NDS-News

🔒
❌
Stats
Es gibt neue verfügbare Artikel. Klicken Sie, um die Seite zu aktualisieren.

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Handwerkertradition trifft Archäologie

veröffentlicht.
Vorschau ansehen

Exkursion des Historischen Vereins nach Bramsche und Kalkriese

Anfang Mai startete der Historische Verein sein Exkursionsprogramm 2026 mit einem Besuch der Werkstatt Torlage, dem Tuchmacher Museum in Bramsche sowie dem Museum Varusschlacht in Kalkriese.

Bramsches letzte Tuchmacher-Werkstatt

Die Tuchmacherwerkstatt Torlage ist die letzte private Tuchmacher-Werkstatt in Bramsche, die bis heute im Besitz der Familie Torlage ist. Die Werkstatt wurde 1946 errichtet und ist als vollständig eingerichtete, aber stillgelegte Wollwarenfabrikation erhalten geblieben. Sie bildet ein seltenes, nahezu unverändertes Zeugnis der lokalen Textilproduktion des 20. Jahrhunderts.

Abb. 1: Die Exkursionsgruppe in der vollständig erhaltenen Werkstatt Torlage in Bramsche (Foto: Thomas Brakmann)

Elf Generationen der Familie Torlage betrieben in Bramsche seit etwa 1600 das Tuchmacherhandwerk; die Werkstatt am Otterkamp ist der jüngste, privat betriebene Produktionsort dieser langen Tradition. 1946 bauten Wilhelm Hermann Torlage und sein Sohn Franz Rudolf Heinrich die Produktionsräume im Hof des Wohnhauses auf. Nach Auflösung der Innung wurde die Werkstatt weiterhin genutzt, später als Lohnweberei, und bis in die Lebenszeit von Heinrich und seiner Frau Gertrud Torlage gepflegt.

Die Werkstatt verfügt über eine Kettscheranlage, Spulmaschinen, zwei Buckskin-Webstühle sowie gut erhaltene Musterbücher. Diese Ausstattung erlaubt es, die gesamte Produktionskette von der Kette- und Schussvorbereitung bis zum gewebten Tuch nachzuvollziehen.

Besuch im Tuchmachermuseum Bramsche

Die Räume und Maschinen der Werkstatt Torlage blieben über Jahrzehnte unverändert, sodass die originale Arbeitsatmosphäre noch unmittelbar erfahrbar ist. Näheres zur Technik und Materialkultur war im Anschluss in dem nur wenige Gehminuten entfernten Tuchmacher Museum im Rahmen einer Führung durch Ilka Thörner zu erleben.

Abb. 2: Die Webstühle im Tuchmachermuseum in Bramsche im Einsatz (Foto: Thomas Brakmann)

Während das Museum die gemeinschaftlich genutzten Produktionsräume der ehemaligen Innung dokumentiert, liefert die Werkstatt das Gegenstück einer privaten, vollständig eingerichteten Produktionsstätte.

Abb. 3: Maschinelle Bearbeitung der Wolle (Foto: Thomas Brakmann)

Die vorhandenen Geräte und Musterbücher dokumentieren handwerkliche Fertigkeiten, Produktionsprozesse und Materialwahl – von Tuchen über Mäntel bis zu Uniformstoffen. Museum und Werkstatt geben gleichermaßen Einblick in die regionale Tuchmachertradition. Die Vorführungen der Maschinen vermittelten lebendig, was über reine Ausstellungstafeln hinausgeht.

Sonderausstellung „Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht und Mythos“ im Museum Kalkriese

Nach dem Rundgang zur Industriegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts schloss sich unter der Anleitung von Dr. Ulrike Hindersmann eine Reise 1.500 Jahre zurück in die Vergangenheit an. Im Museum Kalkriese in Bramsche versammeln sich aktuell auf engem Raum rund 1.200 Objekte aus den Mooren von Thorsberg und Nydam: Speere, Schwerter, Schilde, aber auch persönliche Gegenstände wie Armreifen, Fingerringe und Textilien. Besonders eindrücklich sind die erhaltenen Kleidungsstücke – eine Reiterhose und eine Tunika –, die überraschend nahbar machen, wie Menschen damals lebten und kämpften.

Abb. 4: Ulrike Hindersmann erläutert den Fund einer fast 2.000 Jahre alte Reiterhose (Foto: Thomas Brakmann)

Die Vitrinen erzählen nicht nur von Technik und Kriegskunst, sondern auch von Ritualen. Zerhackte Pferdegeschirre und systematisch zerstörte Ausrüstungsstücke deuten auf bewusste Handlungen hin, vielleicht symbolische Entmachtung besiegter Krieger. Die Thorsberger Maske sticht als einzigartiges Exponat hervor: eine germanische Nachahmung römischer Parademasken, die kulturelle Verflechtungen und Identitätsbildung sichtbar macht. Die unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen der Moore erklären, warum in Thorsberg vor allem Buntmetalle und Textilien, in Nydam aber auch Holz und Eisen überdauerten.

