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Die Gouverneure von Lingen

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Archivalie des Monats Februar 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Im Achtzigjährigen Krieg, in dem die aufständischen Provinzen der Niederlande um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, war Lingen zeitweise Standort einer Garnison und befand sich unter dem militärischen Befehl eines Gouverneurs, auch Stadtkommandant genannt. Lingen stand zunächst auf spanischer Seite. Bereits 1586 beschwerte sich der Lingener Drost Ernst Mulert über die Belastung durch die einquartierten Soldaten. 1589/90 fielen berittene Soldaten aus Lingen im Kirchspiel Emsbüren ein. Friedrich van dem Berg, Statthalter und Generalkapitän von Overyssel, Friesland und Lingen, hatte die Lingener Festungswerke gut befestigt, und so blieb die Stadt 1590 von marodierenden niederländischen Truppen verschont. Die Verteidigung der Stadt unter seinem Kommando 1597 scheiterte jedoch, am 13. November hielt Moritz von Oranien Einzug in die Stadt und am 14. November verließen Gouverneur Friedrich van den Berg und seine Soldaten sie Richtung Salzbergen. Lingen stand damit unter dem Befehl des niederländischen Kommandanten Martin Cobbe.

Ansicht der Belagerung Lingens 1605 aus dem 1609 erschienenen Werk „Della guerre de Fiandra“ des Lingener Gouverneurs Pompeo Giustiniano. (StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712)

Gouverneur Cobbe war auch noch in Lingen, als der spanische Herrführer Spinola die Stadt 1605 unter Belagerung stellte. Auf die Verteidigung war die Stadt nur unzureichend vorbereitet und Cobbes Hauptleute hatten kaum Erfahrung. In Verhandlungen willigte Cobbe schließlich in die Übergabe der Stadt ein, wofür er sich später in einem Prozess rechtfertigen musste. Am 18. August verließ er mit 600 Mann die Stadt, und am 19. August zog die spanische Garnison ein.

Nun wurde Philipp von Croy, Graf von Solre und Baron von Sempy und Molembais (1562-1612), der neue Stadtkommandant. Glücklich war seine Zeit in Lingen nicht. Am 1. Mai 1607 gab er ein Bankett auf der Burg. Anlass war wohl sein 55. Geburtstag. Einer der Gäste vergas, beim Zubettgehen das Licht zu löschen, und so brach in der Nacht zum 2. Mai ein Feuer auf dem Burggelände aus. Schließlich entzündete sich auch das unter dem Haupthaus gelegene Pulvermagazin und explodierte. Ein Übergreifen der Flammen auf den Pulverturm konnte durch den umsichtigen Befehl des Grafen von Solre im letzten Moment verhindert werden. Zugleich aber behinderte er die Löscharbeiten, weil er als erstes sein Hab und Gut aus der Burg geholt haben wollte. Das Unglück forderte zahlreiche Tote und beschädigte zahlreiche Häuser der Stadt. Das Haupthaus der Burg, in dem Graf von Solre zusammen mit dem Drosten residierte, war unbewohnbar geworden, so dass er notdürftig mit seinem Gesinde in fünf Bürgerhäuser umziehen musste.

Spätestens 1608 wurde der Graf von Solre abgelöst durch Pompeo Giustiniano (Pompeius Justiniano) (1569-1615), einem Verwandten Spinolas, der sich nach der Explosion um die Wiederherstellung der Straßen kümmerte. Wegen zu zahlender Kontributionen zum Wiederaufbau der Festung stand er außerdem in Verhandlungen mit Oldenburg. Giustiniano stammte aus Korsika. Er hatte sich früh in spanische Dienste gestellt und bereits 1588 an der Belagerung von Bergen op Zoom teilgenommen. Da er im Krieg einen Arm verloren hatte und eine Prothese trug, erhielt er den Beinamen „Eisenarm“. 1605 kämpfte er an der Seite Spinolas. Ihm unterstand das dritte Regiment, aus dem fünf Kompagnien die Lingener Garnison verstärkten. Aufgrund seiner militärischen Erfahrung schrieb er das Buch „Della guerre de Fiandra 1601-1609“, das 1609 in Antwerpen veröffentlicht wurde. In dem Werk findet sich auch ein Grundriss der Festung Lingen, der entsprechende Detailkenntnis zeigt.

Der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/32 erstellten Karte vom Lingener Umland. Die Karte ist nach Südosten ausgerichtet. Links erscheint der Böhmerhof mit Wassermühle, rechts das Burgtor der Festung Lingen. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47)

Auf Pompeo Giustiniano folgte als „Gubernator“ der Lingener Festung Marcellus Judicis (Marcello del Judicius), bis sich für das Jahr 1627 Lucas Cairo (de Cayro) als Gouverneur in Lingen belegen lässt. Von Cairo ist bekannt, dass er von dem Amtmann Mars aus Neuenburg Pferde geschenkt bekam. Vor allem aber dürfte er, wenn nicht schon einer seiner Vorgänger, für den Bau des neuen Gouverneurshofs verantwortlich gewesen sein, der als Ersatz für das zerstörte Haupthaus auf der Burganlage diente. Überliefert ist ein spätestens 1629 aufgestelltes Inventarverzeichnis des Gouverneurshofes, genauer eine „Annotatie van schottelen in des Gouvern. Cayro syn logement“ (Notiz über die Schüsseln in der Wohnung des Gouverneurs Cairo). Neben Zinnschüsseln und Zinntellern fanden sich in dem Haus unter anderem ein großer Kupferpott , Kerzenhalter und eine Eisenpfanne, später kamen noch ein Tresor, eine Bettstätte, Stühle, eine Eisenkette für den Brunnen und zwei große Kesselhaken für den Feuerherd dazu.

Zum ersten Mal erscheint der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/1632 angefertigten Umgebungskarte der Stadt Lingen Er lag zwischen dem Burgtor und dem Böhmerhof, umgeben von einer Gräfte, die sich aus dem Stadtgraben speiste. Dieser Zufluss dürfte ein Überbleibsel des alten Mühlenbaches sein, der sich noch im 16. Jahrhundert in den Stadtgraben ergoss, inzwischen aber ab Böhmers Wassermühle um die Stadt herumgeführt wurde. Auch auf einem Stadtplan von 1903 ist der Zufluss noch zu erkennen. So erklären sich auch die eigenartigen Windungen der Straße „Brümmers Wiese“: Sie folgt dem Verlauf der einstigen Gräfte.

Der Wasserzulauf vom Stadtgraben unter der noch nicht vorhandenen Kulturvilla (Wilhelmstraße 49) her zum in den Umrissen noch erkennbaren einstigen Gouverneurshof auf einer genordeten Karte von 1903. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 207)

1628 lässt sich als neuer Gouverneur zu Lingen ein gewisser Cazzola belegen. Ihm folgte Matthias von Dulcken. Die dauerhafte Belegung mit einer Garnison stellte für die kleine Stadt allerdings eine große Belastung dar. Es gab mehr Soldaten als Bürger, viele von ihnen waren in Bürgerhäusern einquartiert und immer wieder kam es zu Übergriffen. Man könne abends nicht mehr über die Straßen gehen, ohne belästigt zu werden, beschwerte sich der Magistrat. Im Juli 1630 verließen die letzten Garnisonssoldaten die Stadt und Truppen der katholischen Liga zogen ein. Neuer Gouverneur wurde damit der stellvertretende Kavalleriekommandeur Johannes von Horst, gefolgt von Ottomar von Erwitte. Für die Stadt bedeutete das weniger Soldaten, aber auch höhere Abgaben. Der Magistrat bat mehrfach um Erleichterungen, bis er die überraschende Antwort erhielt, dass dies nur bei Schleifung der Festungswerke möglich sei. In Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, genau das zu tun. 1632 wurde die Lingener Festung niedergerissen, und noch vor Mitte November verließ Kommandant Leoprechting mit den letzten Soldaten die Stadt. Die Zeit als Garnisonsstadt war für Lingen damit vorläufig vorbei.

 

Quellen und Literatur:

  • NLA HA, Cal. Br. 24, Nr. 6036.
  • NLA OL, Best. 20, -49 Nr. 4.
  • NLA OS, Dep 3 a 1, XI Nr. 101 a-b.
  • NLA OS, Dep 3 b III, Nr. 1.
  • NLA OS, Rep 25, Nr. 3, Nr. 4.
  • NLA OS, Rep 900, Nr. 651.
  • StadtA EMD, I, Nr. 338 a
  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 43, Nr. 5390.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47, Nr. 207.
  • Giustiniano, Pompeo: Delle Guerre di Fiandra Libri VI, Antwerpen 1609.
  • Oldenhof, H.: Als Spinola vor Lingen lag. Tatsachenbericht des Obersten Pompeo Giustiniano, in: Kivelingszeitung 1978, S. 53-61.
  • Remling, Ludwig: Berichte über das Explosionsunglück auf der Burg Lingen am 2. Mai 1607, in: Kivelingszeitung 1999, S. 97-101.
  • Remling, Ludwig: Der Dreißigjährige Krieg in der Niedergrafschaft Lingen und den benachbarten münsterischen Kirchspielen Salzbergen, Emsbüren und Schepsdorf, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 46 (2000), S. 57-101.
  • Remling, Ludwig: Egbert Wantschers Plan der Festung Lingen und des näheren Umlandes, in: Remling, Ludwig (Hg.): Aus der Geschichte Lingens und des Lingener Landes. Festgabe für Walter Tenfelde zum 70. Geburtstag (Materialien zur Lingener Geschichte 2), Lingen 1989, S. 44-47.
  • Tenfelde, Walter: Ambrosius Spinola und die Spanische Zeit in Lingen 1605-1630, Lingen (Ems) 1958.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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“Forum Zeitgeschichte” des Museumsquartiers – Programm 2026

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Im Museumsquartier treffen sich Zeitzeug:innen regelmäßig im „Forum Zeitgeschichte“, um unter wissenschaftlicher Anleitung ihre Erinnerungen zu Nationalsozialismus, zum Zweitem Weltkrieg und zur Nachkriegszeit aufzuarbeiten. Das Forum bietet Raum für Gespräche und Diskussionen zu der Frage, wie die Geschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg bis heute das gesellschaftliche Leben beeinflussen. Und es geht auf Spurensuche in der Zeitgeschichte. Die Ergebnisse des Oral History-Projektes werden für das Museum dokumentiert.

Dienstag, 3. Februar 2026, 10.00 Uhr [sic!]
Deutsch-französischer Austausch über das Ende des Zweiten Weltkriegs
Im Rahmen einer Videokonferenz tauschen sich deutsche Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs mit Jugendlichen im südostfranzösischen Gap (Departement Hautes-Alpes) über ihre Erfahrungen des Kriegsendes und der Nachkriegszeit aus.

Mittwoch, 22. April 2026, 10.30 Uhr
Osnabrück als Hochschulstadt
Anfang der 1970er Jahren wurde Osnabrück mit den Gründungen der Universität und der (Fach-)Hochschule zum Hochschulstandort. Viele Menschen sind durch das Studium oder als Hochschulbedienstete nach Osnabrück gekommen, um hier zu leben und zu bleiben. Es werden Zeitzeug:innen gesucht, die ihre persönliche Geschichte zur Osnabrücker Universität und/oder Hochschule erzählen möchten. Interesse besteht auch an Erinnerungen zur Geschichte der Vorgängereinrichtungen (Pädagogischen Hochschule, Staatliche Ingenieurakademien).

