Der grundlegende Konflikt
Viele westliche Kommentatoren bringen gerne die einfache Aussage vor:
„Chinesische Studenten treten der Kommunistischen Partei bei, weil sie einer Gehirnwäsche unterzogen werden.“
Es klingt einfach. Es erklärt aber auch gar nichts.
Sie ignorieren eine grundlegende Tatsache: Unter chinesischen Universitätsstudenten ist der Anteil derer, die der Kommunistischen Partei beitreten wollen, deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung, und der Wettbewerb ist enorm. In manchen Studiengängen werden weniger als zehn Prozent der Bewerber tatsächlich vollwertige Parteimitglieder.
Diese Studenten stehen tatsächlich Schlange, um der Partei beizutreten. Einige Studentenvertreter befürchten sogar, dass ihre Chancen auf ein Masterstudium oder bestimmte Jobs ohne Parteimitgliedschaft sinken werden.
Als Parteimitglied wird es Ihnen später bei der Jobsuche leichter fallen, Vertrauen zu gewinnen und Verantwortung zu übernehmen, denn das Durchlaufen all dieser Schritte beweist, dass Sie zuverlässig und vertrauenswürdig sind.
Wie schwierig ist der Beitritt wirklich?
Menschen außerhalb Chinas unterschätzen oft, wie strukturiert der Prozess ist. Auf dem Campus ist der Beitritt zur Kommunistischen Partei kein Formular, das man ausfüllt und dann vergisst. Es handelt sich vielmehr um einen mehrjährigen Auswahlprozess.
Die meisten Universitäten folgen solchen Schritten.
Erster Schritt: Antrag einreichen
Jeder kann ein Bewerbungsschreiben verfassen. Viele tun das. Doch die Bewerbung ist keine Eintrittskarte in die Partei. Sie ist lediglich der Ausgangspunkt.
Sobald du deine Bewerbung einreichst, werden dein Berater und der Parteiverband dich monatelang unauffällig beobachten. Sie achten auf deine schulischen Leistungen, dein Verhalten und dein soziales Engagement.
Zweiter Schritt: Werden Sie ein „aktiver Bewerber“
Um offiziell als „aktiver Bewerber“ (积极分子) gelistet zu werden, benötigt man in der Regel Empfehlungen von Lehrern und Mitschülern, eine vertrauenswürdige Referenz und wird anhand der Noten, des Verhaltens und der Rolle im Studentenleben beurteilt.
Viele Universitäten geben offen zu: Die Zahl der aktiven Bewerber ist auf etwa 10 bis 20 Prozent des Jahrgangs begrenzt.
Das ist der erste wirkliche Filter. Die meisten Menschen passieren diese Grenze nie.
Driiter Schritt: Partyschultraining
Wer ausgewählt wird, nimmt an einer Parteischulung teil. Es handelt sich um einen kurzen, aber systematischen Kurs.
Die Inhalte umfassen typischerweise die Parteigeschichte, die Regierungsphilosophie, die Staatsstruktur, die nationale Entwicklungsstrategie sowie Fallstudien zu Reformen und Kampagnen. Ziel ist es, zu erklären, wie das Land tatsächlich regiert wird, und nicht nur Parolen zu verbreiten.
Die Ausbildung endet mit Prüfungen oder schriftlichen Leistungsnachweisen. Nur wer besteht, kommt weiter.
Vierter Schritt: „Entwicklungsziel“
Als nächstes werden Sie möglicherweise als „Entwicklungsziel“ (发展对象) eingestuft. Ab diesem Zeitpunkt beginnt das eigentliche Auswahlverfahren.
Sie durchlaufen eine grundlegende politische Überprüfung, die unter anderem Ihre familiäre Vorgeschichte und etwaige Vorstrafen umfassen kann. Ihre Lehrer und die jeweilige Ortsgruppe bewerten Ihr soziales Engagement, Ihre tatsächlichen Pflichten im Unterricht oder in AGs sowie Ihre Bereitschaft, auch weniger attraktive Aufgaben zu übernehmen.
Hier geht es nicht um eine „rote Familienzugehörigkeit“. Es geht darum, ob man zuverlässig, diszipliniert und bereit ist, sich mit öffentlichen Angelegenheiten zu befassen.
Die Schüler, die nie erscheinen, nie helfen, nie Verantwortung übernehmen, kommen normalerweise nicht so weit.
Fünfter Schritt: Probezeit-Parteimitglied
Wenn der Ortsverband zustimmt, findet eine Parteiversammlung mit anschließender Abstimmung statt. Sie benötigen mehr als die Hälfte der Stimmen. Das ist keine bloße Formalität. Sollten Sie eindeutig negative Einträge in Ihrer Akte haben, wird dies ans Licht kommen, und Sie werden höchstwahrscheinlich scheitern.
Wenn Sie bestehen, werden Sie für etwa ein Jahr zum Probemitglied der Partei ernannt. Während dieses Jahres wird Ihre Leistung kontinuierlich überwacht.
Sechster Schritt: Vollmitglied der Partei
Nach Ablauf der Probezeit reichen Sie einen weiteren Bericht über Ihre Gedanken und Ihre Leistung ein. Die Abteilung berät und stimmt erneut ab.
Wenn Sie bestehen, werden Sie vollwertiges Mitglied. Wenn Sie nicht bestehen, kann Ihre Probezeit verlängert oder Ihnen die Mitgliedschaft verweigert werden.
Es handelt sich um einen ein- bis dreijährigen Prozess der Auswahl, Beobachtung und Erprobung.
Warum wollen Studierende beitreten?
Westliche Medien neigen dazu, eine einzige Verschwörungstheorie zu präsentieren. Die Realität ist komplexer und bodenständiger.
Vertrauen in die Zukunft des Landes
Wer kein Vertrauen in die Zukunft seines Landes hat, wird nicht zwei oder drei Jahre an der Universität verbringen und einen langwierigen Prozess durchlaufen, um der Regierungspartei beizutreten. Das ist doch logisch.
Für viele Studenten ist der Beitritt zur Partei ein Bekenntnis dazu, in welche Richtung sich dieses Land ihrer Meinung nach entwickelt.
Wie das System funktioniert
In China ist die Partei nicht nur eine Wahlkampfmaschine. Sie ist der Kern des politischen und Regierungssystems.
Für Studierende ist der