Scientology – nur noch ein Thema für die Geschichtsbücher? Diesen Eindruck konnte die Mitteilung des Bundesamts für Verfassungsschutz erwecken: Scientology habe an Relevanz verloren und werde daher nicht mehr als „bundesweiter, eigenständiger Phänomenbereich fortgeführt“. Im Bundesverfassungsschutzbericht hat Scientology damit kein eigenes Kapitel mehr wie Rechts- und Linksextremismus oder Islamismus. Entwarnung also? Nein, widerspricht Daniel Perband vom Hamburger Verfassungsschutz. Das Landesamt und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz werden Scientology weiter beobachten, denn von der selbst ernannten „Kirche“ gehe nach wie vor eine Gefahr für die Demokratie aus.
Nicht nur bundesweit, auch in der Hansestadt hat Scientology viel von ihrer früheren Kraft verloren: Mehr als 1000 Anhänger wurden der Organisation in den 1990er und 2000er Jahren zugerechnet, heute sind es noch rund 300. Doch an der Domstraße betreibt Scientology weiter einen ihrer großen Standorte in Deutschland. Und die Organisation versucht nach wie vor, mithilfe von Tarnorganisationen – Verfassungsschützer sprechen von „Frontgroups“ – neue Kontakte zu knüpfen und mögliche Anhänger zu gewinnen.
Wohl der berühmteste Scientology-Anhänger: Hollywood-Schauspieler Tom Cruise.AP Photo/Paul White
Wohl der berühmteste Scientology-Anhänger: Hollywood-Schauspieler Tom Cruise.
Auch Jörg Pegelow, Sektenbeauftragter der Nordkirche, sieht keinen Grund zur Entwarnung: Zwar sei nachvollziehbar, dass Scientology angesichts anderer extremistischer Strömungen weniger im Vordergrund stehe als früher. Die Organisation versuche aber weiterhin, Menschen über vermeintliche Hilfsangebote anzusprechen – etwa bei Drogen- oder psychischen Problemen.
Tarnorganisation eins: „Sag Nein zu Drogen – sag Ja zum Leben“
Ein Beispiel ist der Verein „Sag Nein zu Drogen – Sag Ja zum Leben“. Der Name klingt harmlos: nach Schule, Jugendhilfe, Prävention. Auch die Broschüren wirken so: bunt, etwas altmodisch, scheinbar sachlich. Es geht um Cannabis, Kokain, Crystal Meth, Alkohol, Sucht und Abhängigkeit. Die Hefte tauchen in Hamburg immer wieder auf – in Geschäften, Lokalen, Broschürenständern. Dass der Verein in Deutschland von Mitgliedern der Scientology-Kirche gegründet wurde, ist darin aus gutem Grund nicht offen sichtbar – nach Einschätzung des Verfassungsschutzes, weil Scientology auch dank der Aufklärungsarbeit bundesweit einen schlechten Ruf genießt.
Und der Verein „Sag Nein zu Drogen – Sag Ja zum Leben“ ist weiter aktiv. Am 6. Juni ist nach MOPO-Informationen an der Ottenser Hauptstraße 1 in Altona ein Info-Stand angemeldet.
Ein zweites Beispiel ist der Kampf gegen die Psychiatrie. Hier tritt die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“, kurz KVPM, auf. Auch sie wird dem Scientology-Umfeld zugerechnet. Die KVPM führt seit Jahren Kampagnen gegen Psychiatrie und Pharmakologie, auch in Hamburg besitzt sie eine Ortsgruppe. Besonders heikel ist der Versuch, Psychiatrie mit den NS-Massenmorden in Verbindung zu bringen. In der Vergangenheit meldete die KVPM am Holocaust-Gedenktag eine Kundgebung am Hamburger Hauptbahnhof an. Der Tenor: Psychiatrie als Wegbereiter und Architekt des Massenmords.