Mittwoch, 17. Juni 2026, 10.30 Uhr
Die Kraft des Erinnerns – Bericht von einer Reise anno 2025 in die USA
Bernd Kruse berichtet von seiner Vortragsreise durch die USA, bei der er über das Schicksal der jüdischen Menschen in Fürstenau während der NS-Herrschaft referierte. Neben den vielen persönlichen Kontakten, die dabei entstanden, bekam er auch Einblick in eine gespaltene US-Gesellschaft, in der die Demokratie politisch zunehmend unter Druck gerät.

Mittwoch, 16. September 2026, 10.30 Uhr
„British Garrison“ – Osnabrück als britische Garnisonsstadt
In der „AG Garrison“ bewahren interessierte Osnabrücker:innen Erinnerungen an die Zeit der britischen Militärpräsenz seit 1945. Das Fraternisierungsverbot hielt nur kurz. Aus Besatzern wurden NATO-Partner. Mit dem Abzug der Britischen Armee 2008/09 und der Konversion der Kasernen und Wohngebiete wird diese Geschichte zunehmend unsichtbar. Der Austausch dient der Spurensuche über diese wichtige Episode Osnabrücker Zeitgeschichte.

Mittwoch, 4. November 2026, 10.30 Uhr
Wer kann noch „Sütterlin“ lesen?
In den Familienarchiven befinden oft interessante Dokumente, die wegen der alten Schreibweise (Sütterlin, Deutsche Schrift) nicht mehr jede:r lesen kann. Zu der Veranstaltung können solche Dokumente (z.B. Feldpostbriefe) mitgebracht werden. Zeitzeug:innen des Forums helfen gerne beim Lesen und Transkribieren.

Mittwoch, 9. Dezember 2026, 10.30 Uhr
„2027“ planen
Die Zeitzeug:innen treffen sich in gemütlicher, vorweihnachtlicher Atmosphäre, um die Veranstaltungen des Jahres noch einmal Revue passieren zu lassen und gemeinsam neue Themen für das kommende Jahr 2027 vorzubereiten.

Museumsquartier Osnabrück
Die Villa_
Forum Erinnerungskultur und Zeitgeschichte

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“Kontinuität und ein Spiegel des Wandels der lebendigen stadt- und regionalgeschichtlichen Forschung im Historischen Verein”

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Die neuen Osnabrücker Mitteilungen wurden vorgestellt

Musikalisch Ansprechende Umrahmung des Programms durch das “Trio Chocolat” (Foto: Thorsten Unger)

Am gestrigen Abend wurden im Museumsquartier Osnabrück die jüngst erschienenen Osnabrücker Mitteilungen 130 (2025) vor ca. 85 interessierten Besucherinnen und Besuchern vorgestellt. Der Band vereinigt 13 Beiträge von zwölf Autorinnen und Autoren sowie 18 Buchbesprechungen auf 358 Seiten, die sich thematisch mit antiker Archäologie, Mittelalterforschung und Zeitgeschichte befassen.

Valentin Loos warf einen Blick auf “Widerstand in Osnabrück” (Foto: Thorsten Unger)

Nach der Begrüßung durch den Vereinsvorsitzenden Thorsten Heese warf der zweite Vorsitzende Thomas Brakmann einen Blick auf die Geschichte des Historischen Vereins und explizit auf Entstehung und Inhalt des neuen Bandes, der für “Kontinuität” steht und gleichzeitig auch “ein Spiegel des Wandels der lebendigen stadt- und regionalgeschichtlichen Forschung im Historischen Verein” ist. Der 130. Band (in 178 Jahren Vereinsgeschichte) ist darüber hinaus ein Jubiläumsband, denn seit 1985 erscheinen die OM ohne Unterbrechung jährlich.

“Der Name und die regionale Ausrichtung — Osnabrücker Land, Emsland, Grafschaft Bentheim — bleiben gültig, zugleich passen sich Forschungsfragen, Methoden und Darstellungsformen fortlaufend an”, so Brakmann. Die Osnabrücker Mitteilungen sind ein Pfeiler der hiesigen regionalhistorischen Forschung; sie waren und sind aber auch offen für neue Forschungsfragen, die sich teilweise erst durch die neuen technischen Möglichkeiten der jüngsten Zeit adäquat bearbeiten lassen oder stellen.

Hervorgehoben wurde, dass all dies vor allem der ehrenamtlichen Arbeit der Redaktion, der Autorinnen und Autoren sowie der Unterstützung durch Förderer wie den Landschaftsverband Osnabrücker Land e. V., die Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück, die Stadt Osnabrück und die Stiftung der Sparkassen im Landkreis Osnabrück zu verdanken ist – nicht zu vergessen sind hierbei die zahlreichen Vereinsmitglieder, deren Kreis sich im Rahmen der Veranstaltung erfreulicherweise vergrößerte.

Rolf Spilker stellte seinen Beitrag zur Risch-Halle vor (Foto: Thorsten Unger)

Im Mittelpunkt der inhaltlichen Vorstellung des Bandes standen die drei Kurzvorträge von Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost (“Zur Interpretation des Fundareals Kalkriese – Einige kritische Anmerkungen”), Valentin Loos (“Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand. Wahrnehmung und Bewertung des regionalen NS-Widerstands”) und Rolf Spilker (“Von Gasgeräten, einer Jazz-Legende und dem karierten Sakko von Peter Frankenfeld. Die Risch-Halle in Osnabrück”). Thomas Brakmann stellte darüber hinaus die weiteren Beiträge des Bandes kurz vor.

Abgerundet wurde die Buchvorstellung von musikalischen Einlagen des “Trio Chocolat“ des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums in Osnabrück, das das Chanson “La vie en rose”, das humoristische Studenten- und Volkslied “Als die Römer frech geworden” und eine Violinvariation zu “Bella Ciao” darbot.

Im Anschluss an die Buchvorstellung lud der Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück zu einem Sektempfang, der die Möglichkeit zu tiefergehenden Diskussionen und zum Kennenlernen bot.

“Regionale Forschung macht Lebenswelten sichtbar, erklärt, warum Orte und Gemeinschaften so geworden sind, wie wir sie heute erleben, und liefert damit wichtige Bausteine für Identität, Orientierung und historisches Verständnis”, so Thomas Brakmann. Viele bis in den späten Abend hinein reichende Gespräche und Diskussionen lassen hoffen, dass dies mit dem neuen Band und auch der gestrigen Veranstaltung wieder gelungen ist.

Zum Abschluss: Sektempfang und weiterführende fachliche Diskussionen (Foto: Thorsten Unger)

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Die „Osnabrücker Mitteilungen 2025“ sind da!

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Buchpräsentation mit anschließendem Empfang

Donnerstag, 15. Januar 2026
Museumsquartier Osnabrück, Vortragssaal, 19 Uhr

Cover der Osnabrücker Mitteilungen 130 (2025)

Für viele Geschichtsinteressierte aus Osnabrück gehört es dazu, dass sie im Jahresverlauf den neuesten Band der Osnabrücker Mitteilungen „unter dem Weihnachtsbaum“ finden. Dieses besondere Erlebnis, zu erfahren, was es Neues an historischer Forschung zur Stadt und Region Osnabrück gibt, möchte der herausgebende Verein erneut zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis machen.

Deshalb wird der 130. Band in diesem Jahr wieder in feierlichem Rahmen vorgestellt. Er versammelt Beiträge, die sich in ihren zeitlichen Schwerpunkten von der Antike bis zur Zeitgeschichte erstrecken und völlig neue und unbeachtete Aspekte der Geschichte beleuchten.

Im Rahmen der Präsentation werden ausgewählte Beiträge kurz vorgestellt – eine vielfältige und kurzweilige Geschichtsstunde.

Im Anschluss wird zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Eintritt ist frei.

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Schreiben im Internet: Texte, die gelesen werden

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Ein empfehlenswerter Beitrag von Ulrike Stockhausen (Redaktionsblog des Blogportals Hypotheses) zum Verfassen von wissenschaftlichen Blogbeiträgen:

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Rezensionen der Osnabrücker Mitteilungen 2025 (130) online

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Die Rezensionen des Bandes 130. Bandes der Osnabrücker Mitteilungen finden Sie nun auch auf dem Rezensionsportal recensio.regio downloadbar als Einzel- oder Gesamt-PDF.

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Mitteilungsblatt Monte S. Gertrudis

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Die Januar‑Ausgabe 2026 des Mitteilungsblatts „Monte S. Gertrudis“ bietet einen spannenden Einblick in die Geschichte des Klosters Gertrudenberg. Im ersten Teil einer neuen Serie wird die Entwicklung des Ortes nachgezeichnet – von einem vorchristlichen Heiligtum der Sachsen bis zum klösterlichen Alltag um das Jahr 1300.

Ein weiterer Schwerpunkt beleuchtet die faszinierende Geschichte der unterirdischen Kalksteinbrüche in Europa, darunter das bekannte Gertrudenberger Loch, das heute vom Verein Interessengemeinschaft Gertrudenberger Loch e. V. für Besucher geöffnet wird.

Abgerundet wird die Ausgabe durch eine Erläuterung der Heftbezeichnung „Monte S. Gertrudis“ sowie ein vollständiges Inhaltsverzeichnis des Jahres 2025.

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Termiten und die Apokalypse – Der Lingener Künstler Harry Kramer

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Archivalie des Monats Januar 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Harry Kramer wurde am 25. Januar 1925 in Lingen geboren. Seine Eltern waren Johann Kramer, Klempner im Ausbesserungswerk, und seine Frau, die Schneiderin Elisabeth Keppler aus Nimwegen. Als überzeugter Kommunist wehrte sich der Vater zunächst dagegen, den Jungen taufen zu lassen, doch die Verwandtschaft drängte erfolgreich auf eine protestantische Taufe. Er erhielt schließlich die Vornamen Harry (nach dem Schauspieler Harry Piel) und Karl (nach Karl Marx). Der Vater war Mitglied der Lingener Ortsgruppe der KPD und ließ sich 1929 erfolglos für die Gemeinde- und Kreistagswahl 1929 aufstellen. Außerdem waren die Eltern Mitglied des KPD-nahen Freien Turn- und Sportvereins „Vorwärts“. Als Harrys Mutter 1932 nach längerem Sanatorienaufenthalt an Tuberkulose starb, fielen dem Siebenjährigen die Trauerkränze mit Hammer und Sichel auf. Er zog nun zur Urgroßmutter.

Aus Angst vor Verfolgung ließ sich der Vater – inzwischen wieder verheiratet – 1938 ins Ausbesserungswerk Neumünster versetzen, und der dreizehnjährige Harry ging mit ihm. Eine Rechtschreibschwäche hatte den Besuch eines Gymnasiums verhindert. Die dortige Volkschule verließ er mit einem Zeugnis, das Ziel der 8. Klasse mangelhaft erreicht zu haben. Auf Wunsch des Vaters begann er eine Aubildung bei dem Neumünsteraner Herrenfriseur Petau. Doch er langweilte sich, plante eine Überfahrt nach Amerika, verlor aber seinen Pass und endete im Polizeigefängnis Osnabrück. Unter den dortigen „Pennern, Säufern, Dieben“, so erzählt er später, habe er sich wohler gefühlt als bei den „selbst nackt noch uniformierten Zombies“. Als sein Vater ihn nach 14 Tagen auslöste, verweigerte Harry die Rückkehr nach Neumünster. Er ging zum Lingener Friseur Fritz Droop und befreundete sich mit dem reformierten Pastorensohn Jochen Staedtke. Es sei „die Verachtung des banalen Terrors, der Ekel vor der dumpfen, nicht identifizierbaren Gewalt“, so Harry Kramer später, die beide Kinder zusammengeführt habe. Er versuchte, Schauspieler zu werden. Doch Vorsprechen 1942 im Stadttheater Osnabrück und 1943 im Stadttheater Münster blieben ohne Erfolg.

