Draußen sind minus 6 Grad und in der Barclays Arena tut sich ganz und gar Außergewöhnliches. Eine fast 38 Jahre alte Metal-Band spielt – und die Halle ist bis unters Dach gefüllt – mit vorwiegend jungen Menschen. Die Deftones haben schon unendlich viele Gesetze der Branche gebrochen – und am Sonntagabend ein Konzert von phänomenaler Größe und Dichte gespielt.
Chino Moreno ist 52 Jahre alt. Und wie er da so in das weite Rund dieser Arena blickt, da meint man zu spüren, dass der Typ sich denkt: Das gibt’s doch alles nicht. Die Band aus Sacramento, Kalifornien, wurde in den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends mit der Nu-Metal-Bandwelle nach oben gespült. Vor mehr als 30 Jahren. Und vieles von dem, was damals so über die Crossover-Dancefloors des Landes gepumpt wurde, wirkt heute bestenfalls ein bisschen albern, schlimmstenfalls clownesk. Aber die Deftones? Never nicht.
Deftones in Hamburg: In ihrer eigenen Liga
Moreno und seine Mitstreiter hatten immer mehr Stil, Tiefe, Herz und Größe als klötenlastige Bolztruppen wie Limp Bizkit oder die Freakshow-Rocker von Korn. Sie hatten Riffs schwer wie Tanklastzüge, den Groove des Hiphop, aber eben auch immer: einen Sinn für morbide Romantik. Die Eleganz in all der Brutalität ließ sie immer in ihrer eigenen Liga spielen.
„White Pony“ heißt das Über-Album der Bandgeschichte. Es ist aus dem Jahr 2000. Und es ist, das kann man so sagen, weitgehend makellos. Legendär. Wunderbar. Aber an solchen Alben verzweifeln Bands, weil: Was soll danach kommen? Die Deftones haben einfach weitergemacht. Und auch das ist völlig untypisch: Sie haben bis heute ausnahmslos gute bis sehr gute Alben veröffentlicht.
Nicht, dass das in Deutschland je sehr viele Menschen interessiert hätte. Die Deftones waren stets maximal ein mittelgroßes Insider-Ding.
Warum sind hier plötzlich so verdammt viele Menschen?!
Und heute? 12.000 Menschen?! Was zur Hölle?
Was man sieht: Viele Frauen sind da. Und viele Röcke sind trotz der Bitterkälte sehr kurz. Dass die Deftones sexy waren, war immer Teil ihrer Besonderheit. Und sexy sind sie noch immer.
21.15 Uhr, es geht los mit „Be Quiet and Drive (Far Away)“. Der bringt das Deftones-Phänomen schon gut auf den Punkt, mit der Wehmut und der Brüchigkeit in Morenos Stimme, den mahlenden Wagenrad-Riffs und diesem stets federnden Beat. Die Bühne ist groß und leer, Moreno braucht Platz zum Rennen und Springen, das macht der gelernte Skate-Profi sehr leichtfüßig, drahtig und agil. Wo vor 20 Jahren Deftones-Konzerte oft auch Suff und Delirium waren, ist heute alles tight, klar, blitzblank in seiner unpolierten Patina.
Auf der riesigen Leinwand im Hintergrund rollen Wellen und Brandung. Lava und Feuer. Berggipfel und Manga-Clips. Schwebende Balletttänzerinnen. Die Kameraufnahmen der Bandmitglieder verschmelzen mit den Clips, werden quasi hineingemorpht. Die Gen-Z-Fans haben das Handy im Daueranschlag.
TikTok und Gen-Z-Fans: Deftones sind immer noch sexy
Das sieht aber auch alles verdammt gut aus. Und das hilft eben – und ist auch der Hintergrund für den Massenauflauf hier. Die Deftones haben sich mit TikTok-Clips eine grassrootsartige neue Fanschar zugelegt, die größer ist als ihre alte. Und niemand weiß so richtig, wie das passiert ist. Aber es geschah jedenfalls zu Recht.
Man muss nur „Rosemary“ hören, mit seinen wabernd angeschlagenen Delay-Tönen, wie es dann Fahrt aufnimmt und wuchtig und geradezu spirituell riesig wird.
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Denn da ist neben all dem Geballer eben oft Schwerelosigkeit in den Deftones-Songs. Nicht so weltraummäßig, eher als wäre man in lauschig warmen Methylalkohol eingelegt. „Sextape“ ist auch so ein Song. Und Morenos unverkennbare Stimme, irgendwie immer brüchig, mal klagend, mal fauchend, mal torkelnd.
Erstmal Wehmut – dann das Highlight des Abends
Was auch geht: bellen, keifen, zettern – aber jetzt erstmal Wehmut. „Hole in the Earth“ kommt und die Menschen wiegen sich.
Der vermutlich beste Song der Deftones ist „Change (In The House Of Flies)“: Der Groove. Das sinistre Geraune. Der epische Refrain. Und natürlich ist er das Highlight des Abends, beleuchtet von einer riesigen roten Sonne.
Und irgendwann später, nach Punkt 90 Minuten, ist Schluss. Das ist eben alles sehr kontrolliert und straight bei den Deftones im Jahr 2026. Und verdichtet und auf den Punkt. Aber nichts hat man vermisst. Toll, wie gut man reifen kann!
Supernova des Dark-Pop-Metal: Deftones bringen Teens zum Schwelgen – nach 38 Jahren wurde gefunden bei mopo.de
