Emma Schindler gehört zu den ersten Augenärztinnen Hamburgs. Als die Nationalsozialisten sie deportieren, ist sie fast 60 Jahre alt. Sie hat ihr Leben von Anfang an gegen Widerstände geführt. Sie hat sich Bildung erkämpft, weil ihr als Mädchen der Weg aufs Gymnasium versperrt bleibt. Sie hat Medizin studiert, als Frauen in Hörsälen noch die Ausnahme waren. Sie hat promoviert, geforscht, publiziert, eine Praxis geführt und sich in der Hamburger Augenheilkunde einen Namen gemacht.
Mit der NS-Machtübernahme beginnt ihre systematische Entrechtung. Emma Schindler verliert ihre berufliche Grundlage, später darf sie sich nicht einmal mehr Ärztin nennen. 1942 wird sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, das größte NS-Ghetto im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren. Dort arbeitet sie unter unmenschlichen Bedingungen weiter. Schließlich verliert sich ihre Spur in Auschwitz.

Jetzt kehrt ihr Name an einen Ort zurück, der zu ihrem Leben gehört: an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Am 4. Juni hat die Medizinische Fakultät Hamburg den Hörsaal der Augenklinik nach ihr umbenannt. Eine späte Ehrung für eine Frau, deren Geschichte jahrzehntelang fast vergessen war.
Emma Schindler hat Medizin studiert, als Frauen in Hörsälen noch die Ausnahme sind
Emma Schindler wird am 23. Juli 1883 geboren. Der Vater Heinrich Schindler ist Kaufmann, betreibt zusammen mit einem Kompagnon eine Firma, die mit Gerbstoffen handelt. 1886 zieht die Familie von Berlin nach Hamburg, erst nach Eimsbüttel, später nach Harvestehude. 1901 bezieht sie ein Haus in der Hochallee 13.
Emma Schindler wächst behütet auf, in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus. Doch der Weg, der Jungen ihrer Schicht offensteht, bleibt ihr zunächst versperrt. Für Mädchen ist um 1900 keine akademische Laufbahn vorgesehen. Höhere Mädchenschulen bereiten sie auf das Leben vor, das für Frauen ihres Standes vorgesehen ist – nicht auf Abitur, Studium und Beruf. Wer trotzdem studieren will, braucht Geld, Unterstützung und großen Eigensinn.

Emma Schindler nimmt trotzdem Anlauf. Sie besucht Privatschulen und wächst in einem Umfeld auf, in dem Frauen um mehr Bildung und Selbstständigkeit kämpfen. 1909 wird sie an der Staatlichen Kunstgewerbeschule zu Hamburg aufgenommen, der heutigen Hochschule für bildende Künste. Sie belegt Buchausstattung, Modellieren, Papparbeiten, Fotografie und Porträtzeichnen. Ihr Schwerpunkt ist der Kopf: Sie lernt, Gesichter zu betrachten, Linien, Licht und Ausdruck.
Sie macht mit 30 Abitur, um Medizin zu studieren
Früh sucht Emma Schindler auch praktische Aufgaben. Sie hilft in der Haushaltsschule von Agnes Wolffson, einer wichtigen Hamburger Sozialreformerin. 1911 leitet sie im Hammerbrooker Volksheim eine Knabenabteilung. Dort geht es um Fürsorge, Erziehung, soziale Arbeit. Doch Emma Schindler reicht das nicht. Sie will Medizin studieren.
Dafür braucht sie das Abitur. Emma Schindler bereitet sich an einer privaten Anstalt an der Rothenbaumchaussee auf die Prüfung vor. Im September 1913 tritt sie am Johanneum an – als Externe, als „Nichtschülerin“. Sie besteht erst im zweiten Anlauf. Sie muss nachholen, was Jungen selbstverständlich mitbekommen, und beweisen, was ihr lange nicht zugetraut wird.
Als sie das Abitur schafft, ist sie 30 Jahre alt. Zum Wintersemester 1913/14 nimmt sie das Medizinstudium auf. Sie studiert in Freiburg, Kiel, Berlin, Heidelberg und München. Frauen bleiben im Hörsaal Fremde. Sie werden geduldet, geprüft, beobachtet. Als Jüdin erlebt Emma Schindler zusätzlich eine Gesellschaft, in der Antisemitismus längst vor 1933 zum akademischen und bürgerlichen Alltag gehört.

