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Handwerkertradition trifft Archäologie

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Exkursion des Historischen Vereins nach Bramsche und Kalkriese

Anfang Mai startete der Historische Verein sein Exkursionsprogramm 2026 mit einem Besuch der Werkstatt Torlage, dem Tuchmacher Museum in Bramsche sowie dem Museum Varusschlacht in Kalkriese.

Bramsches letzte Tuchmacher-Werkstatt

Die Tuchmacherwerkstatt Torlage ist die letzte private Tuchmacher-Werkstatt in Bramsche, die bis heute im Besitz der Familie Torlage ist. Die Werkstatt wurde 1946 errichtet und ist als vollständig eingerichtete, aber stillgelegte Wollwarenfabrikation erhalten geblieben. Sie bildet ein seltenes, nahezu unverändertes Zeugnis der lokalen Textilproduktion des 20. Jahrhunderts.

Abb. 1: Die Exkursionsgruppe in der vollständig erhaltenen Werkstatt Torlage in Bramsche (Foto: Thomas Brakmann)

Elf Generationen der Familie Torlage betrieben in Bramsche seit etwa 1600 das Tuchmacherhandwerk; die Werkstatt am Otterkamp ist der jüngste, privat betriebene Produktionsort dieser langen Tradition. 1946 bauten Wilhelm Hermann Torlage und sein Sohn Franz Rudolf Heinrich die Produktionsräume im Hof des Wohnhauses auf. Nach Auflösung der Innung wurde die Werkstatt weiterhin genutzt, später als Lohnweberei, und bis in die Lebenszeit von Heinrich und seiner Frau Gertrud Torlage gepflegt.

Die Werkstatt verfügt über eine Kettscheranlage, Spulmaschinen, zwei Buckskin-Webstühle sowie gut erhaltene Musterbücher. Diese Ausstattung erlaubt es, die gesamte Produktionskette von der Kette- und Schussvorbereitung bis zum gewebten Tuch nachzuvollziehen.

Besuch im Tuchmachermuseum Bramsche

Die Räume und Maschinen der Werkstatt Torlage blieben über Jahrzehnte unverändert, sodass die originale Arbeitsatmosphäre noch unmittelbar erfahrbar ist. Näheres zur Technik und Materialkultur war im Anschluss in dem nur wenige Gehminuten entfernten Tuchmacher Museum im Rahmen einer Führung durch Ilka Thörner zu erleben.

Abb. 2: Die Webstühle im Tuchmachermuseum in Bramsche im Einsatz (Foto: Thomas Brakmann)

Während das Museum die gemeinschaftlich genutzten Produktionsräume der ehemaligen Innung dokumentiert, liefert die Werkstatt das Gegenstück einer privaten, vollständig eingerichteten Produktionsstätte.

Abb. 3: Maschinelle Bearbeitung der Wolle (Foto: Thomas Brakmann)

Die vorhandenen Geräte und Musterbücher dokumentieren handwerkliche Fertigkeiten, Produktionsprozesse und Materialwahl – von Tuchen über Mäntel bis zu Uniformstoffen. Museum und Werkstatt geben gleichermaßen Einblick in die regionale Tuchmachertradition. Die Vorführungen der Maschinen vermittelten lebendig, was über reine Ausstellungstafeln hinausgeht.

Sonderausstellung „Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht und Mythos“ im Museum Kalkriese

Nach dem Rundgang zur Industriegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts schloss sich unter der Anleitung von Dr. Ulrike Hindersmann eine Reise 1.500 Jahre zurück in die Vergangenheit an. Im Museum Kalkriese in Bramsche versammeln sich aktuell auf engem Raum rund 1.200 Objekte aus den Mooren von Thorsberg und Nydam: Speere, Schwerter, Schilde, aber auch persönliche Gegenstände wie Armreifen, Fingerringe und Textilien. Besonders eindrücklich sind die erhaltenen Kleidungsstücke – eine Reiterhose und eine Tunika –, die überraschend nahbar machen, wie Menschen damals lebten und kämpften.