Abb. 5: Rund 1.200 germanische Objekte aus dem heutigen Norddeutschland sind im Varusschlacht-Museum in Kalkriese zu sehen (Foto: Thomas Brakmann)

Eine hochkarätige Ausstellung, die wissenschaftliche Analyse mit atmosphärischer Inszenierung verbindet und eine seltene Gelegenheit bietet, diese Funde außerhalb Schleswig-Holsteins zu sehen.

Die Besuche in einem Lost-Place eines untergegangenen Industriezweiges im Osnabrücker Land, in einem zentralen Museum zur Textilgeschichte in Bramsche und die beeindruckenden Moorfunde aus der Sammlung des Museums für Archäologie Schloss Gottorf in Kalkriese regten alle Teilnehmenden der Exkursion zum Staunen und Diskutieren an.

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung

veröffentlicht.
Vorschau ansehen

Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen der Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs

Porträt Justus Möser, Kreide, gerahmt, 1788/94 (Museumsquartier Osnabrück, Sammlung Justus Möser / Sammlung Osnabrücker Bildnisse, 2366)

Justus Möser (1720–1794) gilt in der deutschen Geistesgeschichte als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Nordwestdeutschlands im Zeitalter der Aufklärung. Die Basis hierfür bildet zum einen seine allumfassende amtliche Tätigkeit im Fürstbistum Osnabrück, zum anderen sein literarisch-publizistisches Schaffen. Bis heute erfuhr Möser ganz unterschiedliche Bewertungen. Erklären lässt sich dies unter anderem durch die jeweilige betrachtende Person und deren zeitlichen Horizont. Erschwert wird der Blick aber auch dadurch, dass es bis heute keine moderne Biographie gibt. Hinzu kommt die einseitige Edition seiner Schriften und die Fokussierung auf die publizistische und schriftstellerische Tätigkeit.

Zum Projekt

Um nun ein umfassenderes Bild von Justus Möser zu gewinnen, muss seine amtliche Tätigkeit stärker berücksichtigt und in Verbindung mit seiner publizistischen und schriftstellerischen Tätigkeit gesehen werden. Denn in erster Linie war Möser Jurist und Politiker. Im Zusammenhang mit seinen politischen Ämtern hat Möser zahlreiche Gutachten und Stellungnahmen zu Projekten der praktischen Aufklärung verfasst. Allerdings ist ein Großteil dieser handschriftlichen Texte bis heute nicht ediert, obwohl in der Forschung schon seit Jahrzehnten der Wunsch danach besteht.[1] Erklären lässt sich dies vor allem durch den schier unüberschaubaren Quellenfundus – werden doch tausende Schriften Mösers in dem Bestand des Niedersächsischen Landesarchivs, Abteilung Osnabrück (NLA OS) vermutet.[2] Als grundlegendes Problem gilt dementsprechend das fehlende Wissen darüber, wie viele amtliche Schriften Möser zeit seines Lebens verfasst hat und wo diese zu finden sind.

An dieser Stelle setzt das hier vorgestellte Projekt an. Ziel ist eine Tiefenerschließung einschlägiger Bestände des NLA OS, bei der insbesondere das Osnabrücker Hauptarchiv (Rep 100) in den Blick genommen wird. Im Fokus stehen Gutachten und Empfehlungen Mösers, die in den Jahren 1764–1794 verfasst wurden. Schriften aus diesem Zeitraum sind besonders interessant, weil Möser ab 1764 nicht mehr nur die Interessen der Ritterschaft vertrat, sondern als Konsulent der Regierung auch direkt seinem Landesherrn unterstellt war. Er vertrat somit die Interessen zweier Parteien, die einander gegenüberstanden, was ihm eine einmalige und einflussreiche Position im Fürstbistum sicherte.

Justus Mösers Bemühungen um eine Medizinalordnung für Osnabrück – Beispiel für ein von Möser verfasstes Gutachten und Einblick in dessen Entstehungskontext

Im Jahr 1765 wurde im Fürstbistum Osnabrück eine Verordnung erlassen, die es Apothekern und Chirurgen untersagte, Kranken innerlich anzuwendende Medikamente zu verabreichen oder zu verschreiben. Anlass hierzu gaben „allerley unerfahrene Leute“, welche Patienten „unhinlängliche Mittel“ verschrieben und diese dadurch von der „Wiedererlangung ihrer Gesundheit“ abhielten.[3] Damit lässt sich in Osnabrück, ebenso wie in anderen Territorien des Alten Reichs, ein gewisses Interesse der Obrigkeit an der Regulierung des Medizinalwesens nachweisen. Eine systematische Bündelung derartiger Verordnungen gab es in Osnabrück aber noch nicht.

Abb. 1-3: Gutachten von Justus Möser (1777) und Transkription (NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 338r–339v, Aufn. 0354–0356).

Ab der zweiten Hälfte der 1770er Jahre beschäftigte sich dann der Staatsmann und Aufklärer Justus Möser intensiv mit einer Medizinalordnung[4] für Osnabrück.[5] Als Vorbild fungierte dabei insbesondere die 1777 erlassene und von Möser selbst als „Meisterstück“[6] bezeichnete Medizinalordnung von Münster. Mit dem Verfasser dieses viel beachteten Regelwerks, Christoph Ludwig Hoffmann (1721–1807), tauschte sich Möser gleich auf mehreren Wegen aus. So wechselten die beiden Männer nicht nur Briefe,[7] sondern der Osnabrücker empfing den Arzt auch für ein persönliches Gespräch in seinem Wohnhaus.[8] Ein Blick in den edierten Briefwechsel macht deutlich, dass das Medizinalwesen und dessen Verbesserung stets zentrale Themen dieses Austauschs bildeten.