Emma Schindler ist eine der ersten Augenärztinnen Deutschlands
In München schließt Emma Schindler ihr Studium ab. Am 31. Januar 1920 erhält sie die ärztliche Approbation. Da ist sie 36 Jahre alt. Danach kehrt sie nach Hamburg zurück, bildet sich am Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf, dem späteren UKE, in der Augenheilkunde weiter. 1922 richtet sie ihre Augenarzt-Praxis in der elterlichen Wohnung in der Hochallee 13 ein. Rahel Liebeschütz-Plaut, Physiologin, Kollegin und erste habilitierte Ärztin Hamburgs, notiert am 4. September 1922 in ihr Tagebuch, die Praxis sei „rasend elegant eingerichtet“.
1926 ist Emma Schindler die einzige Frau unter 37 Augenärzten in Hamburg. Aber sie will mehr, sie will forschen. Von 1922 bis 1933 ist sie an die Eppendorfer Augenklinik angebunden. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten erscheinen in angesehenen Fachzeitschriften. In der Hamburger Augenärztlichen Gesellschaft trägt sie regelmäßig vor. Der Tübinger Augenarzt und Medizin-Historiker Jens Martin Rohrbach nennt ihre Arbeiten später „für die Zeit bemerkenswert“ und bescheinigt ihr ein „überdurchschnittliches wissenschaftliches Engagement“.
Dann kommt 1933.
Für Emma Schindler wird das Leben enger. Im Juli 1933 verliert sie die Kassenzulassung. Damit bricht ein wichtiger Teil ihrer beruflichen und finanziellen Grundlage weg. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit an der Eppendorfer Augenklinik endet ebenfalls. 1936 verkaufen die Schindlers das Haus in der Hochallee 13. 1937 zieht Emma in den Mittelweg 121 und bietet dort weiter Sprechstunden an.
Ihre Geschwister fliehen vor den Nazis, sie aber bleibt – um der Mutter willen
Ihre Brüder können sich retten. Theodor und seine Frau Else emigrieren mit ihrer Familie nach England. Hans Joachim geht mit seiner Frau in die USA. Emma bleibt in Hamburg. Sie will ihre Mutter nicht allein lassen. Blanca ist 87 Jahre alt und schafft den Weg in die Fremde nicht mehr.
Zum 30. September 1938 verliert Emma Schindler wie alle jüdischen Ärztinnen und Ärzte die Approbation. Von einem Tag auf den anderen darf sie nicht mehr Ärztin sein. In Adressbüchern erscheint sie nun als „Emma Sara Schindler“. „Sara“ ist der Zwangsname für jüdische Frauen, so wie jüdische Männer den Namen „Israel“ tragen müssen. Erst verliert sie die Kassenzulassung, dann die wissenschaftliche Arbeit, dann die Approbation. Nun greift die Entrechtung bis in den Namen hinein.
-
imago/CTK Photo Im 18. Jahrhundert wurde Theresienstadt als Festung erbaut und nach Kaiserin Maria Theresia benannt. Die Nazis nutzten die Stadt dann als Gefängnis – als Ghetto.

Im 18. Jahrhundert wurde Theresienstadt als Festung erbaut und nach Kaiserin Maria Theresia benannt. Die Nazis nutzten die Stadt dann als Gefängnis – als Ghetto. -
Olaf Wunder Zeitweise lebten im Ghetto Theresienstadt mehr als 40.000 Menschen auf einem Gelände, das ursprünglich für rund 7000 Einwohner ausgelegt war.

Zeitweise lebten im Ghetto Theresienstadt mehr als 40.000 Menschen auf einem Gelände, das ursprünglich für rund 7000 Einwohner ausgelegt war. -
IMAGO/H. Tschanz-Hofmann Ghetto Theresienstadt: In diesem Gebäude, der sogenannten „Genie Kaserne“, befand sich während der Nazi-Zeit die augenärztliche Praxis von Emma Schindler.

Ghetto Theresienstadt: In diesem Gebäude, der sogenannten „Genie Kaserne“, befand sich während der Nazi-Zeit die augenärztliche Praxis von Emma Schindler. -
IMAGO/Depositphotos So malerisch der Ort heute auch aussieht – in der NS-Zeit wr er die Hölle auf Erden: Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto, nur 23.000 überlebten, viele wurden weiter deportiert, u. a. nach Auschwitz.

So malerisch der Ort heute auch aussieht – in der NS-Zeit wr er die Hölle auf Erden: Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto, nur 23.000 überlebten, viele wurden weiter deportiert, u. a. nach Auschwitz. -
Olaf Wunder Heute wird Theresienstadt wieder bewohnt, aber viele der Gebäude und ehemaligen Kasernen im einstigen Ghetto zerfallen.

Heute wird Theresienstadt wieder bewohnt, aber viele der Gebäude und ehemaligen Kasernen im einstigen Ghetto zerfallen. -
Olaf Wunder Ghetto Theresienstadt: Dieses Foto vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Umständen die Ghetto-Bewohner leben mussten. Theresienstadt war völlig überfüllt, es gab nie genug zu essen. Heute erinnert ein Museum an diese furchtbare Zeit.

