektleiterin: Prof. Dr. Siegrid Westphal.

Kooperationspartner: Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Justus-Möser-Gesellschaft/Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein).

Förderhinweis: Gefördert durch die VGH Stiftung, Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück, Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein), Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).


[1] Siehe hierzu Ulrich Winzer/Susanne Tauss, Einleitung, in: dies. (Hg.), „Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct…“ Neue Blicke auf Justus Möser (1720-1794) (Kulturregion Osnabrück 33), Münster 2020, S. 13–23, hier S. 21; Reinhard Renger, Probleme einer Edition der amtlichen Schriften Justus Mösers, in: Winfried Woesler (Hg.), Möser-Forum 1/1989 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 27), Münster 1989, S. 273–279; Paul Göttsching, Vorwort, in: Justus Möser, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 14,1: Osnabrückische Geschichte und historische Einzelschriften. Bearb. Von Paul Göttsching, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Oldenburg/Hamburg 1976, S. 11–29, hier S. 15.

[2] Die Rede ist von Gutachten, Voten, Vermerken und Anmerkungen, die Möser während seiner amtlichen Tätigkeit verfasst

hat; vgl. Renger, Probleme einer Edition, S. 273.

[3] NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 13r.

[4] Zu dem Begriff Medizinalordnung vgl. Eckart, Art. „Medizinalordnung“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online (in der Folge EdNO), im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. v. Friedrich Jaeger (bis 2019) [u.a.], URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309461 (Zugriff 17.04.2026).

[5] Zu dem aufklärerischen Diskurs über eine Medizinalordnung für Osnabrück vgl. Jennifer Staar, Pragmatische Aufklärung und kommunikative Strategien. Justus Mösers Wirken im Fürstbistum Osnabrück (1766–1782) (bibliothek altes Reich 43), Diss., Berlin 2025.

[6] Justus Möser: Brief an Christoph Ludwig Hoffmann von Anfang 1777, in: Justus Möser, Briefwechsel. Neu bearb. v. William F. Sheldon i. Z. m. Horst-Rüdiger Jarck, Theodor Penners und Gisela Wagner (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 21), Hannover 1992, Nr. 466, S. 527–529, hier S. 528.

[7] Vgl. Möser, Briefwechsel, Nr. 466, 469, 471.

[8] Vgl. Justus Möser: Brief an Johann Peter Brinckmann vom 22.01.1779, in: Möser, Briefwechsel, Nr. 504, S. 568 f., hier S. 569.

[9] Zu dem Begriff Medizinalpolizei vgl. Louis Pahlow/Antje Zare, Art. „Medizinalpolizei“, in: EdNO, URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309529 (Zugriff 17.04.2026).

[10] Vgl. Staar, Pragmatische Aufklärung, bes. S. 201–234.

[11] Vgl. NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12.

[12] Vgl. ebd., fol. 2v.

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Vergangenheit zum Anfassen: Studierende der Hochschule Osnabrück entwickeln interaktive Runen-Station für das Varusschlacht-Museum


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Zwei Media & Interaction Design-Studierende haben eine Touchscreen-Anwendung für die Sonderausstellung „VERLORENE KRIEGER – Germanen zwischen Macht und Mythos“ in einem Kooperationsprojekt mit dem Museum und Park Kalkriese entwickelt. Seit dem 25. April können Gäste des Varusschlacht-Museums in Bramsche im Osnabrücker Land eine einzigartige Präsentation von mehr als 1.200 germanischen Artefakten aus dem 2. bis 5. Jahrhundert nach Christi erleben und sich an interaktiven Stationen neue Perspektiven auf das Leben der Germanen erschließen.

Mehr Infos zum Projekt: https://www.hs-osnabrueck.de/nachrichten/2026/05/vergangenheit-zum-anfassen

Der Verein für Geschichte und Landeskunde besucht am kommenden Wochenende die Ausstellung. Es sind noch Restplätze vorhanden!

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Auf der Zunge des Löwen


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Archivalie des Monats Mai 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Wer Mitte Juni 1975 die Lingener Tagespost aufschlug, konnte anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt Lingen einen merkwürdigen Satz lesen. Lingen, so stand da, habe „die Form einer Löwenzunge“. Das ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht unbedingt die erste Assoziation, wenn man sich frühneuzeitliche Stadtansichten von Lingen anschaut. Der Satz soll von Hugo Franziscus van Heussen (1654-1719) stammen, seinerzeit Dekan und Generalvikar in Utrecht.

Lingen auf der Zungenspitze des Belgischen Löwen.

Auf der Suche nach dem Zitat stößt man auf seine „Historia seu Notitia Episcopatus Deventriensis“, der posthum 1733 in Antwerpen erschienenen „Geschichte oder Kunde des Bistums Deventer“. Dort heißt es auf Seite 197 übersetzt: „Am Fluss Ems gab es einst nur eine Burg als gelegentliche Residenz für alternde Adlige, heute ist es jedoch eine Stadt und Hauptstadt des Territoriums von Lingen, das sich zwischen den Bistümern Osnabrück und Münster sowie den Grafschaften Tecklenburg und Bentheim in Form einer Löwenzunge erstreckt und 13 Pfarreien in sich fasst.“ Nicht die Stadt Lingen, sondern das Territorium Lingen soll also die Form einer Löwenzunge („forma leoninae linguae“) gehabt haben. Und mit etwas Phantasie mag man in dem langgestreckten, leicht gekrümmten Gebiet auch tatsächlich die Form einer Zunge erkennen. Aber waum ausgerechnet die Zunge eines Löwen?

Um diese Anspielung zu verstehen, muss man ein weiteres Buch aufschlagen, nämlich das Geschichtswerk „De Leone Belgico“ (Über den belgischen Löwen), 1583 veröffentlicht von dem österreichischen Chronisten Michael Aitzinger. Es beschreibt die Geschichte der Niederlande ab 1559 und enthält eine von dem Kupferstecher Frans Hogenberg gestochene Karte, die die Niederlande in der Gestalt eines Löwen zeigt. Diese Form der Darstellung ist in der Folgezeit vielfach kopiert worden. Die Küstenlinie der Nordsee bildete den Rücken des Belgischen Löwen, Luxemburg lag auf seiner linken Tatze, Jülich auf seiner rechten. Leeuwarden lag direkt hinter dem rechten Auge, Groningen auf seiner Nase – und ausgerechnet Lingen auf der Zungenspitze!

Es war wohl dieses bekannte Bild, das van Heussen bei seiner Formulierung vor Augen hatte. Auch Hogenbergs graphische Entscheidung, Lingen auf die Zunge zu setzen, war nicht frei von einer gewissen Ironie. Denn Lingen und „lingua“, das lateinische Wort für Zunge oder Sprache, klingen durchaus ähnlich. So ähnlich, dass sogar die Lingener Machurius-Sage damit spielt. Dort heißt es nämlich, Lingen habe seinen Namen erhalten, weil die Gegend wegen des bösen Treibens des Geistes Machurius in einer „lingua mala“, also in einem schlechten Ruf stände.

Löwe als Schildhalter am Haus Danckelmann.

Der Löwe, als „König der Tiere“ ein Symbol für Herrschaft und Mut, spielt in der Heraldik eine große Rolle, und auch in Lingen lassen sich Beispiele dafür finden. So schloß sich an das 1646 errichtete Drostenamtshaus ein Torbogen mit Löwenkopf an, später bekannt unter dem Namen Machuriustorbogen. Und um 1717 wurde unter Silvester Dietrich von Danckelmann (1689-1738) das Haus Danckelmann umgestaltet. Damit entstand auch die seitliche Toreinfahrt aus zwei von Vasen gekrönten Hauptpfeilern. Auf dem rechten Nebenpfeiler sitzt ein Löwe und hält das Danckelmannsche Wappenschild.

Silvester Dietrichs Vater Thomas Ernst Danckelmann (1638-1709) hatte nach dem Tod Wilhelms III. von Oranien Lingen 1702 für den preußischen König in Besitz genommen. Lingen war seitdem preußisch, und das hatte offenbar auch Auswirkungen auf das Stadtwappen. Dieses zeigte seit dem 14. Jahrhundert drei Türme als Zeichen für die starke Befestigung der Stadt. Seit dem frühen 18. Jahrhundert aber finden sich zusätzlich zwei Löwen als Wappenhalter, wie sich etwa auf Siegelabdrücken von 1720 und 1740 zeigt. In dieser Form führt die Stadt Lingen ihr Wappen bis heute. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die beiden Löwen die Zunge herausstrecken…

Das Wappen der Stadt Lingen am Neuen Rathaus.