Abb. 4: Ulrike Hindersmann erläutert den Fund einer fast 2.000 Jahre alte Reiterhose (Foto: Thomas Brakmann)

Die Vitrinen erzählen nicht nur von Technik und Kriegskunst, sondern auch von Ritualen. Zerhackte Pferdegeschirre und systematisch zerstörte Ausrüstungsstücke deuten auf bewusste Handlungen hin, vielleicht symbolische Entmachtung besiegter Krieger. Die Thorsberger Maske sticht als einzigartiges Exponat hervor: eine germanische Nachahmung römischer Parademasken, die kulturelle Verflechtungen und Identitätsbildung sichtbar macht. Die unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen der Moore erklären, warum in Thorsberg vor allem Buntmetalle und Textilien, in Nydam aber auch Holz und Eisen überdauerten.

Abb. 5: Rund 1.200 germanische Objekte aus dem heutigen Norddeutschland sind im Varusschlacht-Museum in Kalkriese zu sehen (Foto: Thomas Brakmann)

Eine hochkarätige Ausstellung, die wissenschaftliche Analyse mit atmosphärischer Inszenierung verbindet und eine seltene Gelegenheit bietet, diese Funde außerhalb Schleswig-Holsteins zu sehen.

Die Besuche in einem Lost-Place eines untergegangenen Industriezweiges im Osnabrücker Land, in einem zentralen Museum zur Textilgeschichte in Bramsche und die beeindruckenden Moorfunde aus der Sammlung des Museums für Archäologie Schloss Gottorf in Kalkriese regten alle Teilnehmenden der Exkursion zum Staunen und Diskutieren an.

(Auszug von RSS-Feed)

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Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung

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Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen der Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs

Porträt Justus Möser, Kreide, gerahmt, 1788/94 (Museumsquartier Osnabrück, Sammlung Justus Möser / Sammlung Osnabrücker Bildnisse, 2366)

Justus Möser (1720–1794) gilt in der deutschen Geistesgeschichte als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Nordwestdeutschlands im Zeitalter der Aufklärung. Die Basis hierfür bildet zum einen seine allumfassende amtliche Tätigkeit im Fürstbistum Osnabrück, zum anderen sein literarisch-publizistisches Schaffen. Bis heute erfuhr Möser ganz unterschiedliche Bewertungen. Erklären lässt sich dies unter anderem durch die jeweilige betrachtende Person und deren zeitlichen Horizont. Erschwert wird der Blick aber auch dadurch, dass es bis heute keine moderne Biographie gibt. Hinzu kommt die einseitige Edition seiner Schriften und die Fokussierung auf die publizistische und schriftstellerische Tätigkeit.

Zum Projekt

Um nun ein umfassenderes Bild von Justus Möser zu gewinnen, muss seine amtliche Tätigkeit stärker berücksichtigt und in Verbindung mit seiner publizistischen und schriftstellerischen Tätigkeit gesehen werden. Denn in erster Linie war Möser Jurist und Politiker. Im Zusammenhang mit seinen politischen Ämtern hat Möser zahlreiche Gutachten und Stellungnahmen zu Projekten der praktischen Aufklärung verfasst. Allerdings ist ein Großteil dieser handschriftlichen Texte bis heute nicht ediert, obwohl in der Forschung schon seit Jahrzehnten der Wunsch danach besteht.[1] Erklären lässt sich dies vor allem durch den schier unüberschaubaren Quellenfundus – werden doch tausende Schriften Mösers in dem Bestand des Niedersächsischen Landesarchivs, Abteilung Osnabrück (NLA OS) vermutet.[2] Als grundlegendes Problem gilt dementsprechend das fehlende Wissen darüber, wie viele amtliche Schriften Möser zeit seines Lebens verfasst hat und wo diese zu finden sind.