Ghetto Theresienstadt: Dieses Foto vermittelt einen Eindruck davon, unter welchen Umständen die Ghetto-Bewohner leben mussten. Theresienstadt war völlig überfüllt, es gab nie genug zu essen. Heute erinnert ein Museum an diese furchtbare Zeit.
Mutter Blanca Schindler stirbt am 22. Juni 1939 in Hamburg. Emma ist nun allein. Inzwischen sind die Möglichkeiten zur Flucht stark eingeschränkt. Freundinnen und Kollegen sind emigriert, andere werden verfolgt.
Ab Dezember 1940 darf Emma Schindler wieder medizinisch arbeiten – aber nicht als Ärztin, sondern nur als sogenannte „Krankenbehandlerin“. Schon dieses Wort ist Teil der Herabsetzung: Jüdische Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht mehr Ärztinnen und Ärzte heißen. Emma Schindler arbeitet im Israelitischen Krankenhaus, das inzwischen in die Johnsallee 68 in Harvestehude umziehen musste. Dort ist sie die einzige Frau unter den Krankenbehandlern. Mit ihren Kollegen versorgt sie Tausende jüdische Menschen, die in Hamburg geblieben sind.
1942 wird Emma Schindler nach Theresienstadt deportiert, arbeitet dort weiter
Doch diese Hilfe ist Teil des Systems der Verfolgung. Die Gestapo zwingt Krankenbehandlerinnen und Krankenbehandler, über die „Transportfähigkeit“ jüdischer Menschen zu entscheiden. Stellen sie jemanden aus Krankheitsgründen zurück, kann das sein Leben für den Moment retten. Häufig bedeutet es aber, dass ein anderer Mensch deportiert wird.
Am 19. Juli 1942 ist Emma Schindler selbst an der Reihe: Sie wird nach Theresienstadt deportiert. Mit ihr werden an diesem Tag mehr als 800 Menschen aus Hamburg, Lüneburg, Kiel, Lübeck, Reinbek und Elmshorn verschleppt. Theresienstadt ist Ghetto, Sammellager, Durchgangsort in den Tod. Zeitweise leben dort mehr als 40.000 Menschen gleichzeitig auf einem Gelände, das ursprünglich für etwa 7000 vorgesehen war. Hunger, Kälte, Hitze, Schmutz, Enge, Krankheiten. Insgesamt durchliefen mehr als 140.000 Menschen das Ghetto. Etwa 34.000 bis 35.000 starben dort, rund 88.000 wurden weiter deportiert. Nur etwa 23.000 überlebten.

Emma Schindler arbeitet weiter. Sie leitet in Theresienstadt eine Augenpoliklinik. Grete Dublon, eine Hamburger Jüdin, die mit demselben Transport deportiert worden war, schreibt im Juli 1945 an Else und Theodor Schindler: „Frl. Dr. Schindler arbeitete als Augenaerztin in der Genie Kaserne in Theresienstadt. Sie hatte viel zu schaffen, ich war oft mit meinen Blinden bei ihr. Alle hatten sie gern, sie war, wie auch in Hamburg, tüchtig.“ In ihrer Arbeit habe Emma Schindler Befriedigung gefunden. Sie sei gesund und munter gewesen, habe „tadellos gepflegt“ ausgesehen und einen angesehenen Posten gehabt.
Im Oktober 1944 wird sie nach Auschwitz gebracht, wo sich ihre Spur verliert
Am 19. Oktober 1944 wird Emma Schindler nach Auschwitz deportiert, gemeinsam mit 1500 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Nach der sogenannten Selektion in Auschwitz-Birkenau werden 169 Frauen und 173 Männer als Häftlinge ins Lager eingewiesen. Die übrigen 1158 Menschen werden in der Gaskammer ermordet. Ob Emma Schindler unter ihnen ist oder zunächst registriert wird, ist unbekannt. Ihre Spur verliert sich. Sie gilt als „verschollen“. 1948 wird sie auf Antrag ihrer Angehörigen durch das Amtsgericht Hamburg auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Dass Emma Schindlers Geschichte heute wieder bekannt ist, ist vor allem Dr. phil. Rebecca Schwoch zu verdanken. Die Historikerin und stellvertretende Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat Schindlers Leben erforscht – und so eine Hamburger Ärztin ins Gedächtnis der Stadt zurückgeholt.

In der Böttgerstraße 5 in Rotherbaum, wo Emma Schindler zuletzt in Hamburg gewohnt hat, erinnert heute ein Stolperstein an sie. Seit dem 4. Juni 2026 trägt auch der Hörsaal der Augenklinik im UKE ihren Namen. Dort, wo sie einst wissenschaftlich gearbeitet hat, wird an sie erinnert als Hamburgerin, Augenärztin und Wissenschaftlerin. Als Frau, der die Nationalsozialisten erst den Beruf nahmen, dann die Freiheit – und schließlich das Leben.
Jahrzehntelang war sie vergessen: Emma Schindler, die Augenärztin von Theresienstadt wurde gefunden bei mopo.de
