Fliegen, Tweed-Sakkos und Espresso Martinis: In der Hamburger Innenstadt traf sich am Donnerstagabend eine Szene, die sich für klassische Herrenmode begeistert. Anlass war die Vorstellung von Ben Bernschneiders neuem Bestseller „100 Staple Pieces“. Zwischen Safari-Jacken, Maßanzügen und alten Koffern wurde an diesem Abend allerdings erstaunlich wenig über Kleidung gesprochen.
Um kurz nach 19 Uhr wird es eng bei „Rudolf Beaufays“. Der kleine Vintage-Laden nahe des Gänsemarkts ist bis auf den letzten Quadratmeter gefüllt. Zwischen Lederschuhen, Krawatten und britischen Jagdjacken stehen Studenten neben Unternehmern, Anfangzwanziger neben Männern, die doppelt und dreimal so alt sind. Draußen posieren Gäste in Dinnerjackets und Fliegen für Gruppenfotos, drinnen wird der Verkaufstresen zur Cocktailbar.
Anlass des Abends: Ben Bernschneiders Wunschliste für Gentlemen
Der Anlass: Bernschneider stellt sein Buch „100 Staple Pieces – Die Wunschliste des modernen Gentleman“ (Ullstein Extra, 224 Seiten, 23 Euro) vor. Darin versammelt der Wahl-Hamburger 100 Stücke, die ihn über Jahre begleitet haben. Trenchcoat, Cordanzug, Oxford-Schuh oder Safari-Jacke. Letztere stammt von Gastgeberin Meisun Farhat. Die von ihr entworfene Jacke hat es als eines der „Staple Pieces“ ins Buch geschafft.

Wer Bernschneider zuhört, merkt allerdings schnell, dass sein Buch keine Anleitung zum richtigen Anziehen sein will. Im Vorwort des Abends und des Buches bezeichnet er dies ausdrücklich nicht als „Stiftung Warentest für Kleidung und Accessoires“. Es geht ihm weniger um Stilregeln als um persönliche Geschichten und die Freude an Dingen, die beständig sind.
Der Gentleman von heute „kommt gar nicht über die Klamotte“
Die Szene pflegt ihre Eigenheiten, weiß aber auch um ihre Eigenheiten. Niemand wirkt so, als wolle er anderen erklären, wie man sich anzuziehen hat. Genau dagegen richtet sich Bernschneider. Ein Gentleman komme „gar nicht über die Klamotte“, sagt er im Interview. Viel wichtiger seien „ein bisschen Respekt vor anderen Menschen, ein bisschen Empathie und ein bisschen zuhören können“.
Gerade darin sieht er auch einen Gegenentwurf zu manchen Vorbildern der vergangenen Jahre. Härte und Dominanz hätten oft mehr Aufmerksamkeit bekommen als Höflichkeit oder Taktgefühl. Das beginne etwa „In dem Moment, wo du einer Frau mehr zuhörst, als du ihr erklären willst. Das ist doch einfach Common Sense.“
„Ein Sakko oder eine Chino reichen völlig“
Dass Bernschneider heute über Loafer und Safari-Jacken schreibt, bedeutet nicht, dass er schon immer so aussah, als könne er den nächsten Bond verkörpern. Als Jugendlicher war der heute 50-Jährige Skater und Punk. Bis heute stört ihn vor allem Schubladendenken. Männer würden sich oft zu wenig trauen, sagt er. Wer anfangen wolle, sich mit klassischer Herrenmode zu beschäftigen, müsse nicht gleich zum Maßanzug greifen. „Ein Sakko oder eine Chino reichen völlig.“

Gastgeberin Meisun Farhat beobachtet die Szene als Inhaberin von „Rudolf Beaufays“ seit Jahren. Die Gentlemen’s Night veranstaltet sie bereits seit 2015. Das Publikum sei größer und jünger geworden. „Vom Studenten bis zur Hollywood-Schauspielerin ist alles dabei“, sagt sie. Dass sie als Frau einen Laden für klassische Herrenmode führt, sieht sie als Vorteil: „Die Herren vertrauen mir in Stilfragen.“
„Ein Arschloch im Anzug bleibt ein Arschloch“
Gleichzeitig wundert sie sich, dass sich viele Hamburgerinnen noch immer nicht stärker an Herrenmode herantrauen. „In Paris oder London wäre das total unproblematisch“, sagt Farhat, die selbst häufig Mäntel oder Trenchcoats aus der Herrenabteilung trägt. Wer erstmals in ihre Welt eintauchen will, müsse nicht tief in die Tasche greifen. Eine Vintage-Krawatte gibt es bereits für 25 Euro. Das teuerste Stück im Laden ist derzeit ein maßgefertigter Mantel aus den 1980er Jahren mit Kaschmir und Nerzfutter für 2400 Euro.

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Vielleicht erklärt genau das den Reiz dieses Abends. Zwischen Cocktails, Krawatten und Cordanzügen ist die Mode am Ende nur die äußere Form. Die eigentliche Idee des Gentlemans beginnt für Bernschneider mit Respekt, Empathie und der Fähigkeit zuzuhören. Oder, wie er es formuliert: „Ein Arschloch im Anzug bleibt ein Arschloch.“
Ben Bernschneider in Hamburg: „Ein Arschloch im Anzug bleibt ein Arschloch“ wurde gefunden bei mopo.de