Zwar gelang es Möser schließlich nicht, eine Medizinalordnung in Osnabrück einzuführen, doch konnte er Reformen durchsetzen, die im medizinalpolizeilichen[9] Kontext als besonders dringlich erachtet wurden. Dies betraf vor allem die staatlich regulierte Ausbildung von Hebammen.[10] Damit sind die Bemühungen im Medizinalwesen ein beachtenswertes Beispiel für die praktische Aufklärungstätigkeit Mösers im Fürstbistum Osnabrück. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei der Austausch mit Hoffmann und weiteren Ärzten ein, die über ein spezifisches Fachwissen oder besondere berufliche Erfahrungen verfügten.

Das hier vorgestellte Gutachten befindet sich im Bestand Rep 100 des NLA OS und entstammt der Feder Justus Mösers (s. Abb. 1-3). Die entsprechende Akte trägt den Titel Verbesserung des Medizinalwesens und hat eine Laufzeit von 1765–1792.[11] Im Rotulus wird das vier Seiten lange Schreiben unter der Nr. 30.b als Gutachten des Herrn Raths Möser geführt.[12] Der Präsentatumsvermerk 20. Juni 1777 legt nahe, dass der Text kurz nach Inkrafttreten der Medizinalordnung von Münster am 14. Mai 1777 verfasst wurde. Der Inhalt des Gutachtens macht deutlich, dass Möser bestrebt war, die Aufmerksamkeit des lokalpolitischen Diskurses auf die Medizinalordnung von Münster zu lenken. Er betonte die Überlegenheit des Regelwerks gegenüber allen bisherigen Ordnungen und stellte Überlegungen dazu an, ob man die Hoffmannsche Ordnung als Grundlage für eine eigene nutzen oder sogar ganz übernehmen könne.

Erschließungsdaten in Arcinsys dank Kooperation mit dem NLA OS

Die im Rahmen der Tiefenerschließung ermittelten Daten werden in einer relationalen No-Code-Datenbank strukturiert erfasst und verwaltet. Auf dieser Grundlage erfolgt eine automatisierte Aggregation bestimmter Daten, die dem NLA OS sukzessive übermittelt werden. Dank einer Kooperation mit dem Archiv werden die übermittelten Datensätze anschließend in das Archivinformationssystem Arcinsys eingepflegt und auf diese Weise der Forschung wie auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. So ist es seit Oktober 2025 möglich, eine Vielzahl an Gutachten und anderen amtlichen Schriften Mösers in den digitalisierten Beständen des NLA OS zu suchen, zu finden und zu sichten. Auch das hier vorgestellte Gutachten Mösers aus dem Jahr 1777 kann über die Funktion „Einfache Suche“ in Arcinsys gefunden werden (s. Abb. 4-5).

Abb. 4 und 5: Suche von Gutachten Justus Mösers in Arcinsys (Screenshot: Jennifer Staar).

Die Tiefenerschließung und die damit verbundene Verbesserung der Datensätze macht Recherchearbeiten somit deutlich einfacher. Nicht zuletzt bietet eine Tiefenerschließung aber auch eine gute Grundlage für ein künftiges Editionsvorhaben ausgewählter amtlicher Schriften Justus Mösers und kommt damit dem seit langer Zeit gehegten Wunsch der Forschung endlich einen großen Schritt näher.

Weiterführende Informationen:

Verfasserin: Dr. Jennifer Staar.

Projekt: „Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung. Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs, Standort Osnabrück“, angesiedelt am Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).

Projektleiterin: Prof. Dr. Siegrid Westphal.

Kooperationspartner: Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Justus-Möser-Gesellschaft/Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein).

Förderhinweis: Gefördert durch die VGH Stiftung, Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück, Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein), Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).


[1] Siehe hierzu Ulrich Winzer/Susanne Tauss, Einleitung, in: dies. (Hg.), „Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct…“ Neue Blicke auf Justus Möser (1720-1794) (Kulturregion Osnabrück 33), Münster 2020, S. 13–23, hier S. 21; Reinhard Renger, Probleme einer Edition der amtlichen Schriften Justus Mösers, in: Winfried Woesler (Hg.), Möser-Forum 1/1989 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 27), Münster 1989, S. 273–279; Paul Göttsching, Vorwort, in: Justus Möser, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 14,1: Osnabrückische Geschichte und historische Einzelschriften. Bearb. Von Paul Göttsching, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Oldenburg/Hamburg 1976, S. 11–29, hier S. 15.

[2] Die Rede ist von Gutachten, Voten, Vermerken und Anmerkungen, die Möser während seiner amtlichen Tätigkeit verfasst

hat; vgl. Renger, Probleme einer Edition, S. 273.

[3] NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 13r.