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne.
  • StadtA LIN, Lingener Tagespost vom 15. Mai 1975.
  • StadtA LIN, Urkunden, Nr. 28.
  • Aitsingerus, Michael: De Leone Belgico, eiusque Topographica atque historica descriptione liber, Köln 1583.
  • Crabus, Mirko/ Meyers, Jörn: Die Burgstraße in Lingen. Ihre Baugeschichte und ihre Bewohner (Teil 2), in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbunden 66 (2020), S. 171-216.
  • Heussen, Hugo Franciscus van: Historia seu Notitia Episcopatus Daventriensis, ex Ecclesiarum M. Codicibus, Coenobiorum Membranis, patriae Archivis, Bibliothecarum thesauris, Autheticis annotatis & Classicis Scriptoribus, altero prelo auctior ac emendatior, Antwerpen 1733.
  • Hoffmann, Aloys: Über den Wiederaufbau des Machuriusbogens durch die Wachsektion „Lütke Fente“, in: Kivelingszeitung 1961, S. 8-13.
Weiterlesen: Auf der Zunge des Löwen
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Textile Schätze – Handwerkertradition und Archäologie


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Exkursion in die Werkstatt Torlage, das Tuchmachermuseum Bramsche und das Museum Varusschlacht in Kalkriese

Samstag, 9. Mai 2026, 10.30 – 17 Uhr

Nachdem die Tuchmacherinnung ihre Produktions­stätte, das heutige Tuchmacher Museum, Anfang der 1970er Jahre aufgegeben hatte, endete die lange Tradi­tion der Tuchherstellung in Bramsche. Eine Ausnahme bildete die Werkstatt der Familie Torlage. Bis heute ist das Wohn- und Arbeitshaus am Otterkamp, 1922 erbaut und 1946 um eine Weberei erweitert, unverändert und bewahrt seine ursprüngliche Atmosphäre. Neben der Besichtigung der Werkstatt Torlage steht auch ein kurzer Besuch des Tuchmacher Museums auf dem Programm.

Nach einer Mittagspause im Museum Varusschlacht wird dort die Sonderausstellung „Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht und Mythos“ im Rahmen einer Führung besichtigt. Die einzigartige Ausstellung präsentiert mehr als 1.000 hochkarätige Objekte aus der Sammlung des Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf, darunter Waffen, Ausrüstungsstücke, Alltagsgegenstände und einige außergewöhnliche Texti­lien aus Wolle. Die Funde stammen aus dem Thorsberger Moor und dem Nydam Moor, wo sie zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert niedergelegt wurden.

Treffpunkt: Werkstatt Torlage (eigene Anfahrt, genaue Adresse bei Anmeldung)
Kosten: 15 Euro, Anmeldeschluss: 4. Mai 2026
Leitung: Ulrike Hindersmann und Ilka Thörner

Zu allen Veranstaltungen des Historischen Vereins ist eine Anmeldung – per Mail oder telefonisch – unbedingt erforderlich:
E-Mail: [email protected]
Telefon: 0541 3316214
Teilnahmegebühren überweisen Sie bitte auf folgendes Konto: IBAN DE22 2655 0105 0000 2126 13

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„Christusmörder“ und „Brunnenvergifter“ – Das Entstehen antijüdischer Vorurteile im Mittelalter und die großen Wellen der Judenverfolgungen


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Vortrag von Prof. Dr. Thomas Vogtherr

Dienstag, 21. April 2026, 18 Uhr
Museumsquartier, Vortragssaal

Das Leben jüdischer Menschen im mittelalterlichen Deutschland war seit den Kreuzzügen vielfach bedroht und mit beträchtlichen Risiken verbunden. Glaubensunterschiede und daraus nicht selten erwachsener religiöser Fanatismus führten zur Ausgrenzung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Der Vortrag zeigt die Entstehung langfristig wirkender stereotyper Grundmuster von Judenfeindlichkeit auf und beschreibt ihre gesellschaftlichen Auswirkungen in Form der regelmäßigen Verfolgungen jüdischer Menschen im deutschen Wirkungsraum.

Mehr Infos zur aktuellen Ausstellung “Van den Yoden” und der dazugehörigen Veranstaltungsreihe im Museumsquartier finden Sie hier.

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Druck eines Werkes des PH-Kunstdozenten Max Egon Martin nun im Universitäts- und Hochschularchiv Osnabrück


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Max Egon Martin: “Der Einsiedel”

Auf verschlungenem Wege ist kürzlich ein Werk eines Kunstdozenten der Pädagogischen Hochschule Osnabrück an das Universitäts- und Hochschularchiv gelangt. Es handelt sich dabei um einen undatierten Druck von Max Egon Martin mit dem Titel „Der Einsiedel“.

Mehr Infos auf dem Blog zur Geschichte der Pädagogischen Hochschule / Adolf-Reichwein-Hochschule Osnabrück:

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Ein Schulwandbild aus der NS-Zeit im Emslandmuseum Lingen


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Manch einer kennt sie noch aus seiner eigenen Schulzeit: die sogenannten Schulwandbilder. Auch das Emslandmuseum Lingen besitzt eine Vielzahl dieser Bilder aus verschiedenen Epochen.

Das Schulwandbild zeigt das sagenhafte Aufeinandertreffen zwischen Otto I. und dem jungen Hermann Billung (Foto: Emslandmuseum Lingen).

Ein lesenswerter Beitrag über ein Schulwandbild aus der NS-Zeit im Blog des Emslandmuseums Lingen.

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Das Mausoleum Koke


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Archivalie des Monats April 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Die Familie Koke gehörte im 19. Jahrhundert zu den führenden Industriellenfamilien der Stadt. Die Basis dafür hatte sie mit dem Erwerb eines Windmühlenbetriebs, der fortan so genannten Kokenmühle, gelegt. Wie viele andere Emsländer der damaligen Zeit suchten einige Familienmitglieder allerdings ihr Glück in der Ferne. Philip und Hermann Koke wanderten in den 1830er Jahren nach Indiana aus, Christian und Heinrich Koke 1847 bzw. 1866 nach New York.

Die Grabstätte der Familie Koke und das Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof in Lingen.  Blick vom Stadtpark aus, ca. Ende der 1930er Jahre. (Stadtarchiv Lingen)

Auch den Müller Friedrich Koke (*22.12.1857) zog es in die neue Welt, allerdings nicht in die USA, sondern nach Chile. In Rancagua, einer landwirtschaftlich geprägten Kleinstadt mit damals über 4000 Einwohnern, gründete er als Federico Koke 1892 eine eigene Kokenmühle („el Molino Koke“), die er mit großem Erfolg betrieb. Verheirat war er mit der ebenfalls aus Lingen stammenden, aber deutlich jüngeren Maria Klasing (*22.12.1875). Am 2.11.1897 brachte sie in Santiago de Chile die Tochter Blanca zur Welt.

Mit ihrer Heirat wurde Blanca eine Freifrau von Flotho, doch die Ehe scheiterte. 1931 heiratete sie in Hannover erneut, nämlich Friedrich Frisius (*17.1.1895), der nach seinem Abitur in Lingen bei der Marine Karriere machte. Friedrich Kokes jüngerer Bruder Hermann hatte sich in Lingen inzwischen als Besitzer der Kokenmühle und Senator einen Namen gemacht. Trotz der großen Entfernung riss der Kontakt nicht ab. Noch 1922/23 verbrachte Maria Klasing mehrere Monate in Lingen, bis sie wieder nach Chile zurückkehrte.

Am 17.12.1924 starb Friedrich Koke in Rancagua. Seinem Wunsch entsprechend wurden Vorkehrungen getroffen, ihn in Lingen zu beerdigen. So entstand bis 1930 auf dem Alten Friedhof das Mausoleum Koke, ein neoklassizistischer Bau aus Kunststeinblöcken mit Säulenportikus und Apsis. Über dem Eingang befindet sich ein Kreuz und die Inschrift „Familie Friedrich Koke“. Das Innere bot Platz für sechs Sarg- und vier Urnenkammern. Bei der Sargkammer Kokes findet sich unter den Sterbedaten die Inschrift „LEBEN IST ARBEIT“. Als Maria Koke am 16.4.1938 in Rancagua starb, wurde auch ihr Sarg im Mausoleum aufgenommen. Ihr Spruch lautet „GOTT LEGT UNS EINE LAST AUF, ABER ER HILFT UNS AUCH.“

Die Lingener Kokenmühle (Stadtarchiv Lingen)

Friedrich Frisius setzte seine Militärkarriere im Zweiten Weltkrieg fort. Im September 1944 wurde er Festungskommandant der von alliierten Truppen eingeschlossenen Stadt Dünkirchen. Inzwischen zum Vizeadmiral befördert, verhinderte er bis zum Schluß die Befreiung der Stadt. Seine Frau Blanca verbrachte die 1930er und 1940er Jahre derweil in Wilhelmshaven, Hamburg und in der Lingener Klasingstr. 2. 1951 kehrte sie nach Chile zurück, wo sich nach Aufenthalten in Lingen und den USA auch Friedrich Frisius schließlich einfand. 1967 verbrachte sie erneut einige Tage, er einige Monate in der Lingener Klasingstraße, im Mai 1970 siedelten sie dann dauerhaft von Santiago de Chile zur Klasingstraße um. Nur wenig später starb Friedrich Frisius am 30.8.1970. Blanca Frisius, geborene Koke, geschiedene von Flotho, überlebte ihren Mann um fast 23 Jahre. Sie starb am 6.6.1993 in Rancagua. Auch sie beide fanden im Mausoleum Koke ihre letzte Ruhe. Bei ihren Lebensdaten findet sich ein Zitat aus dem Johannesevangelium: „ABER SEID GETROST, ICH HABE DIE WELT ÜBERWUNDEN“.