An dieser Stelle setzt das hier vorgestellte Projekt an. Ziel ist eine Tiefenerschließung einschlägiger Bestände des NLA OS, bei der insbesondere das Osnabrücker Hauptarchiv (Rep 100) in den Blick genommen wird. Im Fokus stehen Gutachten und Empfehlungen Mösers, die in den Jahren 1764–1794 verfasst wurden. Schriften aus diesem Zeitraum sind besonders interessant, weil Möser ab 1764 nicht mehr nur die Interessen der Ritterschaft vertrat, sondern als Konsulent der Regierung auch direkt seinem Landesherrn unterstellt war. Er vertrat somit die Interessen zweier Parteien, die einander gegenüberstanden, was ihm eine einmalige und einflussreiche Position im Fürstbistum sicherte.

Justus Mösers Bemühungen um eine Medizinalordnung für Osnabrück – Beispiel für ein von Möser verfasstes Gutachten und Einblick in dessen Entstehungskontext

Im Jahr 1765 wurde im Fürstbistum Osnabrück eine Verordnung erlassen, die es Apothekern und Chirurgen untersagte, Kranken innerlich anzuwendende Medikamente zu verabreichen oder zu verschreiben. Anlass hierzu gaben „allerley unerfahrene Leute“, welche Patienten „unhinlängliche Mittel“ verschrieben und diese dadurch von der „Wiedererlangung ihrer Gesundheit“ abhielten.[3] Damit lässt sich in Osnabrück, ebenso wie in anderen Territorien des Alten Reichs, ein gewisses Interesse der Obrigkeit an der Regulierung des Medizinalwesens nachweisen. Eine systematische Bündelung derartiger Verordnungen gab es in Osnabrück aber noch nicht.

Abb. 1-3: Gutachten von Justus Möser (1777) und Transkription (NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 338r–339v, Aufn. 0354–0356).

Ab der zweiten Hälfte der 1770er Jahre beschäftigte sich dann der Staatsmann und Aufklärer Justus Möser intensiv mit einer Medizinalordnung[4] für Osnabrück.[5] Als Vorbild fungierte dabei insbesondere die 1777 erlassene und von Möser selbst als „Meisterstück“[6] bezeichnete Medizinalordnung von Münster. Mit dem Verfasser dieses viel beachteten Regelwerks, Christoph Ludwig Hoffmann (1721–1807), tauschte sich Möser gleich auf mehreren Wegen aus. So wechselten die beiden Männer nicht nur Briefe,[7] sondern der Osnabrücker empfing den Arzt auch für ein persönliches Gespräch in seinem Wohnhaus.[8] Ein Blick in den edierten Briefwechsel macht deutlich, dass das Medizinalwesen und dessen Verbesserung stets zentrale Themen dieses Austauschs bildeten.

Zwar gelang es Möser schließlich nicht, eine Medizinalordnung in Osnabrück einzuführen, doch konnte er Reformen durchsetzen, die im medizinalpolizeilichen[9] Kontext als besonders dringlich erachtet wurden. Dies betraf vor allem die staatlich regulierte Ausbildung von Hebammen.[10] Damit sind die Bemühungen im Medizinalwesen ein beachtenswertes Beispiel für die praktische Aufklärungstätigkeit Mösers im Fürstbistum Osnabrück. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei der Austausch mit Hoffmann und weiteren Ärzten ein, die über ein spezifisches Fachwissen oder besondere berufliche Erfahrungen verfügten.