[4] Zu dem Begriff Medizinalordnung vgl. Eckart, Art. „Medizinalordnung“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online (in der Folge EdNO), im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. v. Friedrich Jaeger (bis 2019) [u.a.], URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309461 (Zugriff 17.04.2026).

[5] Zu dem aufklärerischen Diskurs über eine Medizinalordnung für Osnabrück vgl. Jennifer Staar, Pragmatische Aufklärung und kommunikative Strategien. Justus Mösers Wirken im Fürstbistum Osnabrück (1766–1782) (bibliothek altes Reich 43), Diss., Berlin 2025.

[6] Justus Möser: Brief an Christoph Ludwig Hoffmann von Anfang 1777, in: Justus Möser, Briefwechsel. Neu bearb. v. William F. Sheldon i. Z. m. Horst-Rüdiger Jarck, Theodor Penners und Gisela Wagner (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 21), Hannover 1992, Nr. 466, S. 527–529, hier S. 528.

[7] Vgl. Möser, Briefwechsel, Nr. 466, 469, 471.

[8] Vgl. Justus Möser: Brief an Johann Peter Brinckmann vom 22.01.1779, in: Möser, Briefwechsel, Nr. 504, S. 568 f., hier S. 569.

[9] Zu dem Begriff Medizinalpolizei vgl. Louis Pahlow/Antje Zare, Art. „Medizinalpolizei“, in: EdNO, URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309529 (Zugriff 17.04.2026).

[10] Vgl. Staar, Pragmatische Aufklärung, bes. S. 201–234.

[11] Vgl. NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12.

[12] Vgl. ebd., fol. 2v.

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Archiv-Nachrichten Niedersachsen 29/2025

veröffentlicht.
Vorschau ansehen

Förderwege, Digitale Archivierung und regionale Netzwerke im Fokus

Die 29. Ausgabe der Archiv-Nachrichten Niedersachsen ist erschienen. Dieses Heft bietet ein kompaktes, praxisorientiertes Panorama aktueller Fragen, die die Archivlandschaft Norddeutschlands bewegen: Wie profitieren Archive von großen Förderprogrammen? Wie verändern die Digitale Archivierung und die Digitalisierung die Zusammenarbeit? Welche Rolle spielen regionale Netzwerke für die Zukunft der Archive?

Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.
Das Umschlagbild der Ausgabe 29 / 2025 der Archiv-Nachrichten Niedersachsen.

Im Mittelpunkt steht die Dokumentation des 9. Norddeutschen Archivtags in Bremen unter dem Leitmotiv „Archive und ihre Partner“. Beiträge und Berichte zeigen eindrücklich, dass Archivarbeit heute nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern als gemeinschaftliches Handeln: Werkstätten, Verwaltungen, Dienstleister und ehrenamtliche Initiativen arbeiten zusammen, um Originale zu erhalten, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Ein Schwerpunkt des Hefts ist die neue Förderlandschaft: Das Programm „Schriftliches Kulturgut erhalten“ eröffnet Chancen für kleinere Einrichtungen, rückt Fotobestände stärker in den Fokus und ermöglicht modulare Antragstellungen. Die Beiträge geben konkrete Hinweise, wie sich Projekte bündeln, Partnerschaften vor Ort nutzen und Förderanträge als Teamarbeit gestalten lassen – pragmatisch, ressourcenschonend und wirkungsorientiert.

Zahlreiche Fallstudien liefern unmittelbare Praxis: Kooperationen zwischen Landesarchiven und Werkstätten, ein Citizen-Science-Projekt zur Erschließung, filmische Zugänge zur Stadtgeschichte sowie Erfahrungsberichte zur Übernahme elektronischer Akten. Ergänzt werden diese Einblicke durch Beiträge zu digitaler Überlieferung, Bestandserhalt und Notfallvorsorge – Themen, die nur im Verbund erfolgreich zu bewältigen sind.

Die Rubrik „Aus der Arbeit der Archive“ enthält zwei prägnante Beiträge: eine Analyse der welfischen Adelserinnerung und ein Rückblick auf 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen, die beide die Bedeutung von Archiven für Identität, Forschung und Lehre unterstreichen. Unter „VANB-Angelegenheiten“ informieren der Verband und seine Regionalgruppen über aktuelle Projekte und Planungen, die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit vor Ort stärken.

Die Archiv-Nachrichten werden allen empfohlen, die nach konkreten Anregungen, erprobten Lösungen und vernetzten Perspektiven für die Archivarbeit suchen. Seien es Ideen für den Lesesaal, die Gestaltung der Werkstatt oder das Magazin.