Nach langen Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft übernahm schließlich die Friedhofsverwaltung das Mausoleum. Im Vorfeld der 2017 erfolgten Grundsanierung fand man eine gießkannenartige Keramik mit zwei stilisierten Fröschen, einer Art Kaulquappe und einem Wesen mit anthropomorphen Gesichtszügen, eine traditionelle Grabbeigabe aus dem präkolumbischen Peru. Als Kolumbarium dient das Mausoleum heute der Aufbewahrung von Urnen. Die Kokenmühle in Rancagua ist im Bereich der Lebensmittelindustrie auch heute noch eines der wichtigsten Unternehmen der Stadt. Das dahinterliegende ausgedehnte Grundstück mit den Wohnhäusern ist heute ein öffentlicher Park mit über hundertjährigem Eichen- und Mammutbaumbestand und als Parque Koke bekannt.

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 1258.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 315.
  • StadtA LIN, Karteislg., Nr. 3, Nr. 10 (56).
  • StadtA LIN, Lingener Tagespost vom 12.6.1993, 4.11.2018 und 24.6.2019.
  • Dlugay, Inge: Der alte Friedhof zu Lingen-Ems, in: Lingener Heimatkalender auf das Jahr 1854, S. 74-89.
  • Eiynck, Andreas: Von der Neuen in die Alte Welt, vom Jenseits ins Diesseits. Ein geheimnisvoller Fund im Koke-Mausoleum (2020).
  • Galle, Karl-Ludwig: Frisius – Koke. Einige ergänzende „Splitter“ zur lutherischen Gemeinde in Lingen, in: Emsländische und Bentheimer Familienforschung, Heft 141/142, Band 28 (2017), S. 180-195.
  • Tenfelde, Walter: Auswanderungen und Auswanderer aus dem ehemaligen Kreise Lingen nach Nordamerika, Lingen 1993.
  • Wikipedia, Art. „Parque Koke“.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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Archiv-Nachrichten Niedersachsen 29/2025


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Förderwege, Digitale Archivierung und regionale Netzwerke im Fokus

Die 29. Ausgabe der Archiv-Nachrichten Niedersachsen ist erschienen. Dieses Heft bietet ein kompaktes, praxisorientiertes Panorama aktueller Fragen, die die Archivlandschaft Norddeutschlands bewegen: Wie profitieren Archive von großen Förderprogrammen? Wie verändern die Digitale Archivierung und die Digitalisierung die Zusammenarbeit? Welche Rolle spielen regionale Netzwerke für die Zukunft der Archive?

Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.
Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.

Im Mittelpunkt steht die Dokumentation des 9. Norddeutschen Archivtags in Bremen unter dem Leitmotiv „Archive und ihre Partner“. Beiträge und Berichte zeigen eindrücklich, dass Archivarbeit heute nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern als gemeinschaftliches Handeln: Werkstätten, Verwaltungen, Dienstleister und ehrenamtliche Initiativen arbeiten zusammen, um Originale zu erhalten, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Ein Schwerpunkt des Hefts ist die neue Förderlandschaft: Das Programm „Schriftliches Kulturgut erhalten“ eröffnet Chancen für kleinere Einrichtungen, rückt Fotobestände stärker in den Fokus und ermöglicht modulare Antragstellungen. Die Beiträge geben konkrete Hinweise, wie sich Projekte bündeln, Partnerschaften vor Ort nutzen und Förderanträge als Teamarbeit gestalten lassen – pragmatisch, ressourcenschonend und wirkungsorientiert.

Zahlreiche Fallstudien liefern unmittelbare Praxis: Kooperationen zwischen Landesarchiven und Werkstätten, ein Citizen-Science-Projekt zur Erschließung, filmische Zugänge zur Stadtgeschichte sowie Erfahrungsberichte zur Übernahme elektronischer Akten. Ergänzt werden diese Einblicke durch Beiträge zu digitaler Überlieferung, Bestandserhalt und Notfallvorsorge – Themen, die nur im Verbund erfolgreich zu bewältigen sind.

Die Rubrik „Aus der Arbeit der Archive“ enthält zwei prägnante Beiträge: eine Analyse der welfischen Adelserinnerung und ein Rückblick auf 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen, die beide die Bedeutung von Archiven für Identität, Forschung und Lehre unterstreichen. Unter „VANB-Angelegenheiten“ informieren der Verband und seine Regionalgruppen über aktuelle Projekte und Planungen, die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit vor Ort stärken.

Die Archiv-Nachrichten werden allen empfohlen, die nach konkreten Anregungen, erprobten Lösungen und vernetzten Perspektiven für die Archivarbeit suchen. Seien es Ideen für den Lesesaal, die Gestaltung der Werkstatt oder das Magazin.

Die Mitglieder des VANB (Verband der Archivarinnen und Archivare in Niedersachsen und Bremen e.V.) erhalten die Zeitschrift kostenlos im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Die A-NN können über das Kreisarchiv Emsland erworben werden: Herzog-Arenberg-Straße 12, 49716 Meppen, 05931/446107, [email protected]

Inhalt

9. Norddeutscher Archivtag in Bremen

Konrad Elmshäuser, 9. Norddeutscher Archivtag in Bremen. Archive und ihre Partner – Bestandserhaltung, Erschließung und Vorsorge

Ursula Hartwieg, Das neue Förderprogramm für den bundesweit koordinierten Originalerhalt: „Schriftliches Kulturgut erhalten“

Thomas Bardelle, Die Kooperation der Abteilung Stade im Niedersächsischen Landesarchiv mit den Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes in Stade

Angela Huang, Citizen Science zur Erschließung historischer Quellenbestände an der FGHO

Henning Steinführer, Das Stadtarchiv Braunschweig und seine Kooperationspartner bei der Erschließung und Nutzung von Archivgut

Daniel Tilgner, Archiv auf ungewohnten Wegen: Zur Entstehung einer Kinodokumentation zur Stadtgeschichte im Landesfilmarchiv Bremen

Matthias Manke, Die eAkten-Übernahme im Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern mit dem DIMAG-Ingest-Werkzeug elektronische Akte (DIWA)

Uwe Leuenhagen, Anbietung und Übernahme von elektronischen Akten der Landesverwaltung in Schleswig-Holstein: ein Erfahrungsbericht

Olga Aginski und Viktor Pordzik, Die Archivierung elektronischer Akten im Staatsarchiv Bremen – ein Arbeitsbericht

Susanne Meinicke, Digitale Archivierung gemeinsam meistern. Erfahrungen aus der Aufbauphase der kommunalen Servicestelle für digitale Archivierung

Nele Bösel-Hielscher, Archive und ihre (Notfallverbund-)Partner – Podiumsdiskussion

Jörn Brinkhus, Zur rechtssicheren Onlinestellung von urheberrechtlich geschütztem Kulturgut. Die Regelungen für nicht-verfügbare Werke und das öffentliche Archivwesen

Dominik Dockter, Christian Hellwig und Ben Rieger, Archivalische Quellen zum (post-)kolonialen Erbe in Niedersachsen und Bremen. Ein Projektbericht

Aus der Arbeit der Archive

Arne Hoffrichter, Der „welfische“ Adel als Erinnerungsgruppe nach 1866: Gutsarchive als Fundus imaginierter Kontinuität

Holger Berwinkel, 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen. Produkt und Voraussetzung der Forschung

VANB-Angelegenheiten

Lars Nebelung, Bericht aus der Mitgliederversammlung des VANB e. V. am 4. Juni 2025

Kathrin Flor, VANB-Regionalgruppe Bentheim – Emsland – Osnabrück

Thomas Bardelle und Sönke Kosicki, Die VANB-Regionalgruppe Elbe-Weser plant einen Archivführer

8. Niedersächsisch-Bremischer Archivtag in Bremerhaven

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„Van den Yoden“ – Judentum im spätmittelalterlichen Osnabrück (1260–1430)


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Sonderausstellung mit Begleitprogramm

Kulturgeschichtliches Museum
22. März bis 30. August 2026
Museumsquartier Osnabrück

Antijüdische Darstellung im Codex Gisle, Handschrift, um 1300
© Bistumsarchiv Osnabrück, MA 101

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde(n) in Osnabrück zum 600. Mal. Knapp zwei Jahrhunderte lang lebten jüdische Familien zusammen mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft in einem von sozialen Spannungen und religiösen Konflikten geprägten Nebeneinander. Antijudaismus war Alltag.