1943 wurde er mit 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und als Panzergrenadier im Norden Frankreichs eingesetzt. Nach einem nächtlichen Feuergefecht brachte er einen verletzten Amerikaner zum Sanitäter. Damit war der Amerikaner der erste Gefangengenommene der Division, und Harry Kramer bekam das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Später wurde er selbst gefangengenommen und für den Küchen- und Casinodienst eingeteilt. Ein Fluchtversuch scheiterte 20 km vor Paris, ein weiterer – bereits nach der Kapitulation im Mai 1945 – brachte ihn bis nach Belgien und endete in einem amerikanischen Lager. Auf dem englischen Landsitz Farmhall diente er für einige Monate als einer der Burschen für zehn internierte deutsche Wissenschaftler, unter ihnen Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker.

Nach kurzem Aufenthalt im Osnabrücker Gefängnis kehrte er nach Neumünster zurück, wo ihn das Arbeitsamt wieder zu dem Friseur Petau schickte. Nach einer erfolglosen Bewerbung im Operettenhaus Hamburg ging Harry Kramer auf die Tanzschule Rogge in Hamburg und absolvierte erste Auftritte. Danach wechselte er ans Stadttheater Bielefeld, dann ans Stadttheater Münster, wo er seine spätere Frau, die Tänzerin und Folkwang-Schülerin Helga Brauckmeyer kennenlernte. Das Stadttheater Münster verließ er jedoch 1951 im Streit.

Das Paar zog zunächst nach Starnberg, dann folgte er ihr nach Berlin. Hier entstanden die ersten Puppen für sein „Mechanisches Theater“, das große Aufmerksamkeit erhielt. 1956 siedelte das Paar nach Paris über. Mit dem Kameramann Wolfgang Ramsbott schuf er fünf kurze Experimentalfilme. Außerdem begann er mit der Schaffung von Drahtplastiken. 1964 nahm er an der Documenta 3 in Kassel teil. Im Jahr darauf wurde er Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Er reiste Helga nach Las Vegas nach, wo beide heirateten.

1970 folgte er dem Ruf als Professor an die Hochschule für Bildende Künste Kassel. Seine eigene Produktion gab er daraufhin auf. Unter dem Namen „Atelier Kramer“ arbeitete er fortan gemeinsam mit seinen Studierenden. Einer seiner Schüler war Gunter Demnig, der später auch in Lingen Stolpersteine verlegen wird. 1971 mauerte sich Kramer im Museum Fridericianum Kassel zehn Tage lang ein und kommunizierte nur durch Gitterstäbe mit den Besuchern. 1978 entstand die Installation „1984 – Termitenstaat“ in Form eines auf Menschenmaß vergrößerten und von Versuchspersonen bewohnten Termitenbaus. Von 1979 bis 1987 entstanden 20 großformatige „Apokalypse“-Bilder. Sein letztes Projekt war 1981 bis 1992 die Künstlernekropole Kassel, für die verschiedene Künstler ihre eigene Grabplatte entwerfen sollten, um sich hier später begraben zu lassen. Die Nekropole wurde im Jahr seiner Emeritierung 1992 eröffnet. Harry Kramer starb am 20. Februar 1997 in Kassel. Er wurde – allerdings ohne eigenes Grabmonument – in der Künstlernekropole bestattet. Sein Nachlass befindet sich heute in der Kunsthalle Lingen.

 

Die Ausstellung „Harry Kramer und seine Zeit“ ist noch bis zum 11. Januar 2026 in der Kunsthalle Lingen zu sehen.

 

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Allg., Slg., Nr. 124.
  • StadtA LIN, Plakate, Nr. 815.
  • NLA OS, Rep 439, Nr. 21810.
  • Behm, Meike: Ironisch mit den Themen umgehen, ohne dabei den Inhalt lächerlich zu machen. Harry Kramer (1925 in Lingen geboren, 1997 in Kassel gestorben), in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 56 (2010), S. 275-286.
  • Lüddemann, Stefan: Harry Kramer (Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen 64), Hannover 2007.
  • Lüddemann, Stefan: Störfall im Betriebssystem Kunst. Was Harry Kramer und seine Werke uns heute sagen, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 62 (2016), S. 287-310.
  • Scherger, Anne Gertrud: Stolpersteine. Ein Wegweiser zu den Stolpersteinen für die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Lingen (Ems). Ein Stadtrundgang, Lingen 2019.
  • Willhardt, Michael (Hg.): Harry Kramer. Ein Friseur aus Lingen, Freren 1990.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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Mösers Mutter und Stüves Urgroßmutter

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Abb. 1: Kirchenbuch-Eintrag der Taufe Mösers am 20.12.1720. (Landeskirchliches Archiv Hannover – Kirchenkreis Osnabrück – Osnabrück – St. Marien – Kirchenbücher: Taufen 1691–1751)

Johann Carl Bertram Stüve (1798–1872) und Justus Möser (1720–1794) waren zwar durch mehrere Generationen voneinander getrennt, aber für den überregional renommiertesten Osnabrücker des 19. Jahrhunderts war der berühmte Schriftsteller, Jurist und Osnabrücker Staatsmann des 18. Jahrhunderts immer ein Vorbild und Maßstab gewesen.[1]

Kaum bekannt dürfte sein, dass sie weitläufig mit einander verwandt waren. Mösers Mutter, Regina Juliana Elverfeld (1695–1758) und Stüves Urgroßmutter Anna Catharina Elverfeld waren nämlich Schwestern. Deren Eltern waren der Doktor beider Rechte Justus Itel Elverfeld (1656–1738), seit 1699 Ratsherr und seit 1736 einer der beiden Bürgermeister der Osnabrücker Altstadt,[2] und seine Ehefrau Catharina Gertrud, geborene Hönemann (1659–1730). Zu ihren Kindern gehörten die Töchter Anna Catharina, die am 18. Mai 1712 den Juristen Eberhard Berghoff heiratete[3] und Regina Juliana, die Mösers Vater Johann Zacharias (1690–1768) am 3. November 1716 heiratete.[4] Deren Sohn Justus wurde am 14. Dezember 1720 geboren.

Für Eberhard Berghoff und seine Frau Anna Catharina, geb. Elverfeld sind in den Kirchenbüchern von St. Katharinen in Osnabrück insgesamt acht Taufen aufgeführt, bei der Taufe des zweiten Sohnes Johann Heinrich Berghoff am 30. September 1718 ist unter anderen auch der Onkel Johann Zacharias Möser als Pate aufgeführt.[5] Der dritte Sohn, der wie sein Vater nur den einzigen Vornamen Eberhard erhielt, wurde am 18. Oktober 1720 getauft[6] und gehörte zu den Jugendfreunden seines gleichaltrigen Cousins Justus Möser.[7]

Abb. 2: Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Möser und Stüve

Eberhard Berghoff, wie sein Vater Doktor beider Rechte, war bis zu seinem Tod 1780 als Kanzleirat im ständigen beruflichen Kontakt mit dem geheimen Referendar der Regierung Justus Möser. Er heiratete am 29. September 1749 Anna Sophia Wöbeking,[8] die Tochter des Arztes und Bildersammlers Johann Christoph Wöbeking.[9] Deren 1756 geborene Tochter Margaretha Agnesa heiratete am 20. Juli 1784 den späteren Bürgermeister Heinrich David Stüve.[10] Ihr jüngster Sohn war der am 4. März 1798 geborene Johann Carl Bertram Stüve.[11]

Auch wenn diese weitläufige Verwandtschaft nur eine Fußnote in der Geschichte Osnabrücks ist, so ist sie doch ein Beispiel dafür, dass die Mitglieder der zahlenmäßig überschaubaren bürgerlichen städtischen Oberschicht sich alle kannten und in vielfältigen Beziehungen zueinander standen.

Anmerkungen:

[1] Zum Verhältnis von Stüve zu Möser: Christine van den Heuvel: Justus Mösers ‚Kleine Welt‘ – Aspekte politischer Memoria nach 1794, in: Ulrich Winzer / Susanne Tauss (Hg.): „Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct …“ Neue Blicke auf Justus Möser (1720–1794). Beiträge der wissenschaftlichen Tagung vom 14. bis 16. März 2019, Münster/New York 2020, S. 267–280, hier S. 275 f.

[2] Karl H.L. Welker: Rechtsgeschichte als Rechtspolitik. Justus Möser als Jurist und Staatsmann, Bd. 2, Osnabrück 1996, S. 685.

[3] Landeskirchliches Archiv Hannover – Kirchenkreis Osnabrück – Osnabrück – St. Katharinen – Kirchenbücher: Trauungen 1678–1796. Weitere Lebensdaten zu Anna Catharina Elverfeld lassen sich den Kirchenbüchern nicht entnehmen.

[4] Landeskirchliches Archiv Hannover – Kirchenkreis Osnabrück – Osnabrück – St. Marien – Kirchenbücher: Trauungen 1685–1799.

[5] Landeskirchliches Archiv Hannover (wie Anm. 3): Taufen 1695–1734.

[6] Ebd.

[7] Welker, Rechtsgeschichte (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 522, Anm. 1312. Welker nennt hier als einziger die Verwandtschaft der Familien Möser und Berghoff.

[8] Landeskirchliches Archiv Hannover (wie Anm. 4): Trauungen 1685–1799.

[9] Zu Wöbeking: Thorsten Heese: „Gegenstände meiner besonderen Vorliebe“. Die Gemälde der „Sammlung Gustav Stüve“ im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück, Bramsche 2013, S. 21.

[10] Landeskirchliches Archiv Hannover (wie Anm. 3): Trauungen 1678–1796.

[11] Landeskirchliches Archiv Hannover (wie Anm. 3): Taufen 1735–1800.

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Neuerscheinung: Sowjetische Kriegsgefangene in den Lagern des Emslandes und der Grafschaft Bentheim 1941–1945

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In ihrer Schriftenreihe veröffentlicht die Gedenkstätte Esterwegen nun den von Martin Koers verfassten Band „Sowjetische Kriegsgefangene in den Lagern des Emslandes und der Grafschaft Bentheim 1941–1945“. Die als Dissertation an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Prof. Dr. Bernd Faulenbach entstandene Studie beleuchtet erstmals umfassend die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener in den Kriegsgefangenenlagern im Emsland und der Grafschaft Bentheim.

Sowjetische Soldaten bildeten während des Zweiten Weltkriegs die größte Gruppe der Kriegsgefangenen in den Emslandlagern. Sie starben zu Tausenden an unzureichender Ernährung, harter Arbeit und menschenunwürdiger Behandlung. Auch der Zwangsarbeitseinsatz im regionalen Umfeld der Emslandlager forderte zahlreiche Tote. Vor allem jedoch im Bergbau und in der Kriegsproduktion der Rhein-Ruhr-Region mussten die Kriegsgefangenen Schwerstarbeit leisten, bis sie zusammenbrachen und zum Sterben in die Emslandlager zurückkehrten. Ihre Schicksale waren bislang in vielen Bereichen nur unzureichend erforscht und dokumentiert.

Koers ordnet die regionale Situation in den Gesamtkontext des Kriegsgefangenenwesens der Wehrmacht und des Arbeitseinsatzes im Wehrkreis VI Münster ein. Er zeichnet erstmals umfassend Lebenswege und Biografien auf, stellt detailliert die Transporte sowie Arbeitskommandos dar und wertet die Zahl der Toten statistisch aus. Es entsteht ein klares Bild von der Funktion der Lager und der Ausbeutung der Arbeitskraft bis in den Tod.