Das hier vorgestellte Gutachten befindet sich im Bestand Rep 100 des NLA OS und entstammt der Feder Justus Mösers (s. Abb. 1-3). Die entsprechende Akte trägt den Titel Verbesserung des Medizinalwesens und hat eine Laufzeit von 1765–1792.[11] Im Rotulus wird das vier Seiten lange Schreiben unter der Nr. 30.b als Gutachten des Herrn Raths Möser geführt.[12] Der Präsentatumsvermerk 20. Juni 1777 legt nahe, dass der Text kurz nach Inkrafttreten der Medizinalordnung von Münster am 14. Mai 1777 verfasst wurde. Der Inhalt des Gutachtens macht deutlich, dass Möser bestrebt war, die Aufmerksamkeit des lokalpolitischen Diskurses auf die Medizinalordnung von Münster zu lenken. Er betonte die Überlegenheit des Regelwerks gegenüber allen bisherigen Ordnungen und stellte Überlegungen dazu an, ob man die Hoffmannsche Ordnung als Grundlage für eine eigene nutzen oder sogar ganz übernehmen könne.

Erschließungsdaten in Arcinsys dank Kooperation mit dem NLA OS

Die im Rahmen der Tiefenerschließung ermittelten Daten werden in einer relationalen No-Code-Datenbank strukturiert erfasst und verwaltet. Auf dieser Grundlage erfolgt eine automatisierte Aggregation bestimmter Daten, die dem NLA OS sukzessive übermittelt werden. Dank einer Kooperation mit dem Archiv werden die übermittelten Datensätze anschließend in das Archivinformationssystem Arcinsys eingepflegt und auf diese Weise der Forschung wie auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. So ist es seit Oktober 2025 möglich, eine Vielzahl an Gutachten und anderen amtlichen Schriften Mösers in den digitalisierten Beständen des NLA OS zu suchen, zu finden und zu sichten. Auch das hier vorgestellte Gutachten Mösers aus dem Jahr 1777 kann über die Funktion „Einfache Suche“ in Arcinsys gefunden werden (s. Abb. 4-5).

Abb. 4 und 5: Suche von Gutachten Justus Mösers in Arcinsys (Screenshot: Jennifer Staar).

Die Tiefenerschließung und die damit verbundene Verbesserung der Datensätze macht Recherchearbeiten somit deutlich einfacher. Nicht zuletzt bietet eine Tiefenerschließung aber auch eine gute Grundlage für ein künftiges Editionsvorhaben ausgewählter amtlicher Schriften Justus Mösers und kommt damit dem seit langer Zeit gehegten Wunsch der Forschung endlich einen großen Schritt näher.

Weiterführende Informationen:

Verfasserin: Dr. Jennifer Staar.

Projekt: „Justus Möser: Politikberater im Zeichen der Aufklärung. Eine Tiefenerschließung politischer Gutachten Justus Mösers in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs, Standort Osnabrück“, angesiedelt am Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).

Projektleiterin: Prof. Dr. Siegrid Westphal.

Kooperationspartner: Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Justus-Möser-Gesellschaft/Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein).

Förderhinweis: Gefördert durch die VGH Stiftung, Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück, Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein), Forschungszentrum Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN).


[1] Siehe hierzu Ulrich Winzer/Susanne Tauss, Einleitung, in: dies. (Hg.), „Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct…“ Neue Blicke auf Justus Möser (1720-1794) (Kulturregion Osnabrück 33), Münster 2020, S. 13–23, hier S. 21; Reinhard Renger, Probleme einer Edition der amtlichen Schriften Justus Mösers, in: Winfried Woesler (Hg.), Möser-Forum 1/1989 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 27), Münster 1989, S. 273–279; Paul Göttsching, Vorwort, in: Justus Möser, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 14,1: Osnabrückische Geschichte und historische Einzelschriften. Bearb. Von Paul Göttsching, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Oldenburg/Hamburg 1976, S. 11–29, hier S. 15.

[2] Die Rede ist von Gutachten, Voten, Vermerken und Anmerkungen, die Möser während seiner amtlichen Tätigkeit verfasst

hat; vgl. Renger, Probleme einer Edition, S. 273.

[3] NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12, fol. 13r.

[4] Zu dem Begriff Medizinalordnung vgl. Eckart, Art. „Medizinalordnung“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online (in der Folge EdNO), im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. v. Friedrich Jaeger (bis 2019) [u.a.], URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309461 (Zugriff 17.04.2026).