1309 vom Osnabrücker Bischof offiziell für den Geldverleih in die Stadt geholt, wurden die jüdischen Menschen während des Pestpogroms von 1350 von der christlichen Nachbarschaft brutal ermordet. Nur wenige Jahre später entstand in der Neustadt eine neue jüdische Gemeinde. Nach der faktischen Aufhebung des Zinsverbotes für Christen wurden Juden als Geldgeber verdrängt. 1426 endete die erste Epoche jüdischer Sesshaftigkeit in der Stadt mit letzten Steuerzahlungen.

In der Ausstellung erinnern kostbare mittelalterliche Originale an diese Phase Osnabrücker Wirtschafts-, Religions- und Migrationsgeschichte. Am lokalen Beispiel werden die über Jahrhunderte tradierten antijudaistischen Wurzeln des Antisemitismus sichtbar. Der durch ihre kulturelle und religiöse Vielfalt geprägten bundesdeutschen Gesellschaft bietet „Van den Yoden“ mit Ausstellung, Begleitprogramm und Katalog angesichts des aktuellen Antisemitismus den öffentlichen Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit den im Antijudaismus gründenden Ursprüngen des Antisemitismus.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 11 – 18 Uhr
Samstag und Sonntag/Feiertag: 10 – 18 Uhr

Museumsquartier Osnabrück
Lotter Straße 2
49078 Osnabrück
www.museumsquartier-osnabrueck.de
Telefon: 0541 323-2207 / 323 2237

Eintritt frei für alle U18, Osnabrücker Studierende mit Studierendenausweis und Geflüchtete.

Mehr Infos:

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Ossietzkys Rückkehr ins Emsland. Erinnerungskultur Esterwegen


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Vortrag von Gerhard Kromschröder und Hermann Vinke

Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Museumsquartier Osnabrück, Vortragssaal

Buchcover “Ossietzkys Rückkehr ins Emsland”

Vertuscht, verdrängt, verleugnet: In den 1960ern drohte die KZ-Vergangenheit des Emslandes dem Vergessen anheimzufallen. Zwei junge Redakteure stemmten sich dagegen. Ihre berufliche Laufbahn ist eng damit verwoben: Gerhard Kromschröder und Hermann Vinke waren in den 1960er Jahren Redakteure der „Ems-Zeitung“. Trotz heftiger Gegenwehr vor Ort rückten sie das Geschehen in den 15 Emslandlagern während der NS-Zeit und ihren prominentesten Häftling, den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, in ihrer Berichterstattung immer wieder in die breite Öffentlichkeit.
Der Vortrag zeigt ein Bild von der verbreiteten Erinnerungsabwehr im Emsland. Die beiden jungen Journalisten bezahlten ihr Engagement gegen das Vergessen mit ihrem Arbeitsplatz. Doch auf dem Gelände des ehemaligen KZ Esterwegen steht heute eine Gedenkstätte, in der Carl von Ossietzky einen würdigen Platz gefunden hat. Er ist also an den Ort seines Leidens zurückgekehrt, wo er als Mahner gegen die aktuell vermehrt auftretenden Feinde der Demokratie weiterwirkt.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Eintritt ist frei.

Im Anschluss an den Vortrag findet die Jahreshauptversammlung 2026 des Vereins statt.

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Neubeginn nach dem Krieg: Eheschließungen polnischer Displaced Persons im Lager Bad Essen 1945


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Auszug aus dem Heiratsregister von Bad Essen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Bad Essen blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont. Dennoch war der Ort unmittelbar von den Folgen des Kriegsendes betroffen. Wie in vielen Gemeinden der britischen Besatzungszone befanden sich hier nach 1945 zahlreiche sogenannte Displaced Persons (DPs) – Menschen, die sich infolge von Krieg, Verschleppung und Zivilzwang außerhalb ihrer Heimat befanden. Ein Teil von ihnen war polnischer Staatsangehörigkeit. Während der deutschen Besatzung wurden sie als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich deportiert. Nach Kriegsende wurden sie in Sammelunterkünften untergebracht, die in den Quellen als „polnisches Lager“ bezeichnet werden.

Diese Lager dienten der Versorgung und Registrierung der Betroffenen sowie der Vorbereitung ihrer Rückführung oder Auswanderung. Viele Menschen kehrten jedoch nicht sofort in ihre Herkunftsregionen zurück. Unsichere politische Verhältnisse, zerstörte Infrastruktur und neue Grenzziehungen führten dazu, dass zahlreiche polnische Displaced Persons über längere Zeit vor Ort verblieben.

Ein Standesamtsregister aus Bad Essen, das kürzlich in das Niedersächsische Landesarchiv übernommen wurde, dokumentiert diese Situation auf eindrucksvolle Weise. In den Einträgen ab Herbst 1945 häufen sich Eheschließungen, bei denen als Wohnort der Verlobten „polnisches Lager“ angegeben ist. Trauzeugen stammen häufig ebenfalls aus dem Lagerumfeld und sind dem Standesamt als Dolmetscher dienlich. Mehrfach wird vermerkt, dass die Identität der Brautleute dem Standesbeamten „auf Grund [der] Aufgebotsverhandlung bekannt“ sei – ein Hinweis darauf, dass Ausweisdokumente oft fehlten und die Feststellung der Identitätsdaten auf Zeugenaussagen beruhte.

Die Herkunftsorte der Eheschließenden liegen überwiegend in den Regionen Posen, Schlesien und anderen Teilen Polens. Diese Angaben spiegeln die Herkunft vieler während des Krieges verschleppter Arbeitskräfte wider.

Auffällig ist zudem, dass in mehreren Fällen Kinder erst nachträglich anerkannt wurden. Solche Legitimationsvermerke deuten darauf hin, dass Beziehungen bereits vor der standesamtlichen Eheschließung bestanden. Die nachträgliche Anerkennung diente der rechtlichen Absicherung der Familienverhältnisse und war insbesondere für die staatsrechtliche Stellung der Kinder von Bedeutung.

Geburteneinträge aus späteren Jahren weisen darauf hin, dass polnische Displaced Persons teilweise über längere Zeit in Bad Essen verblieben sind. Dies entspricht der historischen Situation: Viele DPs warteten auf Rückkehrmöglichkeiten oder zögerten aufgrund politischer Veränderungen in ihren Herkunftsgebieten eine Rückkehr hinaus.

Die Einträge verdeutlichen zugleich den sozialen Kontrast der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zwischen den zahlreichen Eheschließungen polnischer Lagerbewohner findet sich die Trauung eines Angehörigen des Adels. Diese Gleichzeitigkeit des Seins verweist auf die räumliche und administrative Nähe sehr unterschiedlicher sozialer Gruppen im lokalen Alltag.

Auch administrative Veränderungen lassen sich im Register ablesen. Unmittelbar nach Kriegsende erscheint in den Eheformulierungen zur Hoheitsgewalt „im Namen des Reiches“ der Zusatz „und der englischen Militärregierung“. Diese Ergänzung dokumentiert den Übergang der staatlichen Hoheitsgewalt auf die britische Besatzungsmacht und deren Einfluss auf standesamtliche Verfahren. Parallel dazu ist eine Veränderung der Handschrift und Schreibweise festzustellen, was auf personelle Wechsel im Standesamt hindeuten könnte.

Administrative Veränderungen lassen sich im Register u.a. an handschriftlichen Ergänzungen erkennen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Mit dem fortschreitenden Abbau der DP-Lager und der Rückkehr beziehungsweise Auswanderung ihrer Bewohner verloren diese Einträge in den folgenden Jahren wieder an Bedeutung. Gleichwohl dokumentieren sie eine Phase des Übergangs, in der sich globale Ereignisse unmittelbar im lokalen Raum niederschlugen.

Das Standesamtsregister der Gemeinde Bad Essen macht damit sichtbar, wie Menschen nach Jahren des Zwangs, der Entwurzelung und der Unsicherheit begannen, familiäre Strukturen neu zu ordnen und rechtlich abzusichern. Hinter den nüchternen Verwaltungsvermerken stehen individuelle Lebensgeschichten von Verlust und Neubeginn. Zugleich spiegeln die Einträge den administrativen und gesellschaftlichen Wandel der frühen Nachkriegszeit wider.