Die Mitglieder des VANB (Verband der Archivarinnen und Archivare in Niedersachsen und Bremen e.V.) erhalten die Zeitschrift kostenlos im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Die A-NN können über das Kreisarchiv Emsland erworben werden: Herzog-Arenberg-Straße 12, 49716 Meppen, 05931/446107, [email protected]

Inhalt

9. Norddeutscher Archivtag in Bremen

Konrad Elmshäuser, 9. Norddeutscher Archivtag in Bremen. Archive und ihre Partner – Bestandserhaltung, Erschließung und Vorsorge

Ursula Hartwieg, Das neue Förderprogramm für den bundesweit koordinierten Originalerhalt: „Schriftliches Kulturgut erhalten“

Thomas Bardelle, Die Kooperation der Abteilung Stade im Niedersächsischen Landesarchiv mit den Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes in Stade

Angela Huang, Citizen Science zur Erschließung historischer Quellenbestände an der FGHO

Henning Steinführer, Das Stadtarchiv Braunschweig und seine Kooperationspartner bei der Erschließung und Nutzung von Archivgut

Daniel Tilgner, Archiv auf ungewohnten Wegen: Zur Entstehung einer Kinodokumentation zur Stadtgeschichte im Landesfilmarchiv Bremen

Matthias Manke, Die eAkten-Übernahme im Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern mit dem DIMAG-Ingest-Werkzeug elektronische Akte (DIWA)

Uwe Leuenhagen, Anbietung und Übernahme von elektronischen Akten der Landesverwaltung in Schleswig-Holstein: ein Erfahrungsbericht

Olga Aginski und Viktor Pordzik, Die Archivierung elektronischer Akten im Staatsarchiv Bremen – ein Arbeitsbericht

Susanne Meinicke, Digitale Archivierung gemeinsam meistern. Erfahrungen aus der Aufbauphase der kommunalen Servicestelle für digitale Archivierung

Nele Bösel-Hielscher, Archive und ihre (Notfallverbund-)Partner – Podiumsdiskussion

Jörn Brinkhus, Zur rechtssicheren Onlinestellung von urheberrechtlich geschütztem Kulturgut. Die Regelungen für nicht-verfügbare Werke und das öffentliche Archivwesen

Dominik Dockter, Christian Hellwig und Ben Rieger, Archivalische Quellen zum (post-)kolonialen Erbe in Niedersachsen und Bremen. Ein Projektbericht

Aus der Arbeit der Archive

Arne Hoffrichter, Der „welfische“ Adel als Erinnerungsgruppe nach 1866: Gutsarchive als Fundus imaginierter Kontinuität

Holger Berwinkel, 100 Jahre Universitätsarchiv Göttingen. Produkt und Voraussetzung der Forschung

VANB-Angelegenheiten

Lars Nebelung, Bericht aus der Mitgliederversammlung des VANB e. V. am 4. Juni 2025

Kathrin Flor, VANB-Regionalgruppe Bentheim – Emsland – Osnabrück

Thomas Bardelle und Sönke Kosicki, Die VANB-Regionalgruppe Elbe-Weser plant einen Archivführer

8. Niedersächsisch-Bremischer Archivtag in Bremerhaven

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Neubeginn nach dem Krieg: Eheschließungen polnischer Displaced Persons im Lager Bad Essen 1945

veröffentlicht.
Vorschau ansehen
Auszug aus dem Heiratsregister von Bad Essen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Bad Essen blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont. Dennoch war der Ort unmittelbar von den Folgen des Kriegsendes betroffen. Wie in vielen Gemeinden der britischen Besatzungszone befanden sich hier nach 1945 zahlreiche sogenannte Displaced Persons (DPs) – Menschen, die sich infolge von Krieg, Verschleppung und Zivilzwang außerhalb ihrer Heimat befanden. Ein Teil von ihnen war polnischer Staatsangehörigkeit. Während der deutschen Besatzung wurden sie als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich deportiert. Nach Kriegsende wurden sie in Sammelunterkünften untergebracht, die in den Quellen als „polnisches Lager“ bezeichnet werden.

Diese Lager dienten der Versorgung und Registrierung der Betroffenen sowie der Vorbereitung ihrer Rückführung oder Auswanderung. Viele Menschen kehrten jedoch nicht sofort in ihre Herkunftsregionen zurück. Unsichere politische Verhältnisse, zerstörte Infrastruktur und neue Grenzziehungen führten dazu, dass zahlreiche polnische Displaced Persons über längere Zeit vor Ort verblieben.

Ein Standesamtsregister aus Bad Essen, das kürzlich in das Niedersächsische Landesarchiv übernommen wurde, dokumentiert diese Situation auf eindrucksvolle Weise. In den Einträgen ab Herbst 1945 häufen sich Eheschließungen, bei denen als Wohnort der Verlobten „polnisches Lager“ angegeben ist. Trauzeugen stammen häufig ebenfalls aus dem Lagerumfeld und sind dem Standesamt als Dolmetscher dienlich. Mehrfach wird vermerkt, dass die Identität der Brautleute dem Standesbeamten „auf Grund [der] Aufgebotsverhandlung bekannt“ sei – ein Hinweis darauf, dass Ausweisdokumente oft fehlten und die Feststellung der Identitätsdaten auf Zeugenaussagen beruhte.

Die Herkunftsorte der Eheschließenden liegen überwiegend in den Regionen Posen, Schlesien und anderen Teilen Polens. Diese Angaben spiegeln die Herkunft vieler während des Krieges verschleppter Arbeitskräfte wider.

Auffällig ist zudem, dass in mehreren Fällen Kinder erst nachträglich anerkannt wurden. Solche Legitimationsvermerke deuten darauf hin, dass Beziehungen bereits vor der standesamtlichen Eheschließung bestanden. Die nachträgliche Anerkennung diente der rechtlichen Absicherung der Familienverhältnisse und war insbesondere für die staatsrechtliche Stellung der Kinder von Bedeutung.

