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Bramsche


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Archivalie des Monats Juni 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Großsteingräber bei Mundersum, Wesel und im Poller Sand zeugen von einer bereits jungsteinzeitlichen Besiedelung. Hüvede findet erstmals in einem um 890 angelegten Einkünfteverzeichnis des Klosters Werden als „Hubide“ Erwähnung. Ein Corveyer Verzeichnis aus dem 11. Jahrhundert nennt erstmals Bramsche („Bremesge“) und Estringen („Asderingon“). Ein um 1150 angelegtes Werdener Verzeichnis erwähnt neben dem „Huvetfelde“ auch Sommeringen („Sumerhamen“), Mundersum („Munerdse“) und Polle („Polle“). 1258 wird schließlich auch Rottum („Rothem“) erstmals erwähnt.

Die Gertrudiskirche in Bramsche (Stadtarchiv Lingen)

Auf dem Hüvetfeld lag sowohl das Kirchspiel Bramsche mit Wesel, Sommeringen, Mundersum und Hüvede als auch – zum Kirchspiel Lingen gehörig – Estringen, Rottum und Polle.  Wesel wird im 13. Jahrhundert als in der Pfarre Bramsche gelegen beschrieben. Spätestens jetzt gab es also eine Kirche mit eigenem Kirchspiel. Eine in der Kirche aufgefundene Inschrift, gelesen als „Hermannus Beloviensis Episcopus 1314“, könnte auf ein Baujahr 1314 hindeuten. 1452 erhielt die Kirche zwei neue Glocken, der heiligen Gertrud von Nivelles und der Jungfrau Maria geweiht. Eine dritte Glocke folgte 1513. Als Schutzpatrone der Kirche lassen sich Gertrud und Johannes der Täufer nachweisen.

Die Pfarrkirche dürfte ursprünglich die Hauskapelle der Burg Bramsche gewesen sein, deren Herren auch das Patronatsrecht besaßen. Noch heute lassen sich im Siedlungskern von Bramsche eine innere und äußere Gräfte rekonstruieren, der Name „Kring“ für den Bereich des Gräftenrings hat sich bis heute gehalten. Ältester bekannter Besitzer war wohl in den 1330er Jahren Rudolf von Langen. 1447 ging der Besitz auf die Familie von Merveldt über. Dass dabei von einer abgepfählten Freiheit und Herrlichkeit im Dorf Bramsche die Rede war, in der der Herr auch die niedere Gerichtsbarkeit ausübte, zeigt die herausgehobene Stellung der Burg. Spätestens 1551 war Otto von Grothaus der Herr von Bramsche. Dieser geriet allerdings in eine blutige Fehde mit der Stadt Osnabrück, in deren Folge die Burg Bramsche 1558 zerstört wurde. Grothaus baute die Burg nicht wieder auf. Stattdessen errichtete er weiter südlich am Ufer der Aa das von einer breiten Gräfte umgebene Gut Spyck. Ein Epitaph in der Bramscher Kirche erinnert an den Tod von Ottos Sohn Cord. Von 1911 bis 1938 wurde das Gut von den Schwestern Paula, Mimi und Alma Oosthuys, genannt „Spycks Tanten“, bewirtschaftet.

Als nach den „Bischofsjahren“ 1672/73 der katholische Gottesdienst verboten wurde, siedelte der Pfarrer der Gertrudiskirche auf münsterisches Territorium über, fand Unterkunft auf dem Hof Tegeder in Gleesen (Pfarrei Emsbüren) und hielt in einer dortigen Scheune den Gottesdienst ab. Als der katholische Pfarrer 1716 nach Bramsche zurückkehrte, wurde bei Gut Spyck eine katholische Behelfskirche errichtet. Von 1806 bis 1846 wurde die Bramscher Kirche – als erste in der ganzen Grafschaft – von beiden Konfessionen als Simultankirche genutzt.