Solche Quellen erinnern daran, dass Archive nicht nur amtliche Vorgänge dokumentieren, sondern auch Zeugnisse menschlicher Erfahrungen bewahren. Sie eröffnen Perspektiven auf Migration, Integration und das Wiederaufkeimen ziviler Strukturen nach Krieg und Gewalt – Themen von bleibender historischer und gesellschaftlicher Relevanz.

Am 08. März 2026 öffnet das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Osnabrück von 11 – 16 Uhr seine Türen auch außerhalb der Öffnungszeiten: Der Tag der Archive wird alle zwei Jahre vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare ausgerufen. Das diesjährige Motto lautet „Alte Heimat – neue Heimat“. Neben Vorträgen, Informationsständen und einem Büchertisch des Historischen Vereins wird bei Magazinführungen unter anderem auch das Heiratsregister aus Bad Essen zu sehen sein. Zum gemeinsamen Programm mit dem Diözesanarchiv Osnabrück gelangen Sie hier.

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Darme


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Archivalie des Monats März 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Wie in Baccum und Bramsche reichen die frühesten Siedlungsspuren im Gebiet Darme bis in die Steinzeit zurück. Erstmals erwähnt wird Darme 1302, als der Famulus Matheus de Thune dem Kloster Wietmarschen für 29 Mark sein Erbe „Sudendorpe“ (später Heitel) verkaufte, das „in villa dicta Dermen“ lag. Darme, unterteilt in Niederdarme im Westen und Hohendarme im Osten, gehörte trotz seiner Lage östlich der Ems zum Kirchspiel Schepsdorf und zum Bistum Münster.

Schleuse bei Hanekenfähr (Stadtarchiv Lingen)

Das adelige Gut Haneken in Niederdarme war ursprünglich ein Sundern im Besitz der Grafen von Bentheim. Diese verkauften es 1320 an den Ritter Johann von Langen. Beschrieben wird es dabei als großes und kleines Haus in „Hanikena“ mit dem zugehörigen Sundern, mit Wäldern, einer Mühle und Fischereirechten. Die Familie von Langen errichtete hier bald darauf eine Burg. Auf einer Karte von 1645 ist von dieser Burg allerdings nur noch die Gräfte zu sehen. Die Grenze der Fischereirechte des Hauses Haneken markierte der sogenannte Ikenstein („Eckstein“) oder Fischstein, ein seit dem 15. Jahrhundert belegter Findling auf der anderen Seite der Ems.

Noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verlief die Ems so nahe an Lingen vorbei, dass Überschwemmungen drohten. In Absprache mit den Münsterschen wurde deshalb bei Darme ein Durchstich vorgenommen und der Ems so ein neues Bett gegeben, das näher bei Schepsdorf lag. Doch das neue Bett versandete bald, und nach einem Hochwasser 1546 suchte sich die Ems einen neuen Weg. Das Bett wurde daraufhin vertieft, sodass die Ems hierhin zurückfand. Die vormals westlich der Ems gelegenen Gebiete – etwa ein Großteil von Reuschberge und wohl auch der Möddelhof – blieben jedoch münsterisch und gehörten damit zu Darme. Die Fehrstation wurde zur neuen Ems und damit auf münsterisches Gebiet verlegt, verblieb aber als Enklave in Lingener Hand.

Nach den „Bischofsjahren“ 1672/74 setzen die im Lingenschen nun wieder herrschenden Oranier die Reformation konsequent durch. Im März 1675 wurde katholischen Geistlichen der Aufenthalt im Lingener Land untersagt. In Darme entstanden derweil katholische Notkirchen. So besuchten die Lingener Katholiken eine als Kirche eingerichtete Scheune auf dem Möddelhof, die Thuiner und Baccumer Katholiken eine weitere auf dem Lükenhof. Heidenreich Stodtbrock, vormals katholischer Erzpriester in Lingen, war bereits 1662 nach Darme geflohen, bis ihn der Bischof von Münster 1667 mit der Schepsdorfer Pfarrei betraute. In dieser Phase lässt sich auch die Darmer Kapelle erstmals belegen. Hier findet sich ein Wappenstein von Isabella Clara Eugenia, Stadthalterin der spanischen Niederlande, und ihrem Mann Albrecht VII. Diese hatten Lingen seinerzeit katholisch beherrscht, und so diente ihr Wappen später als ein Symbol des katholischen Widerstandes gegen die reformierten Oranier.

Die Staustufe bei Hanekenfähr (Stadtarchiv Lingen)

Im 19. Jahrhundetr litt Darme unter ähnlichen ökologischen Problemen wie Bramsche und Schepsdorf. Plaggenhieb und Überweidung hatten zu einer Versandung weiter Flächen geführt. Das änderte sich erst allmählich mit einer weiträumigen Aufforstung. Um die Ems schiffbar zu machen, wurde 1824 bei Haneken ein Wehr angelegt und in der Folge der Ems-Hase-Kanal ausgehoben. Das Gut Haneken durchschnitt er dabei in gerader Linie. Das ursprünglich hölzerne Wehr in Hanekenfähr wurde 1877 durch ein neues Wehr aus Beton und Stein ersetzt. Dafür wurden auch die Megalithgräber in Gleesen und Rottum geplündert. Begonnen 1871 von französischen Kriegsgefangenen wurde bis 1904 zwischen Hanekenfähr und Nordhorn der Ems-Vechte-Kanal angelegt. Auch der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1856 prägte die Landschaft.

Das Gasthaus zum Grünen Jäger (Stadtarchiv Lingen)

Bei den Reichstagswahlen im November 1932 holte die NSDAP in Darme 11,8%, nach Brögbern das höchste Ergebnis unter den späteren Ortsteilen. Bürgermeister Bernhard Lohmann (ab 1937 NSDAP, ab 1939 mit Parteiamt) wurde 1934 vom NS-Landrat bestätigt. Sein Beigeordneter August Spratte, Leiter der Darmer Volksschule, war bereits 1933 in die NSDAP eingetreten. 1936 bekam seine Schule die Erlaubnis zum Hissen der HJ-Fahne. In Reuschberge waren derweil auf Darmer Grund die Scharnhorst- und die Walter-Flex-Kaserne errichtet worden. Das Gebiet wurde 1936 nach Lingen umgemeindet.  1941 wurde ein Gebäude auf dem Heidhof zum Kriegsgefangenenlager umgebaut und bald darauf mit Franzosen belegt. Angesichts der vorrückenden Front sprengten die Deutschen am 7. April 1945 die Eisenbahnbrücke in Hanekenfähr, die Briten ersetzten sie zügig durch eine Pontonbrücke und konnten so in Darme einziehen.

Haus Heidhof (Stadtarchiv Lingen)

Nach dem Krieg stiegen die Bevölkerungszahlen rasch an. Hatten sich die Katholiken bisher nach Schepsdorf orientiert, bekamen sie 1959 die Christ-König-Kirche, die 1971 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Die Lutheraner hingegen konnten ab 1958 die Johanneskirche besuchen. Ende der 1950er Jahre kaufte VEW den Hof Rekkert und verschiedene Ländereien, um dort ein Elektrizitätswerk zu errichten. War zunächst von einem Kohle-, Öl- und Gaskraftwerk die Rede, zielten die Planungen schließlich auf ein Kernkraftwerk. Während die Darmer Schulchronik „Skepsis und Besorgnis“ in der Bevölkerung feststellte, begrüßte die Politik angesichts der zahlreichen neuen Arbeitsplätze das Projekt. Das 1968 in Betrieb genommene Kernkraftwerk Lingen und der in der Folge entstandene Industriepark Süd begründeten eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Darme war die erste Gemeinde, die mit Lingen 1968 in Verhandlungen über einen freiwilligen Zusammenschluss trat. Zusammen mit Laxten und Brockhausen wurde sie 1970 ein Lingener Ortsteil.