[5] Zu dem aufklärerischen Diskurs über eine Medizinalordnung für Osnabrück vgl. Jennifer Staar, Pragmatische Aufklärung und kommunikative Strategien. Justus Mösers Wirken im Fürstbistum Osnabrück (1766–1782) (bibliothek altes Reich 43), Diss., Berlin 2025.

[6] Justus Möser: Brief an Christoph Ludwig Hoffmann von Anfang 1777, in: Justus Möser, Briefwechsel. Neu bearb. v. William F. Sheldon i. Z. m. Horst-Rüdiger Jarck, Theodor Penners und Gisela Wagner (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 21), Hannover 1992, Nr. 466, S. 527–529, hier S. 528.

[7] Vgl. Möser, Briefwechsel, Nr. 466, 469, 471.

[8] Vgl. Justus Möser: Brief an Johann Peter Brinckmann vom 22.01.1779, in: Möser, Briefwechsel, Nr. 504, S. 568 f., hier S. 569.

[9] Zu dem Begriff Medizinalpolizei vgl. Louis Pahlow/Antje Zare, Art. „Medizinalpolizei“, in: EdNO, URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_309529 (Zugriff 17.04.2026).

[10] Vgl. Staar, Pragmatische Aufklärung, bes. S. 201–234.

[11] Vgl. NLA OS Rep 100 Abschnitt 216 Nr. 12.

[12] Vgl. ebd., fol. 2v.

(Auszug von RSS-Feed)

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Die Gouverneure von Lingen

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Archivalie des Monats Februar 2026 (Stadtarchiv Lingen)

Im Achtzigjährigen Krieg, in dem die aufständischen Provinzen der Niederlande um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, war Lingen zeitweise Standort einer Garnison und befand sich unter dem militärischen Befehl eines Gouverneurs, auch Stadtkommandant genannt. Lingen stand zunächst auf spanischer Seite. Bereits 1586 beschwerte sich der Lingener Drost Ernst Mulert über die Belastung durch die einquartierten Soldaten. 1589/90 fielen berittene Soldaten aus Lingen im Kirchspiel Emsbüren ein. Friedrich van dem Berg, Statthalter und Generalkapitän von Overyssel, Friesland und Lingen, hatte die Lingener Festungswerke gut befestigt, und so blieb die Stadt 1590 von marodierenden niederländischen Truppen verschont. Die Verteidigung der Stadt unter seinem Kommando 1597 scheiterte jedoch, am 13. November hielt Moritz von Oranien Einzug in die Stadt und am 14. November verließen Gouverneur Friedrich van den Berg und seine Soldaten sie Richtung Salzbergen. Lingen stand damit unter dem Befehl des niederländischen Kommandanten Martin Cobbe.

Ansicht der Belagerung Lingens 1605 aus dem 1609 erschienenen Werk „Della guerre de Fiandra“ des Lingener Gouverneurs Pompeo Giustiniano. (StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712)

Gouverneur Cobbe war auch noch in Lingen, als der spanische Herrführer Spinola die Stadt 1605 unter Belagerung stellte. Auf die Verteidigung war die Stadt nur unzureichend vorbereitet und Cobbes Hauptleute hatten kaum Erfahrung. In Verhandlungen willigte Cobbe schließlich in die Übergabe der Stadt ein, wofür er sich später in einem Prozess rechtfertigen musste. Am 18. August verließ er mit 600 Mann die Stadt, und am 19. August zog die spanische Garnison ein.