Die 1962 abgebrochene Wassermühle auf
Gut Spyck (Stadtarchiv Lingen)
Das ehemalige Bauernhaus Thieke in Münnigbüren (Stadtarchiv Lingen)

1859 schlossen sich Bramsche, Wesel, Polle, Rottum, Estringen, Mundersum, Hüvede und Sommeringen zu einer Samtgemeinde zusammen. Allerdings hatte diese nicht lange Bestand. Bramsche und Wesel blieben zusammen, und aus der Gemeinde Hüvede-Sommeringen-Mundersum trat Mundersum 1924 aus. Estringen, Rottum und Polle waren bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Gemeinde zusammengeschlossen.

Bei den Reichstagswahlen im November 1932 erhielt die Zentrumspartei über 85%, zweitstärkste Kraft wurde die NSDAP mit fast 7%. Im Mai 1933 wurde Franz Schulte (ab 1941 NSDAP) als Bramscher Bürgermeister eingesetzt, in Hüvede-Sommeringen wurde 1934 Hermann Kley (ab 1938 NSDAP) Bürgermeister. Bramsche-Wesel, Hüvede-Sommeringen, Mundersum und Polle gehörten zur NSDAP-Ortsgruppe Messingen unter Leitung von Clemens Revermann, zugleich Kreisamtsleiter der NSV. Auch eine SA-Truppe existierte, sie exerzierte dreimal wöchentlich auf dem Bramscher Schulplatz.

1938 wurde mit dem Bau eines Emsseitenkanals, der Gleesen mit Papenburg verbinden sollte, begonnen. Das im Volksmund „Hitlerkanal“ genannte Projekt wurde jedoch nie vollendet. Ein 1930 auf Weseler und teils auch Plantlünner Gebiet angelegte Hilfslandeplatz wurde ab 1937 zu einem Einsatzflughafen der Luftwaffe ausgebaut. Bei den Bauarbeiten kamen hunderte von Strafgefangenen zum Einsatz. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Militärflugplatz Plantlünne intensiv genutzt. Hier existierte auch ein russisches Kriegsgefangenenlager, während in Bramsche französische Kriegsgefangene untergebracht waren. Da die Deutschen angesichts der nahenden Front Anfang April 1945 die Eisenbahnbrücke gesprengt hatten, setzten die Briten schließlich bei Hanekenfähr über die Ems. Die Einnahme Bramsches erfolgte entsprechend von dort und von Lingen aus.

Die Gaststätte Möllers, vormals Hof Wilmes, in den 1930er Jahren (Stadtarchiv Lingen)

Die 1949/51 in Plantlünne aufgekommene Idee, Wesel – gegebenenfalls im Tausch mit Gleesen – nach Plantlünne umzugemeinden, wurde in Bramsche abgelehnt. Stattdessen schlossen sich Bramsche-Wesel, Hüvede-Sommeringen, Estringen-Polle-Rottum und Mundersum 1965 erneut zu einer Samtgemeinde zusammen. Überlegungen, sich mit Lünne oder Spelle zusammenzutun, wurden nicht realisiert. Stattdessen nahm man 1971 Gespäche mit Lingen auf. So wurde die Samtgemeinde mit ihren damals 1671 Einwohnern 1974 der südlichste und flächenmäßig größte Ortsteil von Lingen.

Quellen und Literatur

  • NLA OS, Rep 980, Nr. 10487, Nr. 13210, Nr. 42411.
  • StadtA LIN, Slg. Ausstellungen, Nr.33 (Clemens Korte).
  • StadtA LIN, AV-Medien, Nr. 3.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 1553, Nr. 2037, Nr. 2780.
  • StadtA LIN, Lingener Volksbote vom 7.11.1932.
  • StadtA LIN, Slg. Schulchroniken, Nr. 56.
  • Adreßbuch der Stadt und des Kreises Lingen, 1938.
  • Boyer, Helmut H.: Aus der Geschichte der St. Antonius-Kapelle und der Kapellengemeinde Estringen, Spelle 1973.
  • Bruch, Rudolf vom: Die Rittersitze des Emslandes, Münster 1980.
  • Brüning, Theresia: 1000 Jahre Bramsche. Ein Dorf mit Vergangenheit und Zukunft, Lingen 2007.
  • Eickhoff, Joachim: Der Flugplatz Plantlünne. Geschichte und Geschichten eines fast vergessenen Flugplatzes, Lingen 2017.
  • Hüsken, Elisabeth: 1100 Jahre Hubide/ Hüvede 886-1986. Festschrift zur 1100-Jahrfeier des Dorfes Hüvede, o.O. 1986.
  • Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. I, II und III.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, Lingen a.d. Ems 1905/1910.
  • Strube, Helen: Die Entwicklung der Volksschulen in Bramsche, Mundersum und Estringen, Lingen 1999.
  • Wolbers, Alfons: Auf den Spuren der St. Gertrudis-Pfarrgemeinde in Bramsche, Altkreis Lingen, von ihren Anfängen bis in unsere Zeit, Lingen 2000.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Weiterlesen: Bramsche
(Auszug von RSS-Feed)

