Es ist eine schockierende Zahl: Allein im Januar sind in Hamburg 15 wohnungslose Menschen gestorben, das ist alle zwei Tage eine Person. Schon jetzt deutet sich damit an, dass Hamburg auf einen traurigen Höchststand bei toten Obdachlosen in diesem Jahr zusteuert. Warum das so ist, erklärt Jörn Sturm (59), Geschäftsführer von „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht er über Allerwelts-Infektionen, die tödlich enden, erfrorene Obdachlose in Zelten und überlaufene Unterkünfte, in denen einem nachts die Schuhe geklaut werden.
MOPO: Herr Sturm, von Anfang bis Ende Januar sind 15 wohnungslose Hamburger:innen gestorben. Macht Ihnen diese Zahl große Sorgen?
Jörn Sturm: Sehr große Sorgen. Und zwar, weil es eine Zahl ist, die auf die Nöte auf Hamburgs Straßen aufmerksam macht. Der Gesundheitszustand der Menschen, die auf der Straße leben, ist in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Das Elend ist gewachsen. Und jetzt findet es Ausdruck in dieser Zahl, in den Schicksalen von diesen 15 Menschen.

Wenn man die Zahl im Vergleich zu den letzten Jahren anschaut, sind es überdurchschnittlich viele Tote?
So einfach kann man das nicht sagen, auch weil die Zahlen so nicht erhoben werden, sondern mit Hilfe von Angaben der Rechtsmedizin, der Staatsanwaltschaft, der Polizei und Bürgerschaftsanfragen ermittelt werden. Zudem gibt es verschiedene Gründe, weshalb die Leute gestorben sind. Aber es sind viele, und wenn wir auf das ganze Jahr schauen, das noch vor uns liegt, und es so weitergeht, dann werden wir eine erhebliche Steigerung haben, was die Zahl der Toten angeht.
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Sie meinten gerade, es gibt verschiedene Gründe. Welche sind das?
Der erste Grund ist, dass die Menschen krank sind, und zwar sehr krank. Es kann sein, dass sich vermeintlich harmlose Erkältungen aufgrund von Vorerkrankungen lebensgefährlich entwickeln. Durch die niedrigen Temperaturen und den Winter sind in unserer Gesellschaft aktuell viele krank. Das überträgt sich ja auch auf die Menschen, die auf der Straße leben. Zusätzlich gibt es Menschen, wie den auf der Lombardsbrücke, die draußen erfrieren.

Wo sind die Menschen noch gestorben?
Ein Teil ist im Winternotprogramm gestorben, ein anderer auf der Straße oder in Krankenhäusern. Es sind auch einige in Wohnungen von Bekannten gestorben.
Notunterkunft in Hamburg: „Das ist keine Klassenfahrt, wo der Lehrer um 22 Uhr das Licht ausmacht“
Gibt es in den Notunterkünften medizinisches Personal, das sich um die Kranken kümmern kann?
Wirklich behandelnde Ärzte gibt es dort nicht. Zu bestimmten Zeiten sind Menschen da, die unterstützend wirken können. In der Friesenstraße gibt es tagsüber Pflegedienste, die ein sehr niedrigschwelliges Angebot haben. Sie wechseln etwa Verbände oder verteilen Medikamente. Aber dass die Menschen in den Einrichtungen von Ärzten behandelt werden, das gibt es nicht. Dafür gibt es die Krankenstube auf St. Pauli oder auch die Arzt- und Zahnmobile, die durch die Gegend fahren.
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Wie nehmen denn die obdachlosen Menschen die Notunterkünfte wahr?
Ich denke, man muss sich selbst mal vergegenwärtigen, was es bedeutet, sich mit 300 Leuten ein Haus zu teilen. Viele der Menschen haben psychische oder Suchtprobleme. Das ist für die Leute keine Klassenfahrt, wo der Lehrer um 22 Uhr das Licht ausmacht und sagt: „Jetzt ist Ruhe.“ In den Unterkünften ist die ganze Nacht Unruhe. Die Leute kommen nicht zum Schlafen oder stellen am nächsten Morgen fest, dass ihre Schuhe weg sind.
Welche Forderungen haben Sie an die Politik, um die Situation der Menschen auf der Straße zu verbessern?
Wir fordern eine ganztägige Öffnung der Notunterkünfte und mehr Beratungsangebote im Winternotprogramm. Mehr Zugänge zu Therapien, sodass die Leute die Möglichkeit haben, sich einen Perspektivwechsel vorzustellen. Und die ganz große Nummer: Wir brauchen definitiv mehr Wohnraum für wohnungslose Menschen. Diese Leute haben auf dem umkämpften Hamburger Wohnungsmarkt keine Chance.
Unsere Erfahrung ist, dass, wenn man den Leuten einen Schutzraum gibt, von dem sie sich sicher sein können, dass sie ihn die nächste Zeit noch haben, die Menschen dann Zeit haben, sich Optionen für ihre Zukunft auszumalen. In dem Winternotprogramm, wie wir es haben, verwenden die obdachlosen Menschen ihre ganze Energie darauf, die nächsten 24 Stunden zu überleben.
15 tote Wohnungslose in einem Monat: „Das Elend wächst, ich mache mir große Sorgen“ wurde gefunden bei mopo.de