Nun wurde Philipp von Croy, Graf von Solre und Baron von Sempy und Molembais (1562-1612), der neue Stadtkommandant. Glücklich war seine Zeit in Lingen nicht. Am 1. Mai 1607 gab er ein Bankett auf der Burg. Anlass war wohl sein 55. Geburtstag. Einer der Gäste vergas, beim Zubettgehen das Licht zu löschen, und so brach in der Nacht zum 2. Mai ein Feuer auf dem Burggelände aus. Schließlich entzündete sich auch das unter dem Haupthaus gelegene Pulvermagazin und explodierte. Ein Übergreifen der Flammen auf den Pulverturm konnte durch den umsichtigen Befehl des Grafen von Solre im letzten Moment verhindert werden. Zugleich aber behinderte er die Löscharbeiten, weil er als erstes sein Hab und Gut aus der Burg geholt haben wollte. Das Unglück forderte zahlreiche Tote und beschädigte zahlreiche Häuser der Stadt. Das Haupthaus der Burg, in dem Graf von Solre zusammen mit dem Drosten residierte, war unbewohnbar geworden, so dass er notdürftig mit seinem Gesinde in fünf Bürgerhäuser umziehen musste.

Spätestens 1608 wurde der Graf von Solre abgelöst durch Pompeo Giustiniano (Pompeius Justiniano) (1569-1615), einem Verwandten Spinolas, der sich nach der Explosion um die Wiederherstellung der Straßen kümmerte. Wegen zu zahlender Kontributionen zum Wiederaufbau der Festung stand er außerdem in Verhandlungen mit Oldenburg. Giustiniano stammte aus Korsika. Er hatte sich früh in spanische Dienste gestellt und bereits 1588 an der Belagerung von Bergen op Zoom teilgenommen. Da er im Krieg einen Arm verloren hatte und eine Prothese trug, erhielt er den Beinamen „Eisenarm“. 1605 kämpfte er an der Seite Spinolas. Ihm unterstand das dritte Regiment, aus dem fünf Kompagnien die Lingener Garnison verstärkten. Aufgrund seiner militärischen Erfahrung schrieb er das Buch „Della guerre de Fiandra 1601-1609“, das 1609 in Antwerpen veröffentlicht wurde. In dem Werk findet sich auch ein Grundriss der Festung Lingen, der entsprechende Detailkenntnis zeigt.

Der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/32 erstellten Karte vom Lingener Umland. Die Karte ist nach Südosten ausgerichtet. Links erscheint der Böhmerhof mit Wassermühle, rechts das Burgtor der Festung Lingen. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47)

Auf Pompeo Giustiniano folgte als „Gubernator“ der Lingener Festung Marcellus Judicis (Marcello del Judicius), bis sich für das Jahr 1627 Lucas Cairo (de Cayro) als Gouverneur in Lingen belegen lässt. Von Cairo ist bekannt, dass er von dem Amtmann Mars aus Neuenburg Pferde geschenkt bekam. Vor allem aber dürfte er, wenn nicht schon einer seiner Vorgänger, für den Bau des neuen Gouverneurshofs verantwortlich gewesen sein, der als Ersatz für das zerstörte Haupthaus auf der Burganlage diente. Überliefert ist ein spätestens 1629 aufgestelltes Inventarverzeichnis des Gouverneurshofes, genauer eine „Annotatie van schottelen in des Gouvern. Cayro syn logement“ (Notiz über die Schüsseln in der Wohnung des Gouverneurs Cairo). Neben Zinnschüsseln und Zinntellern fanden sich in dem Haus unter anderem ein großer Kupferpott , Kerzenhalter und eine Eisenpfanne, später kamen noch ein Tresor, eine Bettstätte, Stühle, eine Eisenkette für den Brunnen und zwei große Kesselhaken für den Feuerherd dazu.

Zum ersten Mal erscheint der „Gouverneurs Hoff“ auf einer um 1609/1632 angefertigten Umgebungskarte der Stadt Lingen Er lag zwischen dem Burgtor und dem Böhmerhof, umgeben von einer Gräfte, die sich aus dem Stadtgraben speiste. Dieser Zufluss dürfte ein Überbleibsel des alten Mühlenbaches sein, der sich noch im 16. Jahrhundert in den Stadtgraben ergoss, inzwischen aber ab Böhmers Wassermühle um die Stadt herumgeführt wurde. Auch auf einem Stadtplan von 1903 ist der Zufluss noch zu erkennen. So erklären sich auch die eigenartigen Windungen der Straße „Brümmers Wiese“: Sie folgt dem Verlauf der einstigen Gräfte.