Geburteneinträge aus späteren Jahren weisen darauf hin, dass polnische Displaced Persons teilweise über längere Zeit in Bad Essen verblieben sind. Dies entspricht der historischen Situation: Viele DPs warteten auf Rückkehrmöglichkeiten oder zögerten aufgrund politischer Veränderungen in ihren Herkunftsgebieten eine Rückkehr hinaus.

Die Einträge verdeutlichen zugleich den sozialen Kontrast der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zwischen den zahlreichen Eheschließungen polnischer Lagerbewohner findet sich die Trauung eines Angehörigen des Adels. Diese Gleichzeitigkeit des Seins verweist auf die räumliche und administrative Nähe sehr unterschiedlicher sozialer Gruppen im lokalen Alltag.

Auch administrative Veränderungen lassen sich im Register ablesen. Unmittelbar nach Kriegsende erscheint in den Eheformulierungen zur Hoheitsgewalt „im Namen des Reiches“ der Zusatz „und der englischen Militärregierung“. Diese Ergänzung dokumentiert den Übergang der staatlichen Hoheitsgewalt auf die britische Besatzungsmacht und deren Einfluss auf standesamtliche Verfahren. Parallel dazu ist eine Veränderung der Handschrift und Schreibweise festzustellen, was auf personelle Wechsel im Standesamt hindeuten könnte.

Administrative Veränderungen lassen sich im Register u.a. an handschriftlichen Ergänzungen erkennen (NLA OS, Rep 492, Nr. 8004, 11/1945)

Mit dem fortschreitenden Abbau der DP-Lager und der Rückkehr beziehungsweise Auswanderung ihrer Bewohner verloren diese Einträge in den folgenden Jahren wieder an Bedeutung. Gleichwohl dokumentieren sie eine Phase des Übergangs, in der sich globale Ereignisse unmittelbar im lokalen Raum niederschlugen.

Das Standesamtsregister der Gemeinde Bad Essen macht damit sichtbar, wie Menschen nach Jahren des Zwangs, der Entwurzelung und der Unsicherheit begannen, familiäre Strukturen neu zu ordnen und rechtlich abzusichern. Hinter den nüchternen Verwaltungsvermerken stehen individuelle Lebensgeschichten von Verlust und Neubeginn. Zugleich spiegeln die Einträge den administrativen und gesellschaftlichen Wandel der frühen Nachkriegszeit wider.

Solche Quellen erinnern daran, dass Archive nicht nur amtliche Vorgänge dokumentieren, sondern auch Zeugnisse menschlicher Erfahrungen bewahren. Sie eröffnen Perspektiven auf Migration, Integration und das Wiederaufkeimen ziviler Strukturen nach Krieg und Gewalt – Themen von bleibender historischer und gesellschaftlicher Relevanz.

Am 08. März 2026 öffnet das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Osnabrück von 11 – 16 Uhr seine Türen auch außerhalb der Öffnungszeiten: Der Tag der Archive wird alle zwei Jahre vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare ausgerufen. Das diesjährige Motto lautet „Alte Heimat – neue Heimat“. Neben Vorträgen, Informationsständen und einem Büchertisch des Historischen Vereins wird bei Magazinführungen unter anderem auch das Heiratsregister aus Bad Essen zu sehen sein. Zum gemeinsamen Programm mit dem Diözesanarchiv Osnabrück gelangen Sie hier.

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Tag der Archive zum Thema “Alte Heimat – neue Heimat” am 7./8. März in Osnabrück

veröffentlicht.
Vorschau ansehen

Tag der Archive in Osnabrück – Geschichte zum Anfassen

Am 7. und 8. März 2026 öffnen das Diözesanarchiv Osnabrück und die Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs ihre Türen zum bundesweiten 13. Tag der Archive. Unter dem gemeinsamen Motto „Alte Heimat – Neue Heimat“ laden die beiden Archive alle Neugierigen ein, Geschichte zu entdecken, Quellen zu befragen und ins Gespräch zu kommen. Der Aktionstag macht die Rolle von Archiven als Orte des Erinnerns und Forschens sichtbar und bietet ein abwechslungsreiches Programm für Familien, Schülerinnen und Schüler, Forschende und alle, die sich für Erinnerung, Integration und regionale Identität interessieren.

Programm im Diözesanarchiv Osnabrück

Am Samstag, 7. März 2026, ist das Diözesanarchiv in der Großen Domsfreiheit 10 von 10:00 bis 15:00 Uhr geöffnet. Im Mittelpunkt steht die Ausstellung „Heimat und Glaube nach 1945“, die an die Situation der Heimatvertriebenen vor 80 Jahren erinnert und anhand ausgewählter Exponate zeigt, wie provisorische Seelsorgestellen, neue Gemeinden, veränderte Frömmigkeitsformen und ökumenische Initiativen das kirchliche Leben prägten. Ergänzende Magazinführungen gewähren einen Blick hinter die Kulissen und in Archivalien aus über tausend Jahren Bistumsgeschichte; eine Familienführung beginnt um 14:00 Uhr, eine weitere Magazinführung um 11:00 Uhr. Zum Verweilen und Austauschen laden ein offenes Archivcafé, ein Büchertisch und Informationsangebote zur Archivnutzung. Für Kinder gibt es eine Kreativstation zum Mitmachen.