Tarnorganisation zwei: „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“
Aus Sicht des Hamburger Verfassungsschutzes soll die Kampagne gegen Psychiatrie den Boden für scientologische Alternativen bereiten – und damit für einen möglichen Einstieg in die Organisation. Gerade bei Menschen, die Hilfe suchen, in Krisen stecken, unter Sucht leiden oder psychisch belastet sind, können solche Botschaften verfangen. So kann zunächst Misstrauen gegenüber etablierten Hilfesystemen geweckt werden. Anschließend bietet Scientology die eigene Antwort an.
Eine Tarnorganisation der Scientology-Sekte: die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen MenschenrechteOlaf Wunder
Eine Tarnorganisation der Scientology-Sekte: die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte
Worum geht es bei Scientology eigentlich? Hinter diesen Kampagnen steht eine Lehre, die mit harmloser Lebenshilfe wenig zu tun hat. Im Zentrum steht L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology. Seine Grundannahme: Der Mensch werde von einem „reaktiven Verstand“ beherrscht, in dem schmerzhafte Erinnerungen und angebliche seelische Verletzungen gespeichert seien. Befreien könne ihn davon nur Scientology – durch Kurse, Trainings und sogenanntes Auditing, oft für erhebliche Summen.
Ziel ist der Status „Clear“: ein angeblich befreiter Mensch, frei von den Störungen des reaktiven Verstandes. Für Scientology ist das der Weg zur geistigen Freiheit. Für den Verfassungsschutz liegt genau darin die Gefahr. Denn nach dessen Einschätzung könnten in einer scientologischen Gesellschaft nur nach scientologischer „Technologie“ optimierte Menschen, sogenannte „Clears“, die Rechte eines freien Individuums genießen.
Für Scientologen sind nur sogenannte „Clears“ wertvolle Menschen
Wie weit dieses Denken von der Idee gleicher Menschenwürde entfernt ist, zeigt ein Satz Hubbards, den der Hamburger Verfassungsschutzbericht zitiert: „Ein Wesen ist nur so wertvoll, wie es anderen dienen kann.“
L. Ron Hubbard, der Erfinder der Scientology-Sekte.MOPO-Archiv
L. Ron Hubbard, der Erfinder der Scientology-Sekte.
Scientology bestreitet die Vorwürfe. Die Organisation bezeichnet sich als Kirche, verweist auf Menschenrechte und Demokratie, spricht von spiritueller Freiheit. Doch der Hamburger Verfassungsschutz kommt im aktuellen Bericht zu einer anderen Einschätzung: Die Praxis der Scientology-Organisation sei „gekennzeichnet durch ihr Streben nach Geld, Macht und vollständiger Kontrolle über ihre Mitglieder“. Mit ihrer Lehre versuche Scientology, diese Praxis auf eine „metaphysische Ebene“ zu heben. Hinter dem Auftritt als Kirche, als Lebenshilfe, als spiritueller Weg sieht die Behörde ein System aus Einfluss, Bindung und Kontrolle. Kleiner ist Scientology geworden. Harmlos, sagen die Hamburger Verfassungsschützer, ist sie nicht.
Emma Schindler gehört zu den ersten Augenärztinnen Hamburgs. Als die Nationalsozialisten sie deportieren, ist sie fast 60 Jahre alt. Sie hat ihr Leben von Anfang an gegen Widerstände geführt. Sie hat sich Bildung erkämpft, weil ihr als Mädchen der Weg aufs Gymnasium versperrt bleibt. Sie hat Medizin studiert, als Frauen in Hörsälen noch die Ausnahme waren. Sie hat promoviert, geforscht, publiziert, eine Praxis geführt und sich in der Hamburger Augenheilkunde einen Namen gemacht.
Mit der NS-Machtübernahme beginnt ihre systematische Entrechtung. Emma Schindler verliert ihre berufliche Grundlage, später darf sie sich nicht einmal mehr Ärztin nennen. 1942 wird sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, das größte NS-Ghetto im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren. Dort arbeitet sie unter unmenschlichen Bedingungen weiter. Schließlich verliert sich ihre Spur in Auschwitz.
