Eine junge Frau steht auf einem Hamburger Bahnsteig und wartet auf die U-Bahn. So wie Hunderttausende jeden Tag. Plötzlich krallt sich ein Mann die 18-Jährige, zerrt sie vor die einfahrende Bahn und tötet damit sie und sich selbst. Ein grausames Verbrechen, das weit über Hamburg hinaus für Aufsehen sorgt. Denn es weckt tiefsitzende Ängste, die jeder kennt, der regelmäßig Bahn fährt. Doch das Verbrechen hat auch eine politische Dimension. Umso problematischer ist das Schweigen der Politiker in diesem Fall.
Was Ariop A. zu seiner Wahnsinnstat trieb? Warum er Fatemeh D. getötet hat? Wir wissen es nicht. Ariop und Fatemeh – dass Täter und Opfer so heißen, wissen wir auch nur, weil Journalisten der „Bild“ an die Akte des Täters gelangt sind. Aus inoffiziellen Quellen wissen wir auch, dass der Südsudanese Ariop A. über ein Aufnahmeprogramm aus einem Flüchtlingslager in Kenia nach Deutschland geflogen wurde. Dass er dann in Wandsbek in einem Containerdorf lebte. Dass er dort immer wieder gewalttätig auffiel.
U-Bahn-Mord in Hamburg: SPD und Grüne überlassen der AfD das Feld
Offizielle Informationen gibt es zum Fall vier Tage nach der Tat so gut wie keine. Polizei und Staatsanwaltschaft mauern, die Innenbehörde schweigt, genauso wie Senat und Regierungsfraktionen.
Das ist nicht gut. Denn wo Informationen fehlen, gedeihen die Gerüchte. Und davon sind schon viele in Umlauf. Es ist auch keine gute Idee, wenn SPD und Grüne zu dem Fall komplett schweigen.
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Dabei geht es nicht darum, jetzt möglichst markige Forderungen rauszuhauen. Sondern Anteilnahme zu zeigen, Problembewusstsein zu signalisieren. Und das Feld nicht komplett der AfD mit ihrer Mischung aus Stimmungsmache und Desinformation zu überlassen, die z.B. jetzt behauptet, der Täter sei ausreisepflichtiger Straftäter gewesen, wofür es zumindest derzeit keine Hinweise gibt. Nach allem, was bekannt ist, hatte Ariop A. einen gültigen Aufenthaltstitel.
Es ist auch die AfD, die für Sonntagnachmittag zu einer „Gedenk- und Mahnwache“ am Wandsbeker Bahnhof aufruft, nicht SPD oder Grüne. Durch dieses Schweigen drängt sich der Eindruck auf, der Fall soll als tragisches, aber nun mal nicht zu verhinderndes Verbrechen zu den Akten gelegt werden. Täter tot, Opfer tot, keine weitere Debatte notwendig.
Frau in Wandsbek vor Zug gestoßen: Gibt es eine politische Mitverantwortung?
Doch so einfach ist es nicht. Denn die Frage stellt sich, ob es auch eine politische Mitverantwortung für den Tod von Fatemeh gibt.
Wieso fliegen wir junge Männer aus Kriegsgebieten ins Land, wenn unsere Systeme eh schon völlig überlastet sind und wir uns nicht anständig um diese Menschen kümmern können? Wenn wir nichts anderes machen (können), als sie in ein Containerdorf zu stecken, wo sie mit anderen traumatisierten jungen Männern aus anderen Kriegsgebieten rumsitzen, mit monatlichen Überweisungen ruhig gestellt werden und oftmals zu Drogen und Alkohol greifen?
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Natürlich können wir jetzt über neue Sicherheitssysteme an Bahngleisen diskutieren. So wie wir Messer- und Waffenverbotszonen und Pollerabsperrungen eingeführt haben. Das löst aber das Grundproblem nicht: Dass hier viel zu viele entwurzelte Menschen jahrelang in Unterkünften sich selbst überlassen werden und ein kleiner Teil davon irgendwann durchdreht. Man würde gerne von SPD und Grünen in Bund und in Hamburg wissen, ob unter diesen Voraussetzungen die von ihnen forcierten Aufnahmeprogramme fortgeführt werden sollen.
Der Fall in Hamburg war nicht der erste dieser Art
Wandsbek war auch nicht der erste Fall dieser Art. Vor einem halben Jahr wurde im niedersächsischen Friedland die 16-jährige Liana K. von einem irakischen Asylbewerber (31) vor einen Güterzug gestoßen, auch er zuvor mehrfach auffällig. Die Jugendliche starb. Ein Jahr zuvor stieß im Uelzener Bahnhof ein marokkanischer Asylbewerber (18) einen 55-Jährigen eine Treppe am Bahnsteig runter. Der Vater einer Tochter, der einst selbst vor den Taliban geflohen war, starb. 2019 stieß ein Flüchtling aus Eritrea eine Mutter mit ihrem Sohn in Frankfurt vor einen Zug, der Junge starb. In allen Fällen kamen die Täter danach in die Psychiatrie bzw. sollen in eine kommen.
Der U-Bahn-Mord (als Mord wurde die Tat vor Gericht bewertet) in Frankfurt löste eine breite Debatte aus. Im Landtag gab es eine Schweigeminute, der Ministerpräsident hielt eine Rede, der Bundesinnenminister äußerte sich, es wurde am Gleis ein Gedenkort für Leo (†8) eingerichtet und Spenden für die Familie gesammelt. In Hamburg wurden bislang nur die Blumen für Fatemeh am Tatort geklaut.
Der U-Bahn-Mord und das Schweigen der Politiker wurde gefunden bei mopo.de