Programm im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück

Am Sonntag, 8. März 2026, empfängt die Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs in der Schloßstraße 29 ihre Besucherinnen und Besucher von 11:00 bis 16:00 Uhr. Auf dem Programm stehen Kurzvorträge von prämierten Beiträgen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2024/25 zum Thema „Grenzen in der Geschichte“. Schülerinnen und Schüler stellen Projekte vor, die sich mit Flucht und Vertreibung, mit Gastarbeitenden und Russlanddeutschen sowie mit dem Schicksal von Felka Platek und Felix Nussbaum befassen. Mehrmals täglich angebotene Magazinführungen geben Einblick in Bestände und Arbeitsweisen des Landesarchivs; ein Infostand zur Archivnutzung und ein Büchertisch des Historischen Vereins sind ganztägig vor Ort.

Für wen sich der Besuch lohnt

Die Veranstaltungen sind offen für alle: Geschichtsinteressierte, Familien, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Forschende und Menschen, die persönliche oder regionale Herkunftsthemen erkunden möchten. Die Kombination aus Ausstellung, Vorträgen, Magazinführungen und Mitmach-Angeboten macht den Tag der Archive in Osnabrück zu einem leicht zugänglichen Erlebnis: Quellen werden sichtbar, Fragen finden Fachleute, und junge Beiträge zeigen, wie lebendig historische Forschung vor Ort sein kann.

Praktische Hinweise und Kontakt

Der Besuch ist kostenfrei; nähere Informationen zum bundesweiten Tag der Archive sind auf der Webseite des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare verfügbar.

Beide Archive freuen sich auf zahlreiche Besucherinnen und Besucher und laden herzlich ein, am Tag der Archive in Osnabrück historische Bestände zu erkunden und neue Perspektiven auf das Thema „Alte Heimat – Neue Heimat“ zu gewinnen.

Mehr Infos finden Sie im Veranstaltungsflyer.

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ Osnabrücker Geschichtsblog

Zwischen Tanzfläche und Museum

veröffentlicht.
Vorschau ansehen

Diskotheken und Jugendkultur entlang der B 213

Wer die Alltagskultur der Provinz und die flirrenden Räume jugendlicher Vergnügung der 1960er bis 1980er Jahre erkunden möchte, findet in Werner Straukamps Buch „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989“ eine reichhaltige Fundgrube voller überraschender Details und lebendiger Zeitzeugnisse.[1]

Abb. 1: Cover des Buches „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“ von Werner Straukamp.

Werner Straukamps „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989“ ist in erster Linie eine beeindruckende Materialsammlung: auf 222 Seiten versammelt der Band eine dichte Chronik regionaler Popkultur, die lokale Akteurinnen und Akteure, Veranstaltungsorte und Alltagspraktiken der Provinz in bemerkenswerter Detailtiefe sichtbar macht. Der Untertitel des Projekts, „Eine Disco kommt ins Museum. Diskothek ‚Zum Sonnenstein‘“, markiert programmatisch, worum es dem Autor geht: nicht nur um die Rekonstruktion von Orten, sondern um die museale Verhandelbarkeit und Präsentation lokaler Jugendkultur.

Quellen und Methodik

Die besondere Stärke des Buches liegt in der Breite und Vielfalt seiner Quellen. Regionale Zeitungsartikel, Werbeanzeigen, Leserbriefe und Gerichtsberichte werden mit zahlreichen Oral‑History‑Interviews kombiniert; die Einbindung eigener Erfahrungen als DJ und Veranstalter verleiht vielen Passagen eine unmittelbare Authentizität und macht technische, organisatorische und atmosphärische Details greifbar (vgl. etwa die Beschreibungen zur „Scala“ in Lastrup, S. 142-145).

Inhaltliche Stärken

Die Darstellung der musikalischen Wandlungen von Beat und Rock über Soul, Funk und Disco bis zur Neuen Deutschen Welle ist anschaulich und gut dokumentiert (S. 24–36). Werner Straukamp zeigt überzeugend, wie sich aus vereinzelten Tanzlokalen und Beat‑Clubs eine differenzierte Diskothekenlandschaft entwickelte und wie Boutiquen, Plattenläden, Jugendzentren und regionale Festivals als Kristallisationspunkte wirkten. Quantitative Hinweise – etwa die Entwicklung von einer einzigen stationären Diskothek 1965 zu 81 Tanzlokalen 1984 – vermitteln dem Leser ein Gefühl für die Größenordnung der lokalen Entwicklung (S. 202). Die zahlreichen Zeitzeugenstimmen machen deutlich, dass Diskotheken im ländlichen Raum mehr waren als Vergnügungsstätten; sie fungierten als soziale Treffpunkte und Orte der Identitätsbildung. Für Museen, Lokalhistorikerinnen und Lokalhistoriker sowie Forschende der Alltagskultur bietet der Band daher eine reichhaltige Fundgrube (vgl. Anhang 2, S. 202-218).