Archiv-Nachrichten Niedersachsen 29/2025


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Förderwege, Digitale Archivierung und regionale Netzwerke im Fokus

Die 29. Ausgabe der Archiv-Nachrichten Niedersachsen ist erschienen. Dieses Heft bietet ein kompaktes, praxisorientiertes Panorama aktueller Fragen, die die Archivlandschaft Norddeutschlands bewegen: Wie profitieren Archive von großen Förderprogrammen? Wie verändern die Digitale Archivierung und die Digitalisierung die Zusammenarbeit? Welche Rolle spielen regionale Netzwerke für die Zukunft der Archive?

Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.
Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.

Im Mittelpunkt steht die Dokumentation des 9. Norddeutschen Archivtags in Bremen unter dem Leitmotiv „Archive und ihre Partner“. Beiträge und Berichte zeigen eindrücklich, dass Archivarbeit heute nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern als gemeinschaftliches Handeln: Werkstätten, Verwaltungen, Dienstleister und ehrenamtliche Initiativen arbeiten zusammen, um Originale zu erhalten, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Ein Schwerpunkt des Hefts ist die neue Förderlandschaft: Das Programm „Schriftliches Kulturgut erhalten“ eröffnet Chancen für kleinere Einrichtungen, rückt Fotobestände stärker in den Fokus und ermöglicht modulare Antragstellungen. Die Beiträge geben konkrete Hinweise, wie sich Projekte bündeln, Partnerschaften vor Ort nutzen und Förderanträge als Teamarbeit gestalten lassen – pragmatisch, ressourcenschonend und wirkungsorientiert.

Zahlreiche Fallstudien liefern unmittelbare Praxis: Kooperationen zwischen Landesarchiven und Werkstätten, ein Citizen-Science-Projekt zur Erschließung, filmische Zugänge zur Stadtgeschichte sowie Erfahrungsberichte zur Übernahme elektronischer Akten. Ergänzt werden diese Einblicke durch Beiträge zu digitaler Überlieferung, Bestandserhalt und Notfallvorsorge – Themen, die nur im Verbund erfolgreich zu bewältigen sind.

Die Rubrik „Aus der Arbeit der Archive“ enthält zwei prägnante Beiträge: eine Analyse der welfischen Adelserinnerung und ein Rückblick auf 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen, die beide die Bedeutung von Archiven für Identität, Forschung und Lehre unterstreichen. Unter „VANB-Angelegenheiten“ informieren der Verband und seine Regionalgruppen über aktuelle Projekte und Planungen, die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit vor Ort stärken.

Die Archiv-Nachrichten werden allen empfohlen, die nach konkreten Anregungen, erprobten Lösungen und vernetzten Perspektiven für die Archivarbeit suchen. Seien es Ideen für den Lesesaal, die Gestaltung der Werkstatt oder das Magazin.

Die Mitglieder des VANB (Verband der Archivarinnen und Archivare in Niedersachsen und Bremen e.V.) erhalten die Zeitschrift kostenlos im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Die A-NN können über das Kreisarchiv Emsland erworben werden: Herzog-Arenberg-Straße 12, 49716 Meppen, 05931/446107, [email protected]

Inhalt

9. Norddeutscher Archivtag in Bremen

Konrad Elmshäuser, 9. Norddeutscher Archivtag in Bremen. Archive und ihre Partner – Bestandserhaltung, Erschließung und Vorsorge