Quellen und Literatur:

  • BArch, R 9361-IX KARTEI / 26330529.
  • NLA OS, Rep 980, Nr. 13555, Nr.
  • StadtA LIN, Allgemeine Sammlung, Nr. 1287.
  • StadtA LIN, AV-Medien, Nr. 224.
  • StadtA LIN, Fotosammlung.
  • StadtA LIN, Lingener Volksbote vom 7.11.1932.
  • StadtA LIN, Slg. Schulchroniken, Nr. 12.
  • Bojer, Reinhard: Sag mir, wo die Gräber sind. Kriegserinnerungen aus Darme, Lingen 2002.
  • Eiynck, Andreas: Unterwegs in Hanekenfähr, Lingen 1992.
  • Fickers, Manfred: Ortsteilportrait Darme, in: Kivelingszeitung 2005, S. 201ff.
  • Goldschmidt, Bernhard Anton: Geschichte der Grafschaft Lingen und ihres Kirchenwesens insbesondere. Neudruck der Ausgabe Osnabrück 1850, Osnabrück 1975.
  • Heimatverein Darme (Hg.): Die Ems in unserer Heimat, Bad Bentheim 2008.
  • Interessengemeinschaft Chronik Darme (Hg.): Darme. Von einer Bauerschaft zu einem Stadtteil 1302-2002, Lingen 2002.
  • Lornatus, Erich: Der Wappenstein in der Kapelle zu Darme. Eine heimatkundliche Betrachtung über Vorgänge um den alten Festungsring der Stadt Lingen, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 27 (1981), S. 45-54.
  • Nick, Karl-Josef: Der Wandel des Landschaftsbildes im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel der ehemaligen Bauerschaft Darme bei Lingen anhand historischer Karten, in: JB 55 (2009), S. 201-222.
  • Remling, Ludwig: Im Bannkreis habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. und 16. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), Bielefeld 1997.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, Lingen a.d. Ems 1905/1910.
  • Tenfelde, Walter: 300 Jahre Darmer Schützen zum Jubelfest, 1959.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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Zwischen Tanzfläche und Museum


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Diskotheken und Jugendkultur entlang der B 213

Wer die Alltagskultur der Provinz und die flirrenden Räume jugendlicher Vergnügung der 1960er bis 1980er Jahre erkunden möchte, findet in Werner Straukamps Buch „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989“ eine reichhaltige Fundgrube voller überraschender Details und lebendiger Zeitzeugnisse.[1]

Abb. 1: Cover des Buches „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“ von Werner Straukamp.

Werner Straukamps „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989“ ist in erster Linie eine beeindruckende Materialsammlung: auf 222 Seiten versammelt der Band eine dichte Chronik regionaler Popkultur, die lokale Akteurinnen und Akteure, Veranstaltungsorte und Alltagspraktiken der Provinz in bemerkenswerter Detailtiefe sichtbar macht. Der Untertitel des Projekts, „Eine Disco kommt ins Museum. Diskothek ‚Zum Sonnenstein‘“, markiert programmatisch, worum es dem Autor geht: nicht nur um die Rekonstruktion von Orten, sondern um die museale Verhandelbarkeit und Präsentation lokaler Jugendkultur.

Quellen und Methodik

Die besondere Stärke des Buches liegt in der Breite und Vielfalt seiner Quellen. Regionale Zeitungsartikel, Werbeanzeigen, Leserbriefe und Gerichtsberichte werden mit zahlreichen Oral‑History‑Interviews kombiniert; die Einbindung eigener Erfahrungen als DJ und Veranstalter verleiht vielen Passagen eine unmittelbare Authentizität und macht technische, organisatorische und atmosphärische Details greifbar (vgl. etwa die Beschreibungen zur „Scala“ in Lastrup, S. 142-145).

Inhaltliche Stärken

Die Darstellung der musikalischen Wandlungen von Beat und Rock über Soul, Funk und Disco bis zur Neuen Deutschen Welle ist anschaulich und gut dokumentiert (S. 24–36). Werner Straukamp zeigt überzeugend, wie sich aus vereinzelten Tanzlokalen und Beat‑Clubs eine differenzierte Diskothekenlandschaft entwickelte und wie Boutiquen, Plattenläden, Jugendzentren und regionale Festivals als Kristallisationspunkte wirkten. Quantitative Hinweise – etwa die Entwicklung von einer einzigen stationären Diskothek 1965 zu 81 Tanzlokalen 1984 – vermitteln dem Leser ein Gefühl für die Größenordnung der lokalen Entwicklung (S. 202). Die zahlreichen Zeitzeugenstimmen machen deutlich, dass Diskotheken im ländlichen Raum mehr waren als Vergnügungsstätten; sie fungierten als soziale Treffpunkte und Orte der Identitätsbildung. Für Museen, Lokalhistorikerinnen und Lokalhistoriker sowie Forschende der Alltagskultur bietet der Band daher eine reichhaltige Fundgrube (vgl. Anhang 2, S. 202-218).

Abb. 2: Werbeplakat „Georgies Boutique – Haare wachsen für den Frieden / LSD zum Mitnehmen“ (Original 1970, George Mikolajew, Nordhorn) (zugleich hintere Umschlagseite des Buches „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“).

Kritische Anmerkungen

Trotz der dokumentarischen Sorgfalt bleibt die Darstellung an vielen Stellen deskriptiv und nostalgisch gefärbt; problematische Aspekte wie Kommerzialisierung, soziale Ausgrenzung, Geschlechterverhältnisse, Gewalt oder Drogenkonsum werden zwar benannt, aber nicht systematisch oder theoretisch fundiert aufgearbeitet (u. a. S. 114, 125, 176, 181). So werden etwa Veranstaltungen wie „Miss Bikini“-Wahlen oder „Go‑Go‑Girl‑Wettbewerbe“ beschrieben, ohne die dahinterliegenden Geschlechterdynamiken oder die ökonomischen Mechanismen der Sexualisierung vertieft zu analysieren (S. 180 f.). Berichte über Polizeirazzien, Schießereien oder Drogenfunde verbleiben überwiegend auf chronikaler Ebene, ohne Ursachen, strukturelle Bedingungen oder längerfristige Folgen zu erörtern (S. 175-184). Eine stärkere theoretische Einbettung, etwa durch Bezüge zu Konsumsoziologie, Raumtheorie oder Gender Studies, hätte die empirischen Befunde in größere analytische Zusammenhänge stellen können.

Formal und in der Aufbereitung bestehen ebenfalls Verbesserungsmöglichkeiten. Die Detailfülle führt mitunter zu überlangen Passagen und Redundanzen, die den Lesefluss hemmen; eine straffere Gliederung und kürzere Abschnitte hätten die Lesbarkeit erhöht. Visuelle Hilfsmittel wie Karten, Tabellen oder Diagramme zur räumlichen und quantitativen Entwicklung der Diskothekenlandschaft fehlen weitgehend; gerade bei einer regionalen Studie entlang einer Verkehrsachse wären Karten zur Verortung und Tabellen zur Entwicklung der Betriebszahlen hilfreich gewesen. Auch das Fehlen eines Registers erschwert den Zugriff auf die zahlreichen genannten Orte und Betriebe. Schließlich bleibt die Auswertung der Zeitzeugenbefunde in Teilen unsystematisch: Viele Anekdoten sind reich an Details, werden aber nicht nach Themenfeldern klassifiziert oder vergleichend analysiert.

Fazit und Ausblick

Trotz dieser Kritikpunkte bleibt der Wert der Studie unbestritten. Werner Straukamp legt eine sorgfältig dokumentierte Materialsammlung vor, die für weitergehende Forschung exzellent nutzbar ist. Die dichte Quellenbasis eröffnet zahlreiche Anschlussfragen: Wie veränderten sich soziale Differenzierungen innerhalb der Besuchergruppen über die Jahrzehnte? Welche Rolle spielten ökonomische Rahmenbedingungen und lokale Politik bei der Entstehung und Schließung von Betrieben? Auf welche Weise lassen sich Gewaltphänomene oder Drogenkonsum analytisch fassen? Werner Straukamp macht mit seinem Projekt zudem deutlich, dass lokale Popkultur nicht nur dokumentiert, sondern auch museal verhandelt werden kann; die institutionelle Perspektive des Vorhabens ist damit sowohl historisch als auch praktisch relevant (vgl. Anhang 2, S. 202-218; Literaturverzeichnis, S. 219-221).

Für die weitere Forschung ergeben sich daraus klare Aufgaben: Eine stärkere theoretische Rahmung könnten aus der reichhaltigen Chronik eine analytisch stringentere Studie machen. Vergleichende Untersuchungen mit anderen ländlichen Verkehrsachsen oder mit urbanen Zentren würden helfen, die Spezifika der B‑213‑Region zu schärfen.

Abschließend überzeugt „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“ vor allem als lebendige, quellenreiche Chronik. Die persönliche Nähe des Autors verleiht dem Text Wärme, Detailkenntnis und Glaubwürdigkeit, auch wenn die kritische Distanz an einigen Stellen möglicherweise fehlt. Wer eine anekdotisch reiche, lokal verankerte Darstellung sucht, findet in diesem Band viel Wertvolles; wer eine theoretisch stringent aufgebaute Analyse erwartet, wird die fehlende Tiefe bemängeln. Als Ausgangspunkt für weitergehende Forschung, Ausstellungen und Oral‑History‑Projekte ist das Werk jedoch hervorragend geeignet und lädt dazu ein, die hier versammelten Materialien analytisch weiterzudenken.