Emma Schindler (1883-1945) war eine der ersten Augenärztinnen Hamburgs. Die Nazis ermordeten sie. Am Donnerstag (4. Juni 2026) wurde im UKE ein Hörsaal nach ihr benannt.Jeremy Shindler
Emma Schindler (1883-1945) war eine der ersten Augenärztinnen Hamburgs. Die Nazis ermordeten sie. Am Donnerstag (4. Juni 2026) wurde im UKE ein Hörsaal nach ihr benannt.
Jetzt kehrt ihr Name an einen Ort zurück, der zu ihrem Leben gehört: an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Am 4. Juni hat die Medizinische Fakultät Hamburg den Hörsaal der Augenklinik nach ihr umbenannt. Eine späte Ehrung für eine Frau, deren Geschichte jahrzehntelang fast vergessen war.
Emma Schindler hat Medizin studiert, als Frauen in Hörsälen noch die Ausnahme sind
Emma Schindler wird am 23. Juli 1883 geboren. Der Vater Heinrich Schindler ist Kaufmann, betreibt zusammen mit einem Kompagnon eine Firma, die mit Gerbstoffen handelt. 1886 zieht die Familie von Berlin nach Hamburg, erst nach Eimsbüttel, später nach Harvestehude. 1901 bezieht sie ein Haus in der Hochallee 13.
Emma Schindler wächst behütet auf, in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus. Doch der Weg, der Jungen ihrer Schicht offensteht, bleibt ihr zunächst versperrt. Für Mädchen ist um 1900 keine akademische Laufbahn vorgesehen. Höhere Mädchenschulen bereiten sie auf das Leben vor, das für Frauen ihres Standes vorgesehen ist – nicht auf Abitur, Studium und Beruf. Wer trotzdem studieren will, braucht Geld, Unterstützung und großen Eigensinn.
Das Allgemeine Krankenhaus Eppendorf, das spätere UKE, um 1900. Hier bildet sich Emma Schindler nach ihrer Approbation in der Augenheilkunde weiter und ist von 1922 bis 1933 wissenschaftlich an die Eppendorfer Augenklinik angebunden.UKE
Das Allgemeine Krankenhaus Eppendorf, das spätere UKE, um 1900. Hier bildet sich Emma Schindler nach ihrer Approbation in der Augenheilkunde weiter und ist von 1922 bis 1933 wissenschaftlich an die Eppendorfer Augenklinik angebunden.
Emma Schindler nimmt trotzdem Anlauf. Sie besucht Privatschulen und wächst in einem Umfeld auf, in dem Frauen um mehr Bildung und Selbstständigkeit kämpfen. 1909 wird sie an der Staatlichen Kunstgewerbeschule zu Hamburg aufgenommen, der heutigen Hochschule für bildende Künste. Sie belegt Buchausstattung, Modellieren, Papparbeiten, Fotografie und Porträtzeichnen. Ihr Schwerpunkt ist der Kopf: Sie lernt, Gesichter zu betrachten, Linien, Licht und Ausdruck.
Sie macht mit 30 Abitur, um Medizin zu studieren
Früh sucht Emma Schindler auch praktische Aufgaben. Sie hilft in der Haushaltsschule von Agnes Wolffson, einer wichtigen Hamburger Sozialreformerin. 1911 leitet sie im Hammerbrooker Volksheim eine Knabenabteilung. Dort geht es um Fürsorge, Erziehung, soziale Arbeit. Doch Emma Schindler reicht das nicht. Sie will Medizin studieren.
Dafür braucht sie das Abitur. Emma Schindler bereitet sich an einer privaten Anstalt an der Rothenbaumchaussee auf die Prüfung vor. Im September 1913 tritt sie am Johanneum an – als Externe, als „Nichtschülerin“. Sie besteht erst im zweiten Anlauf. Sie muss nachholen, was Jungen selbstverständlich mitbekommen, und beweisen, was ihr lange nicht zugetraut wird.