Ursula Hartwieg, Das neue Förderprogramm für den bundesweit koordinierten Originalerhalt: „Schriftliches Kulturgut erhalten“

Thomas Bardelle, Die Kooperation der Abteilung Stade im Niedersächsischen Landesarchiv mit den Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes in Stade

Angela Huang, Citizen Science zur Erschließung historischer Quellenbestände an der FGHO

Henning Steinführer, Das Stadtarchiv Braunschweig und seine Kooperationspartner bei der Erschließung und Nutzung von Archivgut

Daniel Tilgner, Archiv auf ungewohnten Wegen: Zur Entstehung einer Kinodokumentation zur Stadtgeschichte im Landesfilmarchiv Bremen

Matthias Manke, Die eAkten-Übernahme im Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern mit dem DIMAG-Ingest-Werkzeug elektronische Akte (DIWA)

Uwe Leuenhagen, Anbietung und Übernahme von elektronischen Akten der Landesverwaltung in Schleswig-Holstein: ein Erfahrungsbericht

Olga Aginski und Viktor Pordzik, Die Archivierung elektronischer Akten im Staatsarchiv Bremen – ein Arbeitsbericht

Susanne Meinicke, Digitale Archivierung gemeinsam meistern. Erfahrungen aus der Aufbauphase der kommunalen Servicestelle für digitale Archivierung

Nele Bösel-Hielscher, Archive und ihre (Notfallverbund-)Partner – Podiumsdiskussion

Jörn Brinkhus, Zur rechtssicheren Onlinestellung von urheberrechtlich geschütztem Kulturgut. Die Regelungen für nicht-verfügbare Werke und das öffentliche Archivwesen

Dominik Dockter, Christian Hellwig und Ben Rieger, Archivalische Quellen zum (post-)kolonialen Erbe in Niedersachsen und Bremen. Ein Projektbericht

Aus der Arbeit der Archive

Arne Hoffrichter, Der „welfische“ Adel als Erinnerungsgruppe nach 1866: Gutsarchive als Fundus imaginierter Kontinuität

Holger Berwinkel, 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen. Produkt und Voraussetzung der Forschung

VANB-Angelegenheiten

Lars Nebelung, Bericht aus der Mitgliederversammlung des VANB e. V. am 4. Juni 2025

Kathrin Flor, VANB-Regionalgruppe Bentheim – Emsland – Osnabrück

Thomas Bardelle und Sönke Kosicki, Die VANB-Regionalgruppe Elbe-Weser plant einen Archivführer

8. Niedersächsisch-Bremischer Archivtag in Bremerhaven

(Auszug von RSS-Feed)

Neubeginn nach dem Krieg: Eheschließungen polnischer Displaced Persons im Lager Bad Essen 1945


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Auszug aus dem Heiratsregister von Bad Essen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Bad Essen blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont. Dennoch war der Ort unmittelbar von den Folgen des Kriegsendes betroffen. Wie in vielen Gemeinden der britischen Besatzungszone befanden sich hier nach 1945 zahlreiche sogenannte Displaced Persons (DPs) – Menschen, die sich infolge von Krieg, Verschleppung und Zivilzwang außerhalb ihrer Heimat befanden. Ein Teil von ihnen war polnischer Staatsangehörigkeit. Während der deutschen Besatzung wurden sie als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich deportiert. Nach Kriegsende wurden sie in Sammelunterkünften untergebracht, die in den Quellen als „polnisches Lager“ bezeichnet werden.

Diese Lager dienten der Versorgung und Registrierung der Betroffenen sowie der Vorbereitung ihrer Rückführung oder Auswanderung. Viele Menschen kehrten jedoch nicht sofort in ihre Herkunftsregionen zurück. Unsichere politische Verhältnisse, zerstörte Infrastruktur und neue Grenzziehungen führten dazu, dass zahlreiche polnische Displaced Persons über längere Zeit vor Ort verblieben.