Sowjetische Kriegsgefangene galten bislang – auch in der Forschung – als eine vermeintlich homogene Masse. Diese Studie zeichnet ein sehr viel detaillierteres Bild ihres Lebens in Lagern und Arbeitskommandos, benennt Verweildauer, Lebenserwartung nach der Ausbeutung in der Zwangsarbeit, Todesursachen und skizziert mehr als 29.000 Biografien.

Die erstmalige Zusammenstellung der Kommandanten der emsländischen und bentheimischen Stammlager bietet zudem Ansatzpunkte für eine vertiefte Täterforschung. Auch die Räumungsmärsche zum Ende des Krieges, die Befreiung der Überlebenden und die Nachkriegszeit werden kurz beleuchtet. Die umfassenden Recherchen werden durch Berichte regionaler Zeitzeugen und bisher weitgehend unveröffentlichtes Bildmaterial bereichert.

Die Neuerscheinung ist im Buchhandel, in der Gedenkstätte Esterwegen sowie direkt beim Wallstein Verlag erhältlich:
https://www.wallstein-verlag.de/9783835359345-sowjetische-kriegsgefangene-in-den-lagern-des-emslandes-und-der-grafschaft-bentheim-19411945.html
309 S., 81 z.T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag, 14 x 21,5 cm, ISBN 978-3-8353-5934-5, € 28,00 (D)

Fünfzehn Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager unterhielt der NS-Staat im Emsland und der Grafschaft Bentheim zwischen 1933 und 1945. Als Haftstätten mit wechselnden, sich zeitlich überschneidenden Funktionen existierten neben den frühen Konzentrationslagern und den Strafvollzugslagern unter Aufsicht der Justizverwaltung ab 1939 auch neun Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) – die sogenannten Stammlager (Stalags) VI B und VI C.

Martin Koers, geb. 1973, ist Historiker, Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen und Archivar der Gemeinde Geeste.
Veröffentlichungen u. a.: 1945 / 2025. 80 Jahre Kriegsende und Befreiung: Die Emslandlager, Werlte/Esterwegen 2025 (Mithg.). Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933 – 1945, Göttingen 2025 (Mithg.). Zwangsarbeitertransporte und niederländische »Zivilarbeiter« bei der Bentheimer Eisenbahn, in: Eugen Kotte / Christian Lonnemann (Hg.): Die Bentheimer Eisenbahn im »Dritten Reich«, Münster 2025, S. 119–148. Kriegerische Volksgemeinschaft. Städtische und ländliche Gesellschaft in der Region Lingen während des Zweiten Weltkriegs, in: Dietmar von Reeken (Hg.): Lingen im Nationalsozialismus, Münster 2025, S. 381–427.

Der Autor Martin Koers wird die Kernaussagen seiner Studie im März 2026 im Rahmen einer Lesung in der Gedenkstätte Esterwegen vorstellen.

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Der 130. Band der Osnabrücker Mitteilungen ist erschienen

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Der Historische Verein Osnabrück legt den 130. Band der Osnabrücker Mitteilungen (2025) vor. Der 358 Seiten starke Hardcover-Band versammelt 13 wissenschaftliche Beiträge und 18 Rezensionen und präsentiert damit ein breit angelegtes Kompendium regionalhistorischer Forschung, das Archäologie, Mittelalterforschung und Zeitgeschichte zu einem vielstimmigen Panorama der Osnabrücker Geschichte und Erinnerungskultur verbindet.

Die Beiträge reichen thematisch vom kritisch reflektierten Diskurs um das Fundareal Kalkriese über Untersuchungen zur mittelalterlichen Frömmigkeits- und Kirchengeschichte bis hin zu Studien zur Osnabrücker Geschichte des 20. Jahrhunderts. So werden unterschiedliche Deutungen und methodische Zugänge zu den Kalkriese-Funden gegenübergestellt, die ambivalente Rolle Bischof Bennos im Investiturstreit sowie die Friedens- und Bündnispolitik der Osnabrücker Bischöfe im 13. Jahrhundert analysiert und das spätmittelalterliche Andachtsbild „Christus am Ölberg“ im Dom kunst- und religionsgeschichtlich eingeordnet. Ein Beitrag zeichnet die Umwandlung eines nationalsozialistischen Bauwerks in Bramsche von ideologischer Nutzung zu einem Mahnmal nach 1945 nach und thematisiert damit die Wandlung von Täterort zu Erinnerungsort.

Biografische Fallstudien beleuchten individuelle Lebenswege und die Spannungen der Zeit: Richard Hugle wird als engagierter Verkehrsplaner und Verwaltungsbeamter vorgestellt, dessen regionales Engagement durch Anpassungen in der NS‑Zeit geprägt ist; die Brüder Otto und Dr. Walter Sperber stehen exemplarisch für konträre Haltungen gegenüber dem Regime, von kirchlich geprägtem Widerstand bis zur Systemintegration. Ein umfangreicher Beitrag dokumentiert die vielfältigen Formen des Widerstands in Osnabrück — politisch, religiös und sozial — und hebt Solidarität und Mut trotz Repression hervor, während eine Analyse Gerhard Schlikkers die persönlichen und gesellschaftlichen Motive für den Beitritt zur NSDAP in den Kontext der Weimarer Krisendynamik einordnet.

Ergänzt werden diese Schwerpunkte durch sozialgeschichtliche Skizzen zur Papenhütte und zur Risch‑Halle, durch Beiträge zu Justus Möser sowie durch Editionen privater Briefwechsel, die Einblicke in Alltagsleben und soziale Netzwerke geben. Die 18 Rezensionen besprechen aktuelle Publikationen zu Kloster‑ und Rechtsgeschichte, Mythen und Erzählungen, Kunst und Kultur, regionaler Wirtschaftsgeschichte, Revolutionen, NS‑Widerstand und Besatzungszeit; sie würdigen die wissenschaftliche Fundierung der Werke und ihre Bedeutung für die regionale Forschung.

Der Band richtet sich gleichermaßen an Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler wie an historisch interessierte Leserinnen und Leser, die fundierte, gut lesbare Beiträge zur Regionalgeschichte schätzen. Mit dem 130. Band setzt der Historische Verein Osnabrück seine langjährige Publikationstradition fort und bietet ein wichtiges Referenzwerk für die regionale Geschichtsschreibung sowie eine Grundlage für weitere Forschung und öffentliche Vermittlung.

Die Mitglieder des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein) erhalten den Band kostenfrei. Aber das Jahrbuch ist auch im regionalen Buchhandel für 45,00 Euro erhältlich.

Die offizielle Vorstellung des Bandes findet am 15. Januar 2026 um 19 Uhr im Museumsquartier Osnabrück statt; die Veranstaltung wird von Vorträgen begleitet und schließt mit einem kleinen Empfang.

Aus dem Inhalt:

I. Aufsätze

Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost, Zur Interpretation des Fundareals Kalkriese – Einige kritische Anmerkungen

Andreas Bihrer, Bischof Benno von Osnabrück (1068–1088): Sünder oder Heiliger? Zur Konstruktion von Bischofsheiligen im Investiturstreit

Sonja Drehlmann, Frieden schreiben – Macht fixieren. Die Landfriedens- und Bündnispolitik der Osnabrücker Bischöfe im 13. und 14. Jahrhundert

Friederike-Andrea Dorner, Das Osnabrücker Ölbergbild. Ein spätmittelalterliches Gemälde aus dem Dom St. Petrus

Rainer Drewes, „Flamme und Schwert“. Zur Geschichte eines nationalsozialistischen Bauwerks in Bramsche

Christof Haverkamp, Richard Hugle. Osnabrücker Verkehrsdirektor und Wegbereiter des Emslandplans

Thomas Grove, Die Brüder Otto (1886–1971) und Dr. Walter Sperber (1889–1971). Oppositionelle versus systemtragende Grundorientierungen im Nationalsozialismus

Valentin Loos, Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand. Wahrnehmung und Bewertung des regionalen NS-Widerstands

Thorsten Heese, Warum ich Nationalsozialist wurde! Gerhard Schlikker – oder: zur Geschichte eines Steigbügelhalters

Simon Hellbaum, Es spricht manches dafür, die ausgesprochen Asozialen möglichst an 1 oder 2 Stellen des Stadtgebietes zusammenzufassen. Die Osnabrücker Obdachlosenunterkunft ‚Papenhütte‘ im 20. Jahrhundert

Rolf Spilker, Von Gasgeräten, einer Jazz-Legende und dem karierten Sakko von Peter Frankenfeld. Die Risch-Halle in Osnabrück

Möseriana

Martin Siemsen, …meinen Kutscher als Gefangnenwärter in Vorschlag zu bringen… Zu Altersvorsorge und Patronage bei Justus Möser

Martin Siemsen, Meine liebe Freundin… Zwei Briefe von Georg Wilhelm August von Pape (1761–1837) an Johanna Wilhelmina Juliana von Voigts geb. Möser (1749–1814)

II. Besprechungen

Epochenübergreifend

Frank Huismann / Katharina Pfaff, Klosterbesuche. Entdeckungen im Osnabrücker Land (Karsten Igel)

Horst Grebing, Das Gertrudenberger Loch. Steinbruch – Bierkeller – Luftschutz – Denkmal (Rose Scholl)

Stefan Pätzold / Wilfried Reininghaus (Hg.), Quellenkunde zur westfälischen Geschichte vor 1800. Zwanzig Beiträge zu Auswertungsmöglichkeiten und Erkenntnispotentialen vormoderner Überlieferung (Martin Schürrer)

Ulrich Andermann, Recht, Richter und Gerichte in Ravensberg. Rechtsgeschichte einer Grafschaft (Martin Schürrer)

Klaus Mueller, Bauern, Plaggen, Neue Böden. 1000 Jahre Plaggenwirtschaft in Nordwestdeutschland (Karsten Igel)

Mittelalter

Regine Krull / Olav Heinemann (Hg.), Die Gebeine eines Helden. War Widukind schon vor seiner Taufe Christ? (Christof Spannhoff)

Ralf-Peter Fuchs / Jens Lieven / Stefan Pätzold (Hg.), Mythos als Aufgabe. Geschichtsschreibung am Niederrhein und in Westfalen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit (Lara Jäger)

Frühe Neuzeit

Graf Johann von Hoya, Bischof von Osnabrück, Klagebrief an König Erik XIV. Wasa: Quid hic peccaverat? (Georg Wilhelm)

Ulrike Ludwig / Philip Hoffmann-Rehnitz (Hg.), Münster nach dem Dreißigjährigen Krieg (1648–1655) (Samuel Arends)

Rose Scholl / Kerstin Schumann / Martin Siemsen / Ilka Thörner (Hg.), Die Leute sind Goldarbeiter: Justus Möser und das Tuchmachergewerbe in Bramsche (Isabelle Guerreau)

19. Jahrhundert

Felix Gräfenberg (Hg.), 1848/49 in Westfalen und Lippe. Biografische Schlaglichter aus der revolutionshistorischen Peripherie (Ulrich Winzer)

20. Jahrhundert

Helmut Lensing, „Keiner darf fehlen im Kampf gegen Faschismus und Bolschewismus!“ Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die „Eiserne Front“ in der Grafschaft Bentheim und im Kreis Lingen (1924–1933) (Sebastian Weitkamp)