Als sie das Abitur schafft, ist sie 30 Jahre alt. Zum Wintersemester 1913/14 nimmt sie das Medizinstudium auf. Sie studiert in Freiburg, Kiel, Berlin, Heidelberg und München. Frauen bleiben im Hörsaal Fremde. Sie werden geduldet, geprüft, beobachtet. Als Jüdin erlebt Emma Schindler zusätzlich eine Gesellschaft, in der Antisemitismus längst vor 1933 zum akademischen und bürgerlichen Alltag gehört.
Emma Schindler wurde 1943 zunächst nach Theresienstadt, im Oktober 1944 dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.dpa
Emma Schindler wurde 1942 zunächst nach Theresienstadt, im Oktober 1944 dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Emma Schindler ist eine der ersten Augenärztinnen Deutschlands
In München schließt Emma Schindler ihr Studium ab. Am 31. Januar 1920 erhält sie die ärztliche Approbation. Da ist sie 36 Jahre alt. Danach kehrt sie nach Hamburg zurück, bildet sich am Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf, dem späteren UKE, in der Augenheilkunde weiter. 1922 richtet sie ihre Augenarzt-Praxis in der elterlichen Wohnung in der Hochallee 13 ein. Rahel Liebeschütz-Plaut, Physiologin, Kollegin und erste habilitierte Ärztin Hamburgs, notiert am 4. September 1922 in ihr Tagebuch, die Praxis sei „rasend elegant eingerichtet“.
1926 ist Emma Schindler die einzige Frau unter 37 Augenärzten in Hamburg. Aber sie will mehr, sie will forschen. Von 1922 bis 1933 ist sie an die Eppendorfer Augenklinik angebunden. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten erscheinen in angesehenen Fachzeitschriften. In der Hamburger Augenärztlichen Gesellschaft trägt sie regelmäßig vor. Der Tübinger Augenarzt und Medizin-Historiker Jens Martin Rohrbach nennt ihre Arbeiten später „für die Zeit bemerkenswert“ und bescheinigt ihr ein „überdurchschnittliches wissenschaftliches Engagement“.
Dann kommt 1933.
Für Emma Schindler wird das Leben enger. Im Juli 1933 verliert sie die Kassenzulassung. Damit bricht ein wichtiger Teil ihrer beruflichen und finanziellen Grundlage weg. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit an der Eppendorfer Augenklinik endet ebenfalls. 1936 verkaufen die Schindlers das Haus in der Hochallee 13. 1937 zieht Emma in den Mittelweg 121 und bietet dort weiter Sprechstunden an.
Ihre Geschwister fliehen vor den Nazis, sie aber bleibt – um der Mutter willen
Ihre Brüder können sich retten. Theodor und seine Frau Else emigrieren mit ihrer Familie nach England. Hans Joachim geht mit seiner Frau in die USA. Emma bleibt in Hamburg. Sie will ihre Mutter nicht allein lassen. Blanca ist 87 Jahre alt und schafft den Weg in die Fremde nicht mehr.
Zum 30. September 1938 verliert Emma Schindler wie alle jüdischen Ärztinnen und Ärzte die Approbation. Von einem Tag auf den anderen darf sie nicht mehr Ärztin sein. In Adressbüchern erscheint sie nun als „Emma Sara Schindler“. „Sara“ ist der Zwangsname für jüdische Frauen, so wie jüdische Männer den Namen „Israel“ tragen müssen. Erst verliert sie die Kassenzulassung, dann die wissenschaftliche Arbeit, dann die Approbation. Nun greift die Entrechtung bis in den Namen hinein.
imago/CTK PhotoIm 18. Jahrhundert wurde Theresienstadt als Festung erbaut und nach Kaiserin Maria Theresia benannt. Die Nazis nutzten die Stadt dann als Gefängnis – als Ghetto.
Im 18. Jahrhundert wurde Theresienstadt als Festung erbaut und nach Kaiserin Maria Theresia benannt. Die Nazis nutzten die Stadt dann als Gefängnis – als Ghetto.
Olaf WunderZeitweise lebten im Ghetto Theresienstadt mehr als 40.000 Menschen auf einem Gelände, das ursprünglich für rund 7000 Einwohner ausgelegt war.