Ein Standesamtsregister aus Bad Essen, das kürzlich in das Niedersächsische Landesarchiv übernommen wurde, dokumentiert diese Situation auf eindrucksvolle Weise. In den Einträgen ab Herbst 1945 häufen sich Eheschließungen, bei denen als Wohnort der Verlobten „polnisches Lager“ angegeben ist. Trauzeugen stammen häufig ebenfalls aus dem Lagerumfeld und sind dem Standesamt als Dolmetscher dienlich. Mehrfach wird vermerkt, dass die Identität der Brautleute dem Standesbeamten „auf Grund [der] Aufgebotsverhandlung bekannt“ sei – ein Hinweis darauf, dass Ausweisdokumente oft fehlten und die Feststellung der Identitätsdaten auf Zeugenaussagen beruhte.

Die Herkunftsorte der Eheschließenden liegen überwiegend in den Regionen Posen, Schlesien und anderen Teilen Polens. Diese Angaben spiegeln die Herkunft vieler während des Krieges verschleppter Arbeitskräfte wider.

Auffällig ist zudem, dass in mehreren Fällen Kinder erst nachträglich anerkannt wurden. Solche Legitimationsvermerke deuten darauf hin, dass Beziehungen bereits vor der standesamtlichen Eheschließung bestanden. Die nachträgliche Anerkennung diente der rechtlichen Absicherung der Familienverhältnisse und war insbesondere für die staatsrechtliche Stellung der Kinder von Bedeutung.

Geburteneinträge aus späteren Jahren weisen darauf hin, dass polnische Displaced Persons teilweise über längere Zeit in Bad Essen verblieben sind. Dies entspricht der historischen Situation: Viele DPs warteten auf Rückkehrmöglichkeiten oder zögerten aufgrund politischer Veränderungen in ihren Herkunftsgebieten eine Rückkehr hinaus.

Die Einträge verdeutlichen zugleich den sozialen Kontrast der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zwischen den zahlreichen Eheschließungen polnischer Lagerbewohner findet sich die Trauung eines Angehörigen des Adels. Diese Gleichzeitigkeit des Seins verweist auf die räumliche und administrative Nähe sehr unterschiedlicher sozialer Gruppen im lokalen Alltag.

Auch administrative Veränderungen lassen sich im Register ablesen. Unmittelbar nach Kriegsende erscheint in den Eheformulierungen zur Hoheitsgewalt „im Namen des Reiches“ der Zusatz „und der englischen Militärregierung“. Diese Ergänzung dokumentiert den Übergang der staatlichen Hoheitsgewalt auf die britische Besatzungsmacht und deren Einfluss auf standesamtliche Verfahren. Parallel dazu ist eine Veränderung der Handschrift und Schreibweise festzustellen, was auf personelle Wechsel im Standesamt hindeuten könnte.

Administrative Veränderungen lassen sich im Register u.a. an handschriftlichen Ergänzungen erkennen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Mit dem fortschreitenden Abbau der DP-Lager und der Rückkehr beziehungsweise Auswanderung ihrer Bewohner verloren diese Einträge in den folgenden Jahren wieder an Bedeutung. Gleichwohl dokumentieren sie eine Phase des Übergangs, in der sich globale Ereignisse unmittelbar im lokalen Raum niederschlugen.

Das Standesamtsregister der Gemeinde Bad Essen macht damit sichtbar, wie Menschen nach Jahren des Zwangs, der Entwurzelung und der Unsicherheit begannen, familiäre Strukturen neu zu ordnen und rechtlich abzusichern. Hinter den nüchternen Verwaltungsvermerken stehen individuelle Lebensgeschichten von Verlust und Neubeginn. Zugleich spiegeln die Einträge den administrativen und gesellschaftlichen Wandel der frühen Nachkriegszeit wider.

Solche Quellen erinnern daran, dass Archive nicht nur amtliche Vorgänge dokumentieren, sondern auch Zeugnisse menschlicher Erfahrungen bewahren. Sie eröffnen Perspektiven auf Migration, Integration und das Wiederaufkeimen ziviler Strukturen nach Krieg und Gewalt – Themen von bleibender historischer und gesellschaftlicher Relevanz.