Abb. 2: Werbeplakat „Georgies Boutique – Haare wachsen für den Frieden / LSD zum Mitnehmen“ (Original 1970, George Mikolajew, Nordhorn) (zugleich hintere Umschlagseite des Buches „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“).

Kritische Anmerkungen

Trotz der dokumentarischen Sorgfalt bleibt die Darstellung an vielen Stellen deskriptiv und nostalgisch gefärbt; problematische Aspekte wie Kommerzialisierung, soziale Ausgrenzung, Geschlechterverhältnisse, Gewalt oder Drogenkonsum werden zwar benannt, aber nicht systematisch oder theoretisch fundiert aufgearbeitet (u. a. S. 114, 125, 176, 181). So werden etwa Veranstaltungen wie „Miss Bikini“-Wahlen oder „Go‑Go‑Girl‑Wettbewerbe“ beschrieben, ohne die dahinterliegenden Geschlechterdynamiken oder die ökonomischen Mechanismen der Sexualisierung vertieft zu analysieren (S. 180 f.). Berichte über Polizeirazzien, Schießereien oder Drogenfunde verbleiben überwiegend auf chronikaler Ebene, ohne Ursachen, strukturelle Bedingungen oder längerfristige Folgen zu erörtern (S. 175-184). Eine stärkere theoretische Einbettung, etwa durch Bezüge zu Konsumsoziologie, Raumtheorie oder Gender Studies, hätte die empirischen Befunde in größere analytische Zusammenhänge stellen können.

Formal und in der Aufbereitung bestehen ebenfalls Verbesserungsmöglichkeiten. Die Detailfülle führt mitunter zu überlangen Passagen und Redundanzen, die den Lesefluss hemmen; eine straffere Gliederung und kürzere Abschnitte hätten die Lesbarkeit erhöht. Visuelle Hilfsmittel wie Karten, Tabellen oder Diagramme zur räumlichen und quantitativen Entwicklung der Diskothekenlandschaft fehlen weitgehend; gerade bei einer regionalen Studie entlang einer Verkehrsachse wären Karten zur Verortung und Tabellen zur Entwicklung der Betriebszahlen hilfreich gewesen. Auch das Fehlen eines Registers erschwert den Zugriff auf die zahlreichen genannten Orte und Betriebe. Schließlich bleibt die Auswertung der Zeitzeugenbefunde in Teilen unsystematisch: Viele Anekdoten sind reich an Details, werden aber nicht nach Themenfeldern klassifiziert oder vergleichend analysiert.

Fazit und Ausblick

Trotz dieser Kritikpunkte bleibt der Wert der Studie unbestritten. Werner Straukamp legt eine sorgfältig dokumentierte Materialsammlung vor, die für weitergehende Forschung exzellent nutzbar ist. Die dichte Quellenbasis eröffnet zahlreiche Anschlussfragen: Wie veränderten sich soziale Differenzierungen innerhalb der Besuchergruppen über die Jahrzehnte? Welche Rolle spielten ökonomische Rahmenbedingungen und lokale Politik bei der Entstehung und Schließung von Betrieben? Auf welche Weise lassen sich Gewaltphänomene oder Drogenkonsum analytisch fassen? Werner Straukamp macht mit seinem Projekt zudem deutlich, dass lokale Popkultur nicht nur dokumentiert, sondern auch museal verhandelt werden kann; die institutionelle Perspektive des Vorhabens ist damit sowohl historisch als auch praktisch relevant (vgl. Anhang 2, S. 202-218; Literaturverzeichnis, S. 219-221).

Für die weitere Forschung ergeben sich daraus klare Aufgaben: Eine stärkere theoretische Rahmung könnten aus der reichhaltigen Chronik eine analytisch stringentere Studie machen. Vergleichende Untersuchungen mit anderen ländlichen Verkehrsachsen oder mit urbanen Zentren würden helfen, die Spezifika der B‑213‑Region zu schärfen.

Abschließend überzeugt „Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213“ vor allem als lebendige, quellenreiche Chronik. Die persönliche Nähe des Autors verleiht dem Text Wärme, Detailkenntnis und Glaubwürdigkeit, auch wenn die kritische Distanz an einigen Stellen möglicherweise fehlt. Wer eine anekdotisch reiche, lokal verankerte Darstellung sucht, findet in diesem Band viel Wertvolles; wer eine theoretisch stringent aufgebaute Analyse erwartet, wird die fehlende Tiefe bemängeln. Als Ausgangspunkt für weitergehende Forschung, Ausstellungen und Oral‑History‑Projekte ist das Werk jedoch hervorragend geeignet und lädt dazu ein, die hier versammelten Materialien analytisch weiterzudenken.

[1] Werner Straukamp, Diskotheken und Jugendkultur entlang der Bundesstraße B 213 1965-1989. Forschungsbericht zu dem Projekt „Eine Disco kommt ins Museum. Diskothek ‚Zum Sonnenstein‘“ im Niedersächsischen Freilichtmuseum Cloppenburg, Cloppenburg 2021.

(Auszug von RSS-Feed)
❌