Zeitweise lebten im Ghetto Theresienstadt mehr als 40.000 Menschen auf einem Gelände, das ursprünglich für rund 7000 Einwohner ausgelegt war.
IMAGO/H. Tschanz-HofmannGhetto Theresienstadt: In diesem Gebäude, der sogenannten „Genie Kaserne“, befand sich während der Nazi-Zeit die augenärztliche Praxis von Emma Schindler.
Ghetto Theresienstadt: In diesem Gebäude, der sogenannten „Genie Kaserne“, befand sich während der Nazi-Zeit die augenärztliche Praxis von Emma Schindler.
IMAGO/DepositphotosSo malerisch der Ort heute auch aussieht – in der NS-Zeit wr er die Hölle auf Erden: Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto, nur 23.000 überlebten, viele wurden weiter deportiert, u. a. nach Auschwitz.
So malerisch der Ort heute auch aussieht – in der NS-Zeit wr er die Hölle auf Erden: Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto, nur 23.000 überlebten, viele wurden weiter deportiert, u. a. nach Auschwitz.
Olaf WunderHeute wird Theresienstadt wieder bewohnt, aber viele der Gebäude und ehemaligen Kasernen im einstigen Ghetto zerfallen.
Heute wird Theresienstadt wieder bewohnt, aber viele der Gebäude und ehemaligen Kasernen im einstigen Ghetto zerfallen.
Olaf WunderGhetto Theresienstadt: Dieses Foto vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Umständen die Ghetto-Bewohner leben mussten. Theresienstadt war völlig überfüllt, es gab nie genug zu essen. Heute erinnert ein Museum an diese furchtbare Zeit.
Ghetto Theresienstadt: Dieses Foto vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Umständen die Ghetto-Bewohner leben mussten. Theresienstadt war völlig überfüllt, es gab nie genug zu essen. Heute erinnert ein Museum an diese furchtbare Zeit.
Mutter Blanca Schindler stirbt am 22. Juni 1939 in Hamburg. Emma ist nun allein. Inzwischen sind die Möglichkeiten zur Flucht stark eingeschränkt. Freundinnen und Kollegen sind emigriert, andere werden verfolgt.
Ab Dezember 1940 darf Emma Schindler wieder medizinisch arbeiten – aber nicht als Ärztin, sondern nur als sogenannte „Krankenbehandlerin“. Schon dieses Wort ist Teil der Herabsetzung: Jüdische Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht mehr Ärztinnen und Ärzte heißen. Emma Schindler arbeitet im Israelitischen Krankenhaus, das inzwischen in die Johnsallee 68 in Harvestehude umziehen musste. Dort ist sie die einzige Frau unter den Krankenbehandlern. Mit ihren Kollegen versorgt sie Tausende jüdische Menschen, die in Hamburg geblieben sind.
1942 wird Emma Schindler nach Theresienstadt deportiert, arbeitet dort weiter
Doch diese Hilfe ist Teil des Systems der Verfolgung. Die Gestapo zwingt Krankenbehandlerinnen und Krankenbehandler, über die „Transportfähigkeit“ jüdischer Menschen zu entscheiden. Stellen sie jemanden aus Krankheitsgründen zurück, kann das sein Leben für den Moment retten. Häufig bedeutet es aber, dass ein anderer Mensch deportiert wird.
Am 19. Juli 1942 ist Emma Schindler selbst an der Reihe: Sie wird nach Theresienstadt deportiert. Mit ihr werden an diesem Tag mehr als 800 Menschen aus Hamburg, Lüneburg, Kiel, Lübeck, Reinbek und Elmshorn verschleppt. Theresienstadt ist Ghetto, Sammellager, Durchgangsort in den Tod. Zeitweise leben dort mehr als 40.000 Menschen gleichzeitig auf einem Gelände, das ursprünglich für etwa 7000 vorgesehen war. Hunger, Kälte, Hitze, Schmutz, Enge, Krankheiten. Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto. Etwa 34.000 bis 35.000 starben dort, rund 88.000 wurden weiter deportiert. Nur etwa 23.000 überlebten.