Am 08. März 2026 öffnet das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Osnabrück von 11 – 16 Uhr seine Türen auch außerhalb der Öffnungszeiten: Der Tag der Archive wird alle zwei Jahre vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare ausgerufen. Das diesjährige Motto lautet „Alte Heimat – neue Heimat“. Neben Vorträgen, Informationsständen und einem Büchertisch des Historischen Vereins wird bei Magazinführungen unter anderem auch das Heiratsregister aus Bad Essen zu sehen sein. Zum gemeinsamen Programm mit dem Diözesanarchiv Osnabrück gelangen Sie hier.

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Tag der Archive zum Thema “Alte Heimat – neue Heimat” am 7./8. März in Osnabrück


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Tag der Archive in Osnabrück – Geschichte zum Anfassen

Am 7. und 8. März 2026 öffnen das Diözesanarchiv Osnabrück und die Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs ihre Türen zum bundesweiten 13. Tag der Archive. Unter dem gemeinsamen Motto „Alte Heimat – Neue Heimat“ laden die beiden Archive alle Neugierigen ein, Geschichte zu entdecken, Quellen zu befragen und ins Gespräch zu kommen. Der Aktionstag macht die Rolle von Archiven als Orte des Erinnerns und Forschens sichtbar und bietet ein abwechslungsreiches Programm für Familien, Schülerinnen und Schüler, Forschende und alle, die sich für Erinnerung, Integration und regionale Identität interessieren.

Programm im Diözesanarchiv Osnabrück

Am Samstag, 7. März 2026, ist das Diözesanarchiv in der Großen Domsfreiheit 10 von 10:00 bis 15:00 Uhr geöffnet. Im Mittelpunkt steht die Ausstellung „Heimat und Glaube nach 1945“, die an die Situation der Heimatvertriebenen vor 80 Jahren erinnert und anhand ausgewählter Exponate zeigt, wie provisorische Seelsorgestellen, neue Gemeinden, veränderte Frömmigkeitsformen und ökumenische Initiativen das kirchliche Leben prägten. Ergänzende Magazinführungen gewähren einen Blick hinter die Kulissen und in Archivalien aus über tausend Jahren Bistumsgeschichte; eine Familienführung beginnt um 14:00 Uhr, eine weitere Magazinführung um 11:00 Uhr. Zum Verweilen und Austauschen laden ein offenes Archivcafé, ein Büchertisch und Informationsangebote zur Archivnutzung. Für Kinder gibt es eine Kreativstation zum Mitmachen.

Programm im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück

Am Sonntag, 8. März 2026, empfängt die Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs in der Schloßstraße 29 ihre Besucherinnen und Besucher von 11:00 bis 16:00 Uhr. Auf dem Programm stehen Kurzvorträge von prämierten Beiträgen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2024/25 zum Thema „Grenzen in der Geschichte“. Schülerinnen und Schüler stellen Projekte vor, die sich mit Flucht und Vertreibung, mit Gastarbeitenden und Russlanddeutschen sowie mit dem Schicksal von Felka Platek und Felix Nussbaum befassen. Mehrmals täglich angebotene Magazinführungen geben Einblick in Bestände und Arbeitsweisen des Landesarchivs; ein Infostand zur Archivnutzung und ein Büchertisch des Historischen Vereins sind ganztägig vor Ort.

Für wen sich der Besuch lohnt

Die Veranstaltungen sind offen für alle: Geschichtsinteressierte, Familien, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Forschende und Menschen, die persönliche oder regionale Herkunftsthemen erkunden möchten. Die Kombination aus Ausstellung, Vorträgen, Magazinführungen und Mitmach-Angeboten macht den Tag der Archive in Osnabrück zu einem leicht zugänglichen Erlebnis: Quellen werden sichtbar, Fragen finden Fachleute, und junge Beiträge zeigen, wie lebendig historische Forschung vor Ort sein kann.

Praktische Hinweise und Kontakt

Der Besuch ist kostenfrei; nähere Informationen zum bundesweiten Tag der Archive sind auf der Webseite des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare verfügbar.

Beide Archive freuen sich auf zahlreiche Besucherinnen und Besucher und laden herzlich ein, am Tag der Archive in Osnabrück historische Bestände zu erkunden und neue Perspektiven auf das Thema „Alte Heimat – Neue Heimat“ zu gewinnen.

Mehr Infos finden Sie im Veranstaltungsflyer.

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