Conrad Gietman / Simone Nieuwenbroek / Martin Schürrer / Redmer Alma / Yme Kuiper / Gunnar Teske (Hg.), Einde van de adelscultuur? Adellijke overlevingsstrategieën in Duitsland en Nederland, 1918–1955 (Benjamin van der Linde)

Stefan Lüddemann, Friedrich Vordemberge-Gildewart (Eva Berger)

Arta Valstar-Verhoff / Roman Zieglgänsberger (Hg.), KörperGeometrie. Ilse Leda und Friedrich Vordemberge-Gildewart (Eva Berger)

Petra-Ulrike Wissbrock, Der andere Blick auf deutsche Verhältnisse. Kreis Resident Officers in westfälischen Kreisen 1945–1950 (Simone Herzig)

Rüdiger Ritter (unter Mitarbeit von Britta Albers), Haren/Maczków 1945–1948. Zwei Perspektiven auf die emsländische Gemeinde Haren in der Nachkriegszeit / Haren/Maczków 1945–1948. Dwa spojrzenia na miejscowość Haren w rejonie Emsland po II wojnie światowej (Helmut Lensing)

Stiftung Gedenkstätte Esterwegen (Hg.), 1945/2025. 80 Jahre Kriegsende und Befreiung: Die Emslandlager (Simone Herzig)

III. Jahresberichte

Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück e. V. Jahresbericht Oktober 2024 – September 2025 (Thomas Brakmann)

Arbeitskreis Stadt- und Regionalgeschichte (Karsten Igel)

Justus-Möser-Gesellschaft (JMG)

Jahresbericht Oktober 2024 – August 2025 (Martin Siemsen)

Die Autorinnen und Autoren des 130. Bandes

Vorstand und Beirat des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück

Bibliographische Angaben:

Osnabrücker Mitteilungen 130/2025. Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein), Münster: Verlag für Regionalgeschichte (Imprint des Aschendorff-Verlags) 2025, 358 S., 63 Abbildungen; ISSN 0474-8158 | ISBN 978-3-7395-1568-7; 45,00 Euro (Hardcover).

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Ein Blick ins Archiv – Winter und Weihnachten in Niedersachsen

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Archive verwahren authentische Quellen und stehen für eine sachliche Aufarbeitung von Zusammenhängen aus der Geschichte.

Wer sich über die Arbeit von Archiven, insbesondere des Niedersächsischen Landesarchivs informieren möchte, dem sei der Podcast von Antje Lengnick und Isabell Schönecker empfohlen – aktuell passend mit einer Weihnachtsausgabe am Start:

Die Weihnachtszeit steht vor der Tür – und zwischen Geschenke einpacken, Lebkuchen naschen und gemütlichen Stunden im Warmen haben wir uns gefragt: Welche Geschichten und Quellen rund um Winter und Weihnachten verbergen sich eigentlich im Landesarchiv? Wir begeben uns auf eine Spurensuche und entdecken Dokumente, die von festlicher Tradition und winterlichem Alltag erzählen.

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Die Lingener Nachtwächter

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Archivalie des Monats Dezember 2025 (Stadtarchiv Lingen)

Der Dortmund-Ems-Kanal bei Nacht mit der 1899 errichteten Drehbrücke an der Lindenstraße. (Stadtarchiv Lingen)

Wie in anderen Städten auch hatte es in Lingen ursprünglich eine Wachpflicht für sämtliche männliche Einwohner gegeben. Doch wuchs der Widerstand gegen diese lästige Pflicht, und insbesondere die städtische Oberschicht suchte sich davon zu befreien. Schließlich gab auch die Stadt Lingen das alte System auf und stellte bezahlte Nachtwächter ein. Im 18. Jahrhundert hatte man vier städtische Nachtwächter. Unterwegs waren sie entweder mit einer hölzernen Ratel oder Ratsche, wie sie auch im ostfriesischen und niederländischen Raum üblich waren, oder mit einem Blashorn. Entsprechend unterschied man „Ratelwächter“ auf der einen Seite und „Blasewächter“ oder „Hornwächter“ auf der anderen. Erkennbar waren sie an ihrer Amtskleidung, den „NachtRöcken“. Der Lingener Chronist Johann Christoph Gabel berichtet 1787, dass „die Wächter alle halbe und ganze Stunden radeln oder rufen und die Zeit anzeigen müssen“.

1737 starb der alte Ratelwächter Haine. Gleich am nächsten Tag erschien der Kleidermacher Christoff Carl vor dem Magistrat und bat angesichts seiner Armut darum, die Nachfolge antreten zu dürfen. Der Magistrat stimmte zu, und so musste sich Carl eidlich verpflichten, dass er „alle stunde beharlig auff alle gaßen patrolliren“, mit seiner Ratsche „alle verdachtige Ohrtere gnau besichtigen“ und, soweit es in „seynem Vermogen“ stehe, alles zum Nutzen der Stadt befördern werde. Noch im selben Jahr starb auch der Blasewächter Osewalt. Der andere Blasewächter Jan Schulte genannt KoeJan hatte während dessen sechswöchiger Krankheit das nächtliche Wachtblasen für ihn übernommen und das eingesammelte Geld mit Osewalts Witwe geteilt. Nun bat er darum, noch bis Ostern das „nacht wacht blasen“ allein zu übernehmen. Der Magistrat war einverstanden, betonte aber, dass Osewalts Witwe weiterhin beteiligt werden müsse und Schulte, wenn er seiner Arbeit nicht gerecht werde, mit derben Strafen zu rechnen habe.

Wie der Henker und der Gefängniswärter gehörte der Nachtwächter zu den unehrlichen Berufen. Zur fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz kam eine notorisch schlechte Vergütung. Dies stand allerdings in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Nachtwächter für die städtische Sicherheit. Diese Diskrepanz konnte sich nur negativ auf ihre Zuverlässigkeit auswirken. Entsprechend hoch waren die angedrohten Strafen bei Versäumnissen. 1746 wurden alle vier Nachtwächter auf das Alte Rathaus zitiert und angemahnt, von 9 Uhr abends bis zum morgen (im Winter bis 4 Uhr) „ihre Stunde zu blasen und zu rädeln“ und alles ordentlich zu observieren. Sollte ein Feuer in der Stadt ausbrechen oder ein anderes Unglück geschehen und herauskommen, dass sie ihre Wacht vernachlässigt hätten, sollten sie „derbe bestraffet“ und gegebenenfalls sogar „nach Wesel geschicket und an die Carre geschloßen“ werden. Gemeint ist eine Karrenstrafe, bei der man zum Arbeiten an einen Karren gekettet wurde. Freilich versprachen die vier Nachtwächter, wachsam zu bleiben.

In eine ganz ähnliche Richtung ging die Eidesformel der Lingener Nachtwächter, die spätestens ab 1750 Anwendung fand. Sie lautete für die Blasewächter (in hochdeutscher Übersetzung):„Ich N.N. gelobe und schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, dass ich als bestellter Nachtwächter sorgfältig und treufleißig jede zweite Nacht im Winter (also von Michaelis bis Ostern) meinen Dienst tun wolle; des Abends um 9 Uhr mit Blasen durch alle Straßen und Örter der Stadt anfangen und alle Stunde bis morgens um 4 Uhr inklusive ohne Unterlass fortfahren wolle; zur Verhütung von Feuergefahr, Diebereien und sonstigen Exzessen treufleißige Acht haben wolle; und auch ebenso von Ostern bis Michaelis verfahren wolle, jedoch in dieser Zeit nur von 10 Uhr Abends bis 3 Uhr morgens alle Stunde blasen und die Wacht halten wolle; und außerdem mich in meinem Dienst betragen wolle, wie es einem christlichen, ehrlichen und aufrichtigen Nachtwächter eignet und gebührt, so wahr mir Gott helfe durch seinen Sohn Jesus Christus.“

Die Lingener Burgstraße im Mondlicht. (Stadtarchiv Lingen)

Norm und Praxis wichen allerdings durchaus voneinander ab. 1771 stellte der Magistrat fest, dass die Nachtwächter „aller vom Magistrat geschehenen Erinnerungen ohngeachtet ihr devoir sehr schlecht verrichten“. In einer Märznacht des Jahres 1784 kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Beim Regierungsdirektor wurden die Fenster eingeschlagen, und Nachtwächter Stein musste zugeben, dass seine Frau und sein Sohn für ihn den Nachtdienst geleistet hatten, weil er selbst als Bote außer Landes gewesen wäre. 1802 verlangte der Magistrat gar eine schriftliche Verpflichtung, die Saumseligkeiten im Dienst fortan zu unterlassen. Alle vier Nachtwächter unterschrieben mit Kreuzen, keiner von ihnen konnte lesen oder schreiben. 1805 dann beschwerte sich der Akziseinspektor Leesemann, der hinter der Lateinschule wohnte. Bei ihm sei in der Nacht eingebrochen worden, die Nachtwächter aber habe er um Mitternacht das letzte Mal gehört. Solche Nachtwächter, so Leesemann, verdienten wohl eher Nachtschläfer genannt zu werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Aufgaben der Nachtwächter zunehmend auf die Polizei über. Die Bezeichnung „Nachtwächter“ verschwand schließlich ganz. Stattdessen wurden 1919 zwei „Nachtpolizeibeamte“ bzw. „Hilfspolizeibeamte für den Nachtwachdienst“ eingestellt. Sie bekamen ein Dienstfahrrad ausgehändigt und 1921 wurden ihnen drei Begleithunde zur Seite gestellt.

 

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 247, 277, 314, 315, 323, 1675, 5504.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 2523, 4989.
  • Glimme, Martina: „Slaept niet die daer waeckt“. Von Nachtwächtern und Türmern in Emden und anderswo. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Ostfriesischen Landesmuseum/ Emder Rüstkammer (Veröffentlichungen des Ostfriesischen Landesmuseums und Emder Rüstkammer 11), Oldenburg 2001
  • Hilkenbach, Friedrich: Lingen, Land und Stadt. Aus einer Chronik 1787, in: Heimat- und Verkehrsverein Lingen-Ems (Hg.): Lingener Heimatkalender auf das Jahr 1951, S. 37-50.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Eine ausführliche Behandlung des Themas findet sich im aktuellen Emsland-Jahrbuch 72 (2026), S. 267-286.

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„Täter-Hetzer-Profiteure“: Otto Marxer (1896-1942)

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Ein früher Wegbereiter des Nationalsozialismus in Osnabrück

Heiko Schulze beleuchtet in der Osnabrücker Rundschau die faszinierende und erschütternde Geschichte von Dr. Otto Marxer, einem der frühen Wegbereiter des Nationalsozialismus in Osnabrück. Der Artikel beleuchtet die kontroverse Biografie des Zahnarztes, der als SA-Schläger, Gestapo-Leiter und überzeugter Nationalsozialist eine zentrale Rolle in der Etablierung des NS-Regimes spielte. Von seiner Jugend in Bayern über seine brutalen Taten im Freikorps Epp bis hin zu seiner Karriere in der NSDAP und seinem Tod an der Ostfront – die detaillierte Darstellung bietet einen tiefen Einblick in die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Ein aufschlussreicher Beitrag, der die Mechanismen von Macht und Ideologie im Dritten Reich beleuchtet.

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Rechtsgeschichte und Politik bei Justus Möser

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Festvortrag von Prof. Dr. Peter Oestmann, Münster

Sonntag, 14. Dezember 2025, 11.00 Uhr
Rathaus Osnabrück, Friedenssaal

Anlässlich des Geburtstages Justus Mösers am 14. Dezember 1720 veranstalten die Stadt Osnabrück und die Justus-Möser-Gesellschaft seit 1987 gemeinsam den Festvortrag im Friedenssaal des historischen Rathauses.