[1] Werner Straukamp, Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989. Forschungsbericht zu dem Projekt „Eine Disco kommt ins Museum. Diskothek ‚Zum Sonnenstein‘“ im Niedersächsischen Freilichtmuseum Cloppenburg, Cloppenburg 2021.

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Die Gouverneure von Lingen

01. Februar 2026 um 07:00

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Archivalie des Monats Februar 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Im Achtzigjährigen Krieg, in dem die aufständischen Provinzen der Niederlande um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, war Lingen zeitweise Standort einer Garnison und befand sich unter dem militärischen Befehl eines Gouverneurs, auch Stadtkommandant genannt. Lingen stand zunächst auf spanischer Seite. Bereits 1586 beschwerte sich der Lingener Drost Ernst Mulert über die Belastung durch die einquartierten Soldaten. 1589/90 fielen berittene Soldaten aus Lingen im Kirchspiel Emsbüren ein. Friedrich van dem Berg, Statthalter und Generalkapitän von Overyssel, Friesland und Lingen, hatte die Lingener Festungswerke gut befestigt, und so blieb die Stadt 1590 von marodierenden niederländischen Truppen verschont. Die Verteidigung der Stadt unter seinem Kommando 1597 scheiterte jedoch, am 13. November hielt Moritz von Oranien Einzug in die Stadt und am 14. November verließen Gouverneur Friedrich van den Berg und seine Soldaten sie Richtung Salzbergen. Lingen stand damit unter dem Befehl des niederländischen Kommandanten Martin Cobbe.

Ansicht der Belagerung Lingens 1605 aus dem 1609 erschienenen Werk „Della guerre de Fiandra“ des Lingener Gouverneurs Pompeo Giustiniano. (StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712)

Gouverneur Cobbe war auch noch in Lingen, als der spanische Herrführer Spinola die Stadt 1605 unter Belagerung stellte. Auf die Verteidigung war die Stadt nur unzureichend vorbereitet und Cobbes Hauptleute hatten kaum Erfahrung. In Verhandlungen willigte Cobbe schließlich in die Übergabe der Stadt ein, wofür er sich später in einem Prozess rechtfertigen musste. Am 18. August verließ er mit 600 Mann die Stadt, und am 19. August zog die spanische Garnison ein.

Nun wurde Philipp von Croy, Graf von Solre und Baron von Sempy und Molembais (1562-1612), der neue Stadtkommandant. Glücklich war seine Zeit in Lingen nicht. Am 1. Mai 1607 gab er ein Bankett auf der Burg. Anlass war wohl sein 55. Geburtstag. Einer der Gäste vergas, beim Zubettgehen das Licht zu löschen, und so brach in der Nacht zum 2. Mai ein Feuer auf dem Burggelände aus. Schließlich entzündete sich auch das unter dem Haupthaus gelegene Pulvermagazin und explodierte. Ein Übergreifen der Flammen auf den Pulverturm konnte durch den umsichtigen Befehl des Grafen von Solre im letzten Moment verhindert werden. Zugleich aber behinderte er die Löscharbeiten, weil er als erstes sein Hab und Gut aus der Burg geholt haben wollte. Das Unglück forderte zahlreiche Tote und beschädigte zahlreiche Häuser der Stadt. Das Haupthaus der Burg, in dem Graf von Solre zusammen mit dem Drosten residierte, war unbewohnbar geworden, so dass er notdürftig mit seinem Gesinde in fünf Bürgerhäuser umziehen musste.

Spätestens 1608 wurde der Graf von Solre abgelöst durch Pompeo Giustiniano (Pompeius Justiniano) (1569-1615), einem Verwandten Spinolas, der sich nach der Explosion um die Wiederherstellung der Straßen kümmerte. Wegen zu zahlender Kontributionen zum Wiederaufbau der Festung stand er außerdem in Verhandlungen mit Oldenburg. Giustiniano stammte aus Korsika. Er hatte sich früh in spanische Dienste gestellt und bereits 1588 an der Belagerung von Bergen op Zoom teilgenommen. Da er im Krieg einen Arm verloren hatte und eine Prothese trug, erhielt er den Beinamen „Eisenarm“. 1605 kämpfte er an der Seite Spinolas. Ihm unterstand das dritte Regiment, aus dem fünf Kompagnien die Lingener Garnison verstärkten. Aufgrund seiner militärischen Erfahrung schrieb er das Buch „Della guerre de Fiandra 1601-1609“, das 1609 in Antwerpen veröffentlicht wurde. In dem Werk findet sich auch ein Grundriss der Festung Lingen, der entsprechende Detailkenntnis zeigt.

Der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/32 erstellten Karte vom Lingener Umland. Die Karte ist nach Südosten ausgerichtet. Links erscheint der Böhmerhof mit Wassermühle, rechts das Burgtor der Festung Lingen. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47)

Auf Pompeo Giustiniano folgte als „Gubernator“ der Lingener Festung Marcellus Judicis (Marcello del Judicius), bis sich für das Jahr 1627 Lucas Cairo (de Cayro) als Gouverneur in Lingen belegen lässt. Von Cairo ist bekannt, dass er von dem Amtmann Mars aus Neuenburg Pferde geschenkt bekam. Vor allem aber dürfte er, wenn nicht schon einer seiner Vorgänger, für den Bau des neuen Gouverneurshofs verantwortlich gewesen sein, der als Ersatz für das zerstörte Haupthaus auf der Burganlage diente. Überliefert ist ein spätestens 1629 aufgestelltes Inventarverzeichnis des Gouverneurshofes, genauer eine „Annotatie van schottelen in des Gouvern. Cayro syn logement“ (Notiz über die Schüsseln in der Wohnung des Gouverneurs Cairo). Neben Zinnschüsseln und Zinntellern fanden sich in dem Haus unter anderem ein großer Kupferpott , Kerzenhalter und eine Eisenpfanne, später kamen noch ein Tresor, eine Bettstätte, Stühle, eine Eisenkette für den Brunnen und zwei große Kesselhaken für den Feuerherd dazu.

Zum ersten Mal erscheint der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/1632 angefertigten Umgebungskarte der Stadt Lingen Er lag zwischen dem Burgtor und dem Böhmerhof, umgeben von einer Gräfte, die sich aus dem Stadtgraben speiste. Dieser Zufluss dürfte ein Überbleibsel des alten Mühlenbaches sein, der sich noch im 16. Jahrhundert in den Stadtgraben ergoss, inzwischen aber ab Böhmers Wassermühle um die Stadt herumgeführt wurde. Auch auf einem Stadtplan von 1903 ist der Zufluss noch zu erkennen. So erklären sich auch die eigenartigen Windungen der Straße „Brümmers Wiese“: Sie folgt dem Verlauf der einstigen Gräfte.

Der Wasserzulauf vom Stadtgraben unter der noch nicht vorhandenen Kulturvilla (Wilhelmstraße 49) her zum in den Umrissen noch erkennbaren einstigen Gouverneurshof auf einer genordeten Karte von 1903. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 207)

1628 lässt sich als neuer Gouverneur zu Lingen ein gewisser Cazzola belegen. Ihm folgte Matthias von Dulcken. Die dauerhafte Belegung mit einer Garnison stellte für die kleine Stadt allerdings eine große Belastung dar. Es gab mehr Soldaten als Bürger, viele von ihnen waren in Bürgerhäusern einquartiert und immer wieder kam es zu Übergriffen. Man könne abends nicht mehr über die Straßen gehen, ohne belästigt zu werden, beschwerte sich der Magistrat. Im Juli 1630 verließen die letzten Garnisonssoldaten die Stadt und Truppen der katholischen Liga zogen ein. Neuer Gouverneur wurde damit der stellvertretende Kavalleriekommandeur Johannes von Horst, gefolgt von Ottomar von Erwitte. Für die Stadt bedeutete das weniger Soldaten, aber auch höhere Abgaben. Der Magistrat bat mehrfach um Erleichterungen, bis er die überraschende Antwort erhielt, dass dies nur bei Schleifung der Festungswerke möglich sei. In Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, genau das zu tun. 1632 wurde die Lingener Festung niedergerissen, und noch vor Mitte November verließ Kommandant Leoprechting mit den letzten Soldaten die Stadt. Die Zeit als Garnisonsstadt war für Lingen damit vorläufig vorbei.