Am 19. Oktober 1944 wird Emma Schindler nach Auschwitz deportiert. Dort wird sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet.Olaf Wunder
Am 19. Oktober 1944 wird Emma Schindler nach Auschwitz deportiert. Dort wird sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet.
Emma Schindler arbeitet weiter. Sie leitet in Theresienstadt eine Augenpoliklinik. Grete Dublon, eine Hamburger Jüdin, die mit demselben Transport deportiert worden war, schreibt im Juli 1945 an Else und Theodor Schindler: „Frl. Dr. Schindler arbeitete als Augenaerztin in der Genie Kaserne in Theresienstadt. Sie hatte viel zu schaffen, ich war oft mit meinen Blinden bei ihr. Alle hatten sie gern, sie war, wie auch in Hamburg, tüchtig.“ In ihrer Arbeit habe Emma Schindler Befriedigung gefunden. Sie sei gesund und munter gewesen, habe „tadellos gepflegt“ ausgesehen und einen angesehenen Posten gehabt.
Im Oktober 1944 wird sie nach Auschwitz gebracht, wo sich ihre Spur verliert
Am 19. Oktober 1944 wird Emma Schindler nach Auschwitz deportiert, gemeinsam mit 1500 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Nach der sogenannten Selektion in Auschwitz-Birkenau werden 169 Frauen und 173 Männer als Häftlinge ins Lager eingewiesen. Die übrigen 1158 Menschen werden in der Gaskammer ermordet. Ob Emma Schindler unter ihnen ist oder zunächst registriert wird, ist unbekannt. Ihre Spur verliert sich. Sie gilt als „verschollen“. 1948 wird sie auf Antrag ihrer Angehörigen durch das Amtsgericht Hamburg auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Dass Emma Schindlers Geschichte heute wieder bekannt ist, ist vor allem Dr. phil. Rebecca Schwoch zu verdanken. Die Historikerin und stellvertretende Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat Schindlers Leben erforscht – und so eine Hamburger Ärztin ins Gedächtnis der Stadt zurückgeholt.
Druckfrisch im Buchhandel: Ein Porträt über Emma Schindler von Rebecca Schwoch, 126 Seiten, 12,90 EuroOlaf Wunder
Druckfrisch im Buchhandel: Ein Porträt über Emma Schindler von Rebecca Schwoch, 126 Seiten, 12,90 Euro
In der Böttgerstraße 5 in Rotherbaum, wo Emma Schindler zuletzt in Hamburg gewohnt hat, erinnert heute ein Stolperstein an sie. Seit dem 4. Juni 2026 trägt auch der Hörsaal der Augenklinik im UKE ihren Namen. Dort, wo sie einst wissenschaftlich gearbeitet hat, wird an sie erinnert als Hamburgerin, Augenärztin und Wissenschaftlerin. Als Frau, der die Nationalsozialisten erst den Beruf nahmen, dann die Freiheit – und schließlich das Leben.
Es ist ein Fall, der hoffentlich niemals eintritt, den aber Experten des Bundesnachrichtendienstes und des Bundesverteidigungsministeriums durchaus für denkbar halten: dass nämlich Russland in zwei, drei Jahren in der Lage und auch willens sein könnte, einen NATO-Staat anzugreifen. Denkbares Ziel: Litauen. In einem solchen Fall würde Deutschland nicht zum Kampf-, aber zum Aufmarschgebiet. Innerhalb kürzester Zeit müssten Hunderttausende NATO-Soldaten per Straße, Schiene und in der Luft einmal quer durch unser Land an die Ostgrenze des Bündnisgebiets verlegt werden, um die russische Armee zu stoppen. Genau dieses Szenario wird vom 25. bis 27. September in Hamburg geübt.