Justus Möser. Porträt von Johann Georg Huck. © Museumsquartier Osnabrück, E 1858

Die „Patriotischen Phantasien“ machten Justus Möser als Publizisten und Schriftsteller im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt, die „Osnabrückische Geschichte“ als Historiker berühmt, seine Reputation als Staatsmann und Politiker verdankte Möser schließlich der gelungenen Verbindung seiner literarischen und historischen Fähigkeiten mit seiner Amtstätigkeit. Nach dem Jurastudium in Jena und Göttingen war er umgehend Sekretär, später Syndikus der Osnabrücker Ritterschaft geworden, konnte sich im Siebenjährigen Krieg als Vertreter des gemeinen Besten profilieren und nach der Machtübernahme durch die Welfen als Regierungsberater seine juristischen Fähigkeiten ambitioniert unter Beweis stellen.

Prof. Dr. Peter Oestmann, Rechtshistoriker an der Universität Münster, verortet Justus Möser in der allgemeinen juristischen Debatte seiner Zeit im Vergleich mit prominenten Zeitgenossen und bietet einen Ausblick auf die Möser-Rezeption seit dem 19. Jahrhundert in der rechtshistorischen Germanistik.

Um Anmeldung bis zum 9. Dezember 2025 unter [email protected] oder Tel.: 0541 323 3340 wird gebeten.

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Das Emsland-Jahrbuch 2026

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Der 72. Band dieser etablierten Reihe versammelt über 19 vielseitige Beiträge zu Geschichte, Kultur, Natur und Menschen der Region und setzt die seit 1967 jährlich erscheinende Reihe des Emsländischen Heimatbundes fort.

Das Cover des Emsland-Jahrbuches 2026.

Im Zeichen wichtiger Jahrestage beleuchten die Autorinnen und Autoren das 80. Jahr des Kriegsendes mit regionalen Perspektiven – vom Ende des Zweiten Weltkriegs im Emsland über das NS-Zwangsarbeitslager „Kossentanne“ in Meppen bis zu pädagogischen Ansätzen der Gedenkstätte Esterwegen und den Marksteinen einer wachsenden Gedenk- und Erinnerungskultur.

Ein zweiter Schwerpunkt gilt dem 75-jährigen Jubiläum des Emslandplans, unter anderem mit Beiträgen zur Patenschaft des Landkreises Meppen mit dem ostpreußischen Landkreis Rößel, zur Gartenbauzentrale Papenburg als Siedlungsprojekt sowie zu Torfprodukten und der Sammlung des Torfinstituts Hannover im Emsland Moormuseum.

Anlässlich des 1050-jährigen Stadtjubiläums rückt Lingen in den Fokus: Die korrekte Lokalisierung dreier Ortsnamen im Diplom Kaiser Ottos II. von 975 und ein kulturhistorischer Streifzug „Lingen bei Nacht“ öffnen neue Blicke auf die Stadtgeschichte. Die Baukunst des Osnabrücker Architekten Theodor Burlage und seine Sakralbauten im Emsland ergänzen die regionalhistorischen Perspektiven.

Das kulturelle Leben der Region spiegelt sich in der Verleihung des 28. Borsla-Preises an Hermann May mit Laudatio und den ausgezeichneten Gedichten. Kunst und Gesellschaft werden im Spannungsfeld von „Zwang oder Freiheit?“ unter Bezug auf Harry Kramer, Elke Greis und Friedrich Vordemberge-Gildewart verhandelt; eine Gedenktafel an der Gustav-Adolf-Kirche in Meppen erinnert zudem an die Künstler Hans Ohlms und Jo Klose.

Der Themenbereich Natur und Umwelt zeigt, wie steigende Temperaturen die Tier- und Pflanzenwelt des Emslandes verändern. Im Abschnitt „Menschen des Emslandes“ werden prägende Persönlichkeiten gewürdigt, darunter Silke Surberg-Röhr (1964–2025), Burkhard Ritz (1931–2025) sowie Bernd Faulenbach und sein Engagement für die Gedenkstätte Esterwegen.

Band 72 ist ab sofort erhältlich. Weitere Informationen unter www.emslaendischer-heimatbund.de/publikationen/emsland-jahrbuch-publikationen.

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Neu erschienen: Monte S. Gertrudis Heft 8

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Die neueste Ausgabe des Mitteilungsblatts der Interessengemeinschaft Gertrudenberger Loch e. V. (Monte-Gertrudis Heft 8 – November 2025) ist erschienen. Es enthält wieder spannende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Gertrudenbergs und des Osnabrücker Bürgerparks.

Tauchen Sie ein in verborgene Geschichten und überraschende Entdeckungen rund um den Gertrudenberg. Die neue Ausgabe nimmt Sie mit auf einen Spaziergang durch die Veilchenstraße, öffnet die Türen zur legendären Meesenburg und lässt die lebendige Atmosphäre der Friedenshöhe wieder aufleben. Reich bebilderte Beiträge und lebendige Anekdoten machen die Vergangenheit greifbar und zeigen, wie eng Geschichte und Alltag hier miteinander verwoben sind.

Besonders spannend: die Funde im Gertrudenberger Loch. Eine eingemeißelte Notiz vom 9. Mai 1959 erzählt vom Wetter dieses Tages, und ein entdeckter Porzellanisolator führt zurück in die Zeit der Brauerei. Ergänzt wird das Heft durch aktuelle Vereinsnachrichten und die Vorstellung der neu gewählten Beisitzer.

Lesen Sie rein und lassen Sie sich von Geschichten, Bildern und kleinen Entdeckungen inspirieren — ideal für alle, die Osnabrück und seine verborgenen Orte neu entdecken möchten.
Weitere Informationen unter https://www.ig-gertrudenberger-loch.de/IG-Gertrudenberger-Loch/

 

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Der 32. Band der „Emsländischen Geschichte“ ist erschienen

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Am 15. November 2025 wurde der neue Band 32 der Reihe „Emsländische Geschichte“ von der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte vorgestellt. Das Werk bietet auf 500 Seiten spannende Einblicke in die Zeitgeschichte des Emslandes und beleuchtet insbesondere das Kriegsende 1945 aus verschiedenen Perspektiven.

Cover der 32. Ausgabe der so genannten „Blauen Reihe“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte.

Ein Highlight des Bandes ist der 150-seitige Aufsatz des Historikers Dr. Helmut Lensing, der bislang unerforschte Quellen auswertet. Grundlage seiner Arbeit bilden 168 Schulchroniken aus dem gesamten Kreis Emsland, von denen er 60 detailliert analysiert hat. Diese Chroniken, die von Lehrern nach dem Krieg verfasst wurden, liefern überraschende und bewegende Einblicke in die Geschehnisse der letzten Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit. So wird etwa berichtet, wie Schulen bereits Ende 1944 für den Bau des „Emswalls“ beschlagnahmt wurden oder wie Kinder in Sögel die weiße Fahne zeigten.

Neben Lensings Beitrag enthält der Band weitere spannende Artikel, darunter Paul Meyers Untersuchung zu den Mordtaten des falschen „Hauptmanns“ Herold und Rüdiger Ritters Beitrag über die Frauen der polnischen Heimatarmee in Maczków (Haren).

Das Buch ist eine Fundgrube für Geschichtsinteressierte und kann per E-Mail für 25 Euro unter der E-Mail [email protected] bestellt werden.

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Pensionen und Baulasten. Der Umgang des Königreichs Hannover mit den Verpflichtungen aus der Zeit der Säkularisation im Bereich der Landdrostei Osnabrück (1813/14–1866)

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Vortrag von Christian Hoffmann, Hannover

Dienstag, 25. November 2025
Museumsquartier Osnabrück, Vortragssaal

Die Säkularisation der Hochstifte und Fürstabteien der deutschen Reichskirche sowie zahlreicher Stifte und Klöster zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte den weltlichen Landesherrschaften zwar einen beträchtlichen Vermögenszuwachs gebracht, ihnen aber auch einige, zum Teil bis in die Gegenwart fortwirkende finanzielle Verpflichtungen auferlegt.

König Georg IV. von Hannover (1762–1830) (Museumsquartier Osnabrück, A 2591 b)

Das 1814 zum Königreich erhobene Hannover erhielt durch den Wiener Kongress von 1815 u. a. auch das Emsland und die Grafschaft Bentheim und richtete zur Verwaltung des ehemals geistlichen Vermögens mit der Klosterkammer eine besondere Behörde ein. Der Vortrag zeigt, wie Hannover der Verpflichtung zur Versorgung der Kanoniker, Mönche und Nonnen der aufgehobenen Stifte und Klöster in der Landdrostei Osnabrück nachkam, und beleuchtet die Nutzung des beträchtlichen verstaatlichten Immobilienbesitzes.

Der Eintritt ist frei.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Projekt untersucht antike Geschichtsdeutungen

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Welche Emotionen werden Königen und Königinnen in der Zeit von Alexander dem Großen bis zu Kleopatra von antiken Geschichtsschreibern zugeschrieben? Mit dieser Frage befasst sich ab Januar 2026 das Projekt „Emotionen von Herrschenden im Hellenismus“.

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Laterne, Laterne…

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Archivalie des Monats November 2025 (Stadtarchiv Lingen)

Hamburg hatte sie seit 1675, Berlin seit 1679, andere deutsche Großstädte bekamen sie Anfang des 18. Jahrhunderts. Lingen hatte sie auch 1748 noch nicht: eine Straßenbeleuchtung. Auf die Frage der Mindener Regierung, wie auf den Lingener „Hauptgassen“ denn „NachtLaternen“ installiert und unterhalten werden könnten, blieb dem Lingener Magistrat nur die Antwort, dass man zwar gesehen habe, dass „sothane heilsahme Veranstaltungen nicht allein zur Zierde der Stadt, sondern auch zu jedermans Commodität und Nothwendigkeit gereichen“ würden, doch sah man keine Möglichkeit zur Finanzierung. Die Stadt war notorisch klamm. 1789 schien es dann doch soweit zu sein. Das Lingener Bauamt bestellte in Münster und Rheine zehn Laternen. Doch fehlte das Geld, sie zu unterhalten. An den Ecken der Hauptstraßen standen Laternenpfähle, die dazugehörigen Laternen und Lampen aber lagerten im Rathaus. Weiter kam man nicht.

Laterne auf der Lingener Rathaustreppe, Postkartenausschnitt (Stadtarchiv Lingen)

1824 unternahm der Magistrat auf Drängen der Bevölkerung einen neuen Anlauf. Er bat die wohlhabenden Bürger, in eine „Laternen-Caße“ zu spenden. So konnte man Wachs, Öl und Dochte kaufen und den Tagelöhner van der Minde mit der Anzündung und Reinigung der Laternen beauftragen. Zu den acht noch vorhandenen Laternen kaufte man zwölf weitere dazu. Die Spendenbereitschaft ließ allerdings bald nach, und ab dem Winter 1827/28 blieben die Lingener Straßen wieder finster.