Der Wasserzulauf vom Stadtgraben unter der noch nicht vorhandenen Kulturvilla (Wilhelmstraße 49) her zum in den Umrissen noch erkennbaren einstigen Gouverneurshof auf einer genordeten Karte von 1903. (StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 207)

1628 lässt sich als neuer Gouverneur zu Lingen ein gewisser Cazzola belegen. Ihm folgte Matthias von Dulcken. Die dauerhafte Belegung mit einer Garnison stellte für die kleine Stadt allerdings eine große Belastung dar. Es gab mehr Soldaten als Bürger, viele von ihnen waren in Bürgerhäusern einquartiert und immer wieder kam es zu Übergriffen. Man könne abends nicht mehr über die Straßen gehen, ohne belästigt zu werden, beschwerte sich der Magistrat. Im Juli 1630 verließen die letzten Garnisonssoldaten die Stadt und Truppen der katholischen Liga zogen ein. Neuer Gouverneur wurde damit der stellvertretende Kavalleriekommandeur Johannes von Horst, gefolgt von Ottomar von Erwitte. Für die Stadt bedeutete das weniger Soldaten, aber auch höhere Abgaben. Der Magistrat bat mehrfach um Erleichterungen, bis er die überraschende Antwort erhielt, dass dies nur bei Schleifung der Festungswerke möglich sei. In Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, genau das zu tun. 1632 wurde die Lingener Festung niedergerissen, und noch vor Mitte November verließ Kommandant Leoprechting mit den letzten Soldaten die Stadt. Die Zeit als Garnisonsstadt war für Lingen damit vorläufig vorbei.

 

Quellen und Literatur:

  • NLA HA, Cal. Br. 24, Nr. 6036.
  • NLA OL, Best. 20, -49 Nr. 4.
  • NLA OS, Dep 3 a 1, XI Nr. 101 a-b.
  • NLA OS, Dep 3 b III, Nr. 1.
  • NLA OS, Rep 25, Nr. 3, Nr. 4.
  • NLA OS, Rep 900, Nr. 651.
  • StadtA EMD, I, Nr. 338 a
  • StadtA LIN, Altes Archiv, Nr. 43, Nr. 5390.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 712.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 47, Nr. 207.
  • Giustiniano, Pompeo: Delle Guerre di Fiandra Libri VI, Antwerpen 1609.
  • Oldenhof, H.: Als Spinola vor Lingen lag. Tatsachenbericht des Obersten Pompeo Giustiniano, in: Kivelingszeitung 1978, S. 53-61.
  • Remling, Ludwig: Berichte über das Explosionsunglück auf der Burg Lingen am 2. Mai 1607, in: Kivelingszeitung 1999, S. 97-101.
  • Remling, Ludwig: Der Dreißigjährige Krieg in der Niedergrafschaft Lingen und den benachbarten münsterischen Kirchspielen Salzbergen, Emsbüren und Schepsdorf, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 46 (2000), S. 57-101.
  • Remling, Ludwig: Egbert Wantschers Plan der Festung Lingen und des näheren Umlandes, in: Remling, Ludwig (Hg.): Aus der Geschichte Lingens und des Lingener Landes. Festgabe für Walter Tenfelde zum 70. Geburtstag (Materialien zur Lingener Geschichte 2), Lingen 1989, S. 44-47.
  • Tenfelde, Walter: Ambrosius Spinola und die Spanische Zeit in Lingen 1605-1630, Lingen (Ems) 1958.

Diese und frühere Archivalien des Monats können eingesehen werden auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

(Auszug von RSS-Feed)
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