„Red Storm Bravo“ – so heißt das Großmanöver, an dem 500 Soldaten und eine große Zahl an Helfern und Mitarbeitern von Polizei, Feuerwehr und THW beteiligt sind, außerdem Hamburger Behörden und Unternehmen. Die Übung findet in verschiedenen Hamburger Stadtteilen statt. Das Übungsszenario geht davon aus, dass im Hafen bereits große NATO-Truppenkontingente eingetroffen sind, und nun besteht die Herausforderung darin, sie über Straßen und Autobahnen auf den Weg in Richtung Nordosten zu bringen.
Falls Russland das Baltikum angreift, wird Deutschland zum Aufmarschgebiet der NATO
„Sollte Russland beabsichtigen, die NATO zu testen, wird Deutschland zur Drehscheibe für die Verlegung von Truppen und Material an die Ostflanke des Bündnisgebiets“, erläutert der Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, Kapitän zur See Kurt Leonards, die Grundidee von „Red Storm Bravo“. „Der militärische ,Operationsplan Deutschland‘ regelt, was dann zu tun ist. Deshalb üben wir verschiedene Szenarien.“
Kapitän zur See Kurt Leonards, neuer Kommandeur des Landeskommandos Hamburg: „Wenn es uns nicht gelingt, eine glaubwürdige Abschreckung hinzubekommen, dann gibt es wirklich Grund zur Sorge.“Olaf Wunder
Kapitän zur See Kurt Leonards, neuer Kommandeur des Landeskommandos Hamburg: „Wenn es uns nicht gelingt, eine glaubwürdige Abschreckung hinzubekommen, dann gibt es wirklich Grund zur Sorge.“
Während sich „Red Storm Alpha“ im Jahr 2024 auf den Schutz verteidigungswichtiger Infrastruktur im Hamburger Hafen konzentrierte, steht bei „Red Storm Bravo“ die zivil-militärische Zusammenarbeit im Fokus. Ziel der Übung ist es, das Landeskommando Hamburg noch besser auf seine Aufgabe im Bündnisfall vorzubereiten: zum einen die militärische Führung, zum anderen die Koordination und Zusammenarbeit mit den zivilen Institutionen für das Funktionieren der „Drehscheibe Deutschland“ hier im Bundesland zu übernehmen.
An „Red Storm Bravo“ nehmen 500 Soldaten und zahlreiche zivile Akteure teil
Insgesamt werden rund 500 Soldatinnen und Soldaten mit zahlreichen Fahrzeugen und Hubschraubern an „Red Storm Bravo“ teilnehmen. Dazu kommen die Teilnehmer der beteiligten zivilen Institutionen und Unternehmen sowie deren Fahrzeuge und Ausrüstung. Um Beeinträchtigungen für Verkehr und Wirtschaft zu verringern, finden die Truppenbewegungen auf den Straßen in der Nacht statt. Zu rechnen ist unter anderem tagsüber mit Fluglärm durch Hubschrauber sowie einer nächtlichen Kolonnenfahrt im Stadtgebiet.
Zur Koordination der Übung wird eine Operationszentrale in der Reichspräsident-Ebert-Kaserne in Iserbrook eingerichtet und besonders gesichert. Zum Übungsszenario gehören zudem Störfälle wie beispielsweise zahlreiche Verwundete, die die Teilnehmenden vor zusätzliche Herausforderungen stellen werden.
Die Linke ruft zum Protest auf: „Keine Kriegsspiele in Hamburg“
Verschiedene Gruppen protestieren gegen die Übung. Das Bündnis „Gemeinsam gegen ,Red Storm Bravo’“, zu dem auch die linke Bürgerschaftsfraktion gehört, ruft zur Demonstration gegen das Manöver auf. Ein Protestzug wird am Freitag, 26. September, ab 18 Uhr vom Rathausmarkt über den St. Annenplatz zu den Landungsbrücken ziehen. Tenor: „Keine Kriegsspiele in Hamburg“. Kritisiert wird, dass neben logistischen Abläufen zur Truppenverlegung auch die Repression zivilen Widerstands und die Umsetzung des Arbeitssicherstellungsgesetzes gehöre, mit dem Beschäftigte im Kriegsfall zur Zwangsarbeit herangezogen werden könnten.