Erst 1837 wurden die noch vorhandenen 18 Laternen reaktiviert und sieben weitere dazugekauft. Damit wurden jetzt etwa auch das Spritzenhaus, das Lookentor und das Gymnasium in den Winternächten beleuchtet. Ein Blick auf die Rechnungen der nächsten Jahre zeigt, was für den Unterhalt der städtischen Laternen erforderlich war: altes Rüböl, Leinöl für die Frostnächte, gereinigtes Öl, um es mit dem Leinöl zu mischen, Wachslichter und Dochtgarn. Und es galt: „An den Abenden, an welchen Mondschein stattfindet, fällt die Beleuchtung aus.“

In Städten wie Hannover, Berlin oder Dresden waren bereits seit 1825/26 Gaslampen im Einsatz. Sie brannten deutlich heller als Wachs und Öl, und waren vergleichsweise rauchfrei und günstig. 1860/61 gründeten die Privatmänner Langschmidt und Jüngst ein Gaswerk, und damit entstand auch in Lingen die Möglichkeit, die Straßenbeleuchtung auf Gas umzustellen. Das Gaswerk übernahm die Kosten der Rohre, der Laternen sowie das Anzünden und Auslöschen der Flammen, die Stadt zahlte lediglich 3 ½ Pfennige pro Flamme und Stunde. 1861 begann das Werk, Gasröhren unter die Straßendecke zu verlegen, sodass im Herbst die Beleuchtung mit Gas erstmals weitflächig zum Einsatz kommen konnte. Ein „Brenn-Calender“ wurde eingeführt, der etwa vorschrieb, dass die Laternen an den Stadttoren, am Rathaus und am Spritzenhaus die ganze Nacht über brennen sollten. Für „Mondscheinabende“ galten gesonderte Bestimmungen.

Große Laterne auf dem Marktplatz, nach 1912 (Stadtarchiv Lingen)

Die Straßenbeleuchtung dehnte sich nun zunehmend auf die Stadtflur aus. So baten die Anwohner der Lindenstraße um mehr Licht, um „den stets auf dem Fußwege vom Felde zurück gefahren werdenden Schiebkarren, dem heimgetriebenen Weidevieh so wie den vielfach durch diese Straße getriebenen großen Rindviehheerden ausweichen zu können“. Sie bekamen nach einigem Hin und Her zwei Laternen. Und am Kanalhafen ließ die Königliche Wasserbauverwaltung eigene Gaslaternen aufstellen.

1865 verpflichtete sich der Magistrat gegenüber dem Gaswerk, gegen entsprechendes Entgelt das Anzünden und Auslöschen selbst zu übernehmen. Er beauftragte damit den Polizeidiener Harberg. Dieser hatte fortan darauf zu achten, dass die Laternen „sehr rein und in gutem Zustand sind und zur richtigen Zeit angezündet und gelöscht werden“.

Hängende Laterne in der Lookenstraße (Stadtarchiv Lingen)

Doch es kam auch zu Problemen. Die Gasröhren in der Lindenstraße waren undicht, und so starben die dortigen Lindenbäume allmählich ab. Und immer wieder machten sich Schüler einen Spaß daraus, einige Laternen zu löschen, andere wieder anzuzünden. Die Gasanstalt konnte dann rätseln, ob sie Opfer eines Streichs geworden war oder die Anzünder nachlässig arbeiteten. Zudem drängten immer mehr Anwohner auf die Beleuchtung ihrer Straße. 1919 etwa wurde eine Beleuchtung vor dem Friedhof angemahnt: „Man rennt dort in der Dunkelheit gegen Bäume.“ Stadt und Gaswerk kamen mit der Installation kaum hinterher.

Die Beleuchtung mit Gas neigte sich schließlich ihrem Ende zu. Schon um 1900 begann das elektrisches Licht, obwohl noch recht kostenintensiv, seinen langsamen Siegeszug. In Lingen begann man erst nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend auf elektrisches Licht zu setzen. Schließlich beschloss die Stadt, die Beleuchtung mit Gas endgültig einzustellen. Im September 1968 erlosch die letzte Gaslaterne in Lingen. Der radfahrende Laternenanzünder, der mit einer langen Stange die Laternen anzündete, gehörte damit der Vergangenheit an.

 

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 3319, 3334, 3342, 3375, 3432.
  • StadtA LIN, AV-Medien, Nr. 224.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 217, Nr. 2975.
  • Beesten, Werner von: Beiträge zur Chronik der Stadt Lingen aus den Jahren 1860 bis 1880, Lingen 1880.
  • Emslandmuseum Lingen: Als das Gas noch aus der Kaiserstraße kam (2022).
  • Matz, Jutta/ Mehl, Heinrich (Hg.): Vom Kienspan zum Laserstrahl. Zur Geschichte der Beleuchtung von der Antike bis heute, Husum 2000.
  • Post, Helmut: Industrieansiedlungen und soziale Lage der Arbeiter in Lingen zwischen 1850 und dem 1. Weltkrieg (Hausarbeit zur Prüfung für das Lehramt an Realschulen), 1979.
  • Stadtwerke Lingen GmbH (Hg.): 100 Jahre Stadtwerke Lingen. Chronik zur Firmengeschichte 1906-2006, Lingen 2006.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Eine ausführliche Behandlung des Themas findet sich im aktuellen Emsland-Jahrbuch 72 (2026), S. 267-286.

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Orte des Wissens und der Bildung im mittelalterlichen Osnabrück

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Verabschiedung von Ulrich Andermann mit einem Vortrag von Thomas Vogtherr

Mittwoch, 5. November 2025, 18:15 Uhr
Universitätsbibliothek Osnabrück, Alte Münze 16, Zimeliensaal

Das Gymnasium Carolinum, dessen Wurzeln bis in das 9. Jh. zurückreichen, und das 1595 gegründete Ratsgymnasium bilden Anfangs- und Endpunkt einer Wissens- und Bildungsreise durch die Bischofsstadt und die bürgerliche Stadt Osnabrück. Gefragt werden soll zunächst nach den Institutionen der Bildung: Schulen höherer Bildung, Trivialschulen, Winkelschulen, aber auch Klöster und Stifte vermittelten Bildung für unterschiedliche Schülerkreise und mit unterschiedlichen Inhalten. An diesen Schulen entstanden Handschriftensammlungen und Bibliotheken, von denen einige noch heute erhalten sind. Manche Lehrer machten sich durch ihre Werke einen Namen als Vertreter eines norddeutschen Humanismus. Gefragt werden soll schließlich auch nach den Orten, an denen gelehrt und gelernt wurde: Gibt es so etwas wie eine „Topografie“ der Bildung?

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Eintritt ist frei.

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Baccum

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Archivalie des Monats Oktober 2025 (Stadtarchiv Lingen)

Die Baccumer Berge waren bereits von der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur besiedelt. Davon zeugen um 3500/2800 v.d.Zw. entstandene Großsteingräber. Auch der Name Baccum verweist auf die Lage an einem Höhenrücken. Historisch greifbar wird Baccum erstmals mit einem um 1000 angelegten Einkünfteverzeichnis des Klosters Corvey, nach dem das Kloster Getreide, Honig und Schafe aus „Baccamun“ bezog. Spätere Schreibweisen lauten „Bacheim“ (1160)  und „Backem“ (1276). Münnigbüren erscheint erstmals 1150 als „Mundigburen“, 1160 als „Muddenbure“, und 1350 wird im Kirchspiel Lingen das Haus eines Johan de Rameslo erwähnt. 1414 wird in Baccum erstmals ein Kirchherr genannt, bereits jetzt dürfte also ein eigenes Baccumer Kirchspiel existiert haben. Auffällig ist die enge Verbindung mit der Lingener Burgkapelle. So war Henricus Becker Anfang des 16. Jahrhunderts zugleich Burgkaplan in Lingen und Pastor in Baccum. Dazu passt, dass die Baccumer Kirche 1670 als „curiale templum“ bezeichnet wurde, also als Gotteshaus des (Lingener) Hofes. Ein Grenzstreit zwischen den Markenverbänden Baccum und Altenlingen – zu letzterem gehörten auch die Bauerschaften Laxten und Holthausen – wurde 1516 beigelegt.

Die Baccumer Mühle auf einer nachkolorierten Postkarte (Stadtarchiv Lingen)

Die 1555 angelegte „Beschrivinge“ nennt für das „kerspel van Backum“, worin auch die Bauerschaften Ramsel und Münnigbüren lagen, nicht weniger als 21 Vollerben, 6 Halberben und 16 Brinksitzer, außerdem einen Eichenbestand für die Mast von 200 Schweinen. Die Baccumer Kirche ist noch kein Siedlungszentrum, lediglich der Brinksitzer Smit lässt sich hier nachweisen. Gehörte Baccum 1463 noch zusammen mit Bawinkel zum Amt Lengerich, lässt sich 1555 erstmals ein eigener Vogt nachweisen. In der Folge erscheinen insbesondere Mitglieder der Familie van Essen als Vögte. Noch vor 1770 wurde die kleine Vogtei Baccum zu einer Lingener Untervogtei, die 1819 ganz mit der Vogtei Lingen vereinigt wurde. Das Gut Grumsmühlen wurde erstmals 1332 erwähnt. Ursprünglich im Besitz der Grafen von Tecklenburg, verkauften es die Fraterherren zum Springborn aus Münster in den 1560er Jahren an den Lingener Rentmeister Adolf van Limborg, der ein neues Herrenhaus mit Turm und Gräfte errichtete. Ein gemeinsamer Schützenverein für Baccum, Ramsel und Münnigbüren lässt sich dank eines Schildes an der Königskette 1620 erstmals nachweisen. Erst 1911 stieg Ramsel aus und gründete einen eigenen Schützenverein.

Das 1849 errichtete evangelische Pfarrhaus (Stadtarchiv Lingen)

Als unter oranischer Herrschaft die Kirchen mit reformierten Predigern besetzt wurden, richteten sich die Baccumer und Thuiner Katholiken eine Kirche auf dem Hof den Kolons Lüken in Darme ein. 1824 wurde die alte reformierte Kirche zur Simultankirche für beide Konfessionen, bis sich Reformierte und Lutheraner 1858 eine neue Kirche bauten. Die Baccumer Mühle, eine landesherrliche Windmühle, existierte spätestens 1765, der heutige Steinbau entstand allerdings erst 1838. 1931 richtete die reformierte Kirche hier ein Jugendfreizeitheim ein. Überregionale Bekanntheit erlange derweil der Baccumer Bildhauer Heinrich Weltring (1847-1917). Auch angesichts der im ganzen Emsland zahlreichen Auswanderungen in die USA wuchs die Zahl der Kirchspieleinwohner im 19. Jahrhundert nur mäßig von 665 (1812) auf 799 (1898). Um 1900 wurden Baccum, Ramsel und Münnigbüren drei eigenständige Gemeinden.

Über Baccum in der NS-Zeit ist bisher wenig bekannt. Baccum bildete eine eigene Ortsgruppe der NSDAP, zu der auch Ramsel und Münnigbüren gehörten. Bürgermeister waren Franz Deermann (NSDAP, SA) in Baccum, Alfons Beenen in Münnigbüren und Heinrich Deermann (SA) in Ramsel. 1941/42 kamen die ersten Kriegsgefangenen aus Belgien nach Baccum. Sie wurden in der alten evangelischen Schule untergebracht, die dafür mit vergitterten Fenstern, Stacheldrahtzaun und bewaffneten Posten versehen wurde. Am 5. April 1945 erreichten von Laxten kommend britische Panzer Baccum. Doch sie stießen auf überraschend starken Widerstand, die Einahme gelang erst am nächsten Tag. Auch in Ramsel kam es zu Kampfhandlungen, sodass insgesamt 26 Menschen, darunter vier Engländer und fünf Zivilisten, starben.