 

Quellen und Literatur:

  • NLA HA, Cal. Br. 24, Nr. 6036.
  • NLA OL, Best. 20, -49 Nr. 4.
  • NLA OS, Dep 3 a 1, XI Nr. 101 a-b.
  • NLA OS, Dep 3 b III, Nr. 1.
  • NLA OS, Rep 25, Nr. 3, Nr. 4.
  • NLA OS, Rep 900, Nr. 651.
  • StadtA EMD, I, Nr. 338 a
  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 43, Nr. 5390.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47, Nr. 207.
  • Giustiniano, Pompeo: Delle Guerre di Fiandra Libri VI, Antwerpen 1609.
  • Oldenhof, H.: Als Spinola vor Lingen lag. Tatsachenbericht des Obersten Pompeo Giustiniano, in: Kivelingszeitung 1978, S. 53-61.
  • Remling, Ludwig: Berichte über das Explosionsunglück auf der Burg Lingen am 2. Mai 1607, in: Kivelingszeitung 1999, S. 97-101.
  • Remling, Ludwig: Der Dreißigjährige Krieg in der Niedergrafschaft Lingen und den benachbarten münsterischen Kirchspielen Salzbergen, Emsbüren und Schepsdorf, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 46 (2000), S. 57-101.
  • Remling, Ludwig: Egbert Wantschers Plan der Festung Lingen und des näheren Umlandes, in: Remling, Ludwig (Hg.): Aus der Geschichte Lingens und des Lingener Landes. Festgabe für Walter Tenfelde zum 70. Geburtstag (Materialien zur Lingener Geschichte 2), Lingen 1989, S. 44-47.
  • Tenfelde, Walter: Ambrosius Spinola und die Spanische Zeit in Lingen 1605-1630, Lingen (Ems) 1958.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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Die Lingener Nachtwächter

02. Dezember 2025 um 09:39

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Archivalie des Monats Dezember 2025 (Stadtarchiv Lingen)

Der Dortmund-Ems-Kanal bei Nacht mit der 1899 errichteten Drehbrücke an der Lindenstraße. (Stadtarchiv Lingen)

Wie in anderen Städten auch hatte es in Lingen ursprünglich eine Wachpflicht für sämtliche männliche Einwohner gegeben. Doch wuchs der Widerstand gegen diese lästige Pflicht, und insbesondere die städtische Oberschicht suchte sich davon zu befreien. Schließlich gab auch die Stadt Lingen das alte System auf und stellte bezahlte Nachtwächter ein. Im 18. Jahrhundert hatte man vier städtische Nachtwächter. Unterwegs waren sie entweder mit einer hölzernen Ratel oder Ratsche, wie sie auch im ostfriesischen und niederländischen Raum üblich waren, oder mit einem Blashorn. Entsprechend unterschied man „Ratelwächter“ auf der einen Seite und „Blasewächter“ oder „Hornwächter“ auf der anderen. Erkennbar waren sie an ihrer Amtskleidung, den „NachtRöcken“. Der Lingener Chronist Johann Christoph Gabel berichtet 1787, dass „die Wächter alle halbe und ganze Stunden radeln oder rufen und die Zeit anzeigen müssen“.

1737 starb der alte Ratelwächter Haine. Gleich am nächsten Tag erschien der Kleidermacher Christoff Carl vor dem Magistrat und bat angesichts seiner Armut darum, die Nachfolge antreten zu dürfen. Der Magistrat stimmte zu, und so musste sich Carl eidlich verpflichten, dass er „alle stunde beharlig auff alle gaßen patrolliren“, mit seiner Ratsche „alle verdachtige Ohrtere gnau besichtigen“ und, soweit es in „seynem Vermogen“ stehe, alles zum Nutzen der Stadt befördern werde. Noch im selben Jahr starb auch der Blasewächter Osewalt. Der andere Blasewächter Jan Schulte genannt KoeJan hatte während dessen sechswöchiger Krankheit das nächtliche Wachtblasen für ihn übernommen und das eingesammelte Geld mit Osewalts Witwe geteilt. Nun bat er darum, noch bis Ostern das „nacht wacht blasen“ allein zu übernehmen. Der Magistrat war einverstanden, betonte aber, dass Osewalts Witwe weiterhin beteiligt werden müsse und Schulte, wenn er seiner Arbeit nicht gerecht werde, mit derben Strafen zu rechnen habe.

Wie der Henker und der Gefängniswärter gehörte der Nachtwächter zu den unehrlichen Berufen. Zur fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz kam eine notorisch schlechte Vergütung. Dies stand allerdings in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Nachtwächter für die städtische Sicherheit. Diese Diskrepanz konnte sich nur negativ auf ihre Zuverlässigkeit auswirken. Entsprechend hoch waren die angedrohten Strafen bei Versäumnissen. 1746 wurden alle vier Nachtwächter auf das Alte Rathaus zitiert und angemahnt, von 9 Uhr abends bis zum morgen (im Winter bis 4 Uhr) „ihre Stunde zu blasen und zu rädeln“ und alles ordentlich zu observieren. Sollte ein Feuer in der Stadt ausbrechen oder ein anderes Unglück geschehen und herauskommen, dass sie ihre Wacht vernachlässigt hätten, sollten sie „derbe bestraffet“ und gegebenenfalls sogar „nach Wesel geschicket und an die Carre geschloßen“ werden. Gemeint ist eine Karrenstrafe, bei der man zum Arbeiten an einen Karren gekettet wurde. Freilich versprachen die vier Nachtwächter, wachsam zu bleiben.

In eine ganz ähnliche Richtung ging die Eidesformel der Lingener Nachtwächter, die spätestens ab 1750 Anwendung fand. Sie lautete für die Blasewächter (in hochdeutscher Übersetzung):„Ich N.N. gelobe und schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, dass ich als bestellter Nachtwächter sorgfältig und treufleißig jede zweite Nacht im Winter (also von Michaelis bis Ostern) meinen Dienst tun wolle; des Abends um 9 Uhr mit Blasen durch alle Straßen und Örter der Stadt anfangen und alle Stunde bis morgens um 4 Uhr inklusive ohne Unterlass fortfahren wolle; zur Verhütung von Feuergefahr, Diebereien und sonstigen Exzessen treufleißige Acht haben wolle; und auch ebenso von Ostern bis Michaelis verfahren wolle, jedoch in dieser Zeit nur von 10 Uhr Abends bis 3 Uhr morgens alle Stunde blasen und die Wacht halten wolle; und außerdem mich in meinem Dienst betragen wolle, wie es einem christlichen, ehrlichen und aufrichtigen Nachtwächter eignet und gebührt, so wahr mir Gott helfe durch seinen Sohn Jesus Christus.“

Die Lingener Burgstraße im Mondlicht. (Stadtarchiv Lingen)

Norm und Praxis wichen allerdings durchaus voneinander ab. 1771 stellte der Magistrat fest, dass die Nachtwächter „aller vom Magistrat geschehenen Erinnerungen ohngeachtet ihr devoir sehr schlecht verrichten“. In einer Märznacht des Jahres 1784 kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Beim Regierungsdirektor wurden die Fenster eingeschlagen, und Nachtwächter Stein musste zugeben, dass seine Frau und sein Sohn für ihn den Nachtdienst geleistet hatten, weil er selbst als Bote außer Landes gewesen wäre. 1802 verlangte der Magistrat gar eine schriftliche Verpflichtung, die Saumseligkeiten im Dienst fortan zu unterlassen. Alle vier Nachtwächter unterschrieben mit Kreuzen, keiner von ihnen konnte lesen oder schreiben. 1805 dann beschwerte sich der Akziseinspektor Leesemann, der hinter der Lateinschule wohnte. Bei ihm sei in der Nacht eingebrochen worden, die Nachtwächter aber habe er um Mitternacht das letzte Mal gehört. Solche Nachtwächter, so Leesemann, verdienten wohl eher Nachtschläfer genannt zu werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Aufgaben der Nachtwächter zunehmend auf die Polizei über. Die Bezeichnung „Nachtwächter“ verschwand schließlich ganz. Stattdessen wurden 1919 zwei „Nachtpolizeibeamte“ bzw. „Hilfspolizeibeamte für den Nachtwachdienst“ eingestellt. Sie bekamen ein Dienstfahrrad ausgehändigt und 1921 wurden ihnen drei Begleithunde zur Seite gestellt.

 

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 247, 277, 314, 315, 323, 1675, 5504.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 2523, 4989.
  • Glimme, Martina: „Slaept niet die daer waeckt“. Von Nachtwächtern und Türmern in Emden und anderswo. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Ostfriesischen Landesmuseum/ Emder Rüstkammer (Veröffentlichungen des Ostfriesischen Landesmuseums und Emder Rüstkammer 11), Oldenburg 2001
  • Hilkenbach, Friedrich: Lingen, Land und Stadt. Aus einer Chronik 1787, in: Heimat- und Verkehrsverein Lingen-Ems (Hg.): Lingener Heimatkalender auf das Jahr 1951, S. 37-50.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Eine ausführliche Behandlung des Themas findet sich im aktuellen Emsland-Jahrbuch 72 (2026), S. 267-286.

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