Reformierte und katholische Kirche in Baccum (Stadtarchiv Lingen)

Nach dem Krieg kamen auch in die drei Gemeinden zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene. In kurzer Zeit stieg die Bevölkerungszahl auf 1300, rund ein Viertel waren Flüchtlinge. Die Wohnungsnot war groß, selbst in der schwer beschädigten Baccumer Mühle wurden Flüchtlinge einquartiert. Neue Häuser entstanden auf Erbbaugrundstücken der beiden Kirchen, in der Loowstraße, Am Buchenhain und Am Berg. 1965 schlossen sich Baccum, Ramsel und Münnigbüren wieder zu einer Samtgemeinde zusammen. 1971 einigte man sich auf einen Zusammenschluss mit Lingen, der eigentlich zum 1. Juli 1972 in Kraft treten sollte, angesichts der allgemeinen Entwicklung der Gemeindereform aber erst zum 1. März 1974 realisiert wurde. Ein neuer Dorfmittelpunkt entstand 2010 mit der zwischen beiden Kirchen gelegenen „Ökumenischen Mitte“. Heute ist Baccum vor allem als Wohnort attraktiv.

 

Quellen und Literatur

  • NLA OS, Rep 980, Nr. 13741, Nr. 42421.
  • StadtA LIN, Fotosammlung.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 1001.
  • StadtA LIN, Urk., Nr. 2
  • Bruch, Rudolf vom: Die Rittersitze des Emslandes, Münster 1980.
  • Fickers, Manfred: Ortsteilporträt Baccum, Ramsel, Münnigbürem. Das Kleeblatt der Dörfer an den Lingener Höhen, in: Kivelingszeitung 2024, S. 285-287.
  • Hamm, Fritz: Woher stammen unsere Findlinge und wie entstanden die Baccumer Berge? In: Lingener Heimatkalender 1953, S. 29-31
  • Heine, Paul: Baccum – Ramsel – Münnigbüren. Zur Geschichte des alten Kirchspiels, Lingen 2005.
  • Heine, Paul: Ein Dorf im Wandel der Zeit. Baccum 1945-2000, Lingen 2000.
  • Heine, Paul: Über 575 Jahre Pfarrgemeinde Baccum. Ein Beitrag zur Geschichte des Kirchspiels, Emsbüren 1989.
  • N.: Die Höfe in Baccum, in: Emsländische und Bentheimer Familienforschung 2 (1989), S. 302-303.
  • Osnabrücker Urkundenbuch I und III.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, Lingen a.d. Ems 1905/1910.
  • Schützenverein Baccum-Münnigbüren (Hg.): Festschrift zur 350-Jahrfeier, 1970.
  • Spannhoff, Christof: Back to Baccum. Woher der Ortsname stammt (https://emslandmuseum.de/2025/04/21/back-to-baccum/), 2025.
  • Taubken, Hans: Die Beschrivinge der Niedergrafschaft Lingen. Ein landesherrliches Einkünfteverzeichnis aus den Jahren 1555 bis 1592 (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 2), Bielefeld 1999.
  • Tenfelde, Walter: Die Vögte zu Baccum im 17. und 18. Jahrhundert, in: Emsländische und Bentheimer Familienforschung 2 (1989), S. 303-304.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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Die „Elektrische“ in Osnabrück (1906–1960). Verkehrs- und Stadtentwicklung am Beispiel der Geschichte der Straßenbahn

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Vortrag von Alfred Spühr, Osnabrück

Mittwoch, 1. Oktober 2025, 19 Uhr
Museumsquartier Osnabrück, Vortragssaal

Osnabrücker Straßenbahn 1956. Foto Kurt Löckmann. © Niedersächsisches Landesarchiv, Abt. Osnabrück

1906, vor 120 Jahren, begann in Osnabrück das Zeitalter der elektrischen Straßenbahn. An ihrem Beispiel wird der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im Rahmen der Entwicklung Osnabrücks zur industriell geprägten Großstadt nachvollzogen. Illustriert durch umfangreiches Bildmaterial, wird die Geschichte der Osnabrücker Straßenbahn von den ersten Anfängen des Betriebs, den Startschwierigkeiten bei Personal und Fahrgästen, der Linienplanung und Fahrzeugtechnik veranschaulicht.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen zum gesamten Vortragsprogramm des Historischen Verein im Winter 2025/2026 finden Sie auf der Homepage des Vereins unter der Rubrik Termine oder im Flyer.

 

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Wissen_schafft: Leben! Die Anfänge der Universität Osnabrück

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Vortrag von Thorsten Unger, Osnabrück

Donnerstag, 11. September 2025, 19 Uhr
Museumsquartier Osnabrück, Vortragssaal

Ein Kultusminister, der von nichts weiß? Ein Physiker, der zum Hochschulplaner wird? Lange Haare und Schlaghosen in einem Barockschloss? Und: Gebäude, die nicht einmal auf Sand stehen? Die junge Universität Osnabrück war voller Widersprüche und die Anfangsjahre waren eine große Herausforderung für die Beteiligten – heute ist die Universität etabliert und gehört ganz selbstverständlich zur Stadt und zur Region. 2024 feierte die Universität Osnabrück ihr 50-jähriges Bestehen. Im Rahmen verschiedener Projekte (Campus-Führungen, Wanderausstellung „Wissen_schafft: Leben!“, Lehrveranstaltung am Historischen Seminar) wurde im Jubiläumsjahr ein Blick auf Aspekte der frühen Universitätsgeschichte geworfen.

Universität Osnabrück: Einführung in das 1. Semester. Foto: Kurt Löckmann, 1970.
© Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück, Dep 103 Akz. 2018/53 Nr. 23

Der Vortrag führt die Erkenntnisse dieser Projekte zusammen und möchte zum Verständnis der heutigen Universität beitragen.
Es soll gezeigt werden, wie mancher Reformansatz scheiterte und dennoch ein Fundament für die heutige Institution gelegt wurde.

 

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Eintritt ist frei.

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Der Lingener Mühlenbachdüker

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Archivalie des Monats September 2025 (Stadtarchiv Lingen)

Es ist der 29. Juni 1895, ein heißer Sommernachmittag. In der Frauenbadeanstalt am Ems-Hase-Kanal herrscht Hochbetrieb. Zwanzig bis dreißig Kinder tummeln sich hier. Doch gegen 3 Uhr wird das Becken plötzlich geflutet. Das einbrechende Wasser steigt schnell bedrohlich hoch. Ohne Zeit, sich umzuziehen, fliehen die Kinder ins Freie. Offenbar ist der Kanaldamm gebrochen. Derzeit wird der Kanal zum Dortmund-Ems-Kanal ausgebaut, und bei Lingen ist er besonders hoch aufgedämmt. Sein Wasserspiegel liegt über den städtischen Straßen. Sollte der Damm tatsächlich gebrochen sein, steht Lingen vor einer Katastrophe.

Der gebrochene Mühlenbach-Düker im August 1895 (Stadtarchiv Lingen)

Von den Kindern unterrichtet, beginnt Bürgermeister Meyer umgehend damit, die erste Nothilfe zu organisieren. Er lässt von den Lingener Kaufleuten Säcke requirieren, um einen provisorischen Damm errichten zu können. Außerdem schickt er die Freiwillige Feuerwehr und die Belegschaft des Ausbesserungswerkes an den Unglücksort. Auch die Schüler des Georgianums sollen mit anpacken. Als Meyer selbst am Kanal eintrifft, stößt er auf den Regierungsbaumeister Volk von der Königlichen Kanalbauverwaltung, der die Organisation vor Ort bereits übernommen hat. Die Frage, ob er noch weitere Sandsäcke benötige, bejaht dieser umgehend, und so macht sich Meyer gleich wieder auf den Weg, um Nachschub zu holen.

Das Wasser des hochgelegenen Kanals hatte sich durch die Kanalsohle in den darunterliegenden Düker des Mühlenbaches gedrängt, der nahe der Frauenbadeanstalt unter dem Kanal hindurchfloss. Was als kleiner Rinnsal begann, brach sich schließlich mit aller Macht Bahn. Schließlich gab der ganze Damm auf einer Länge von rund 30 Metern nach, und das zwischen den Schleusen Varloh und Hanekenfähr gestaute Wasser ergoss sich in die Ebene. Glücklicherweise geschah dies nicht, wie anfangs befürchtet, auf der Ostseite Richtung Stadt, sondern auf der Westseite Richtung Ems.

Die Wassermassen fluteten in kürzester Zeit die Kuhweide, selbst jenseits der Lindenstraße wurde das Land geflutet. Die Fabrik Langschmidt ragte wie eine Insel aus dem Hochwasser heraus. Da das Wasser nicht schnell genug abfließen konnte, entstand ein Rückstau, das Wasser wurde durch den gebrochenen Düker auf die andere Kanalseite gedrückt, und so wurden schließlich auch die Badeanstalt und die dortigen Gärten bis hin zum Schlachthof und zur Bleiche unter Wasser gesetzt. Als der Damm brach, geriet außerdem die mit Sand beladene Pünte des Unternehmers Schmidt in den Sog der Strömung. Sie wurde über den gebrochenen Damm rund 200 Meter auf die Kuhweide hinausgezogen, und obwohl mehrmals versucht wurde, den Anker auszuwerfen, stieß sie erst beim Haus des Fabrikanten Narjes auf Grund.

Das Wasser floss schließlich in die Ems ab, und so war die Gefahr für die Stadt gebannt. Nachdem der Wasserspiegel im Kanal durch gezieltes Wasserablassen an verschiedenen Stellen gesenkt worden war, machten sich Kanalarbeiter, Feuerwehrleute, Eisenbahner und Schüler daran, mit Sandsäcken einen halbkreisförmigen Notdamm um den Düker herum zu errichten. Spät am Abend gelang es auch, die verirrte Pünte zu entladen und mit vereinten Kräften durch die Dammöffnung in das Kanalbett zurückzuziehen. Die Bruchöffnung selbst mit Sandsäcken zu schließen gelang indes erst gegen Mitternacht.

Der neue Mühlenbach-Düker unter dem Dortmund-Ems-Kanal auf einer Karte Mitte der 1930er Jahre (Stadtarchiv Lingen)

Einige Tage später erreichten die ersten Beschwerden den Magistrat. Sie kamen von Gartenpächtern, die durch die Flut ihre Ernte verloren hatten. Kartoffeln, aber auch Bohnen und Erbsen hatten die rund zwölf Stunden unter Wasser gar nicht gut vertragen, und gerade für die ärmere Bevölkerung war das ein schwerer Verlust. Einbußen hatte etwa auch der Transportunternehmer Bockholt zu verkraften. Er war mit mehreren mit Erz beladene Schiffen unterwegs. Doch nach dem Unglück wurde der Kanal für Wochen gesperrt, und damit saß Bockholt in Hanekenfähr fest.

Der Magistrat erstellte ein Schadensregister, das 13 geschädigte Parteien aufführte. Insbesondere die Kuhweide war teilweise durch Schwemmsand belastet. Außerdem wollte die Stadt die Kosten für ihre Hilfsmaßnahmen und die Sandsäcke erstattet haben. Die Königliche Kanalkommission in Münster zahlte schließlich, wenn auch weit weniger als erwartet. Der alte Düker war nicht mehr zu reparieren. Er wurde vollständig abgetragen und durch einen neuen ersetzt.

 

Quellen und Literatur

  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 3554.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 1218.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 53.
  • StadtA LIN, Lingener Volksbote vom 6. Juli 1895.
  • Bojer, Reinhard: Emsländische Heimatkunde im Nationalsozialismus. Heimatkundliches aus emsländischen Tageszeitungen 1933-1945, Bd. 3, Lingen/Ems 2005, S. 156f.
  • Eiynck, Andreas: 100 Jahre Dortmund-Ems-Kanal, in: Kivelingszeitung 1999, S. 174-175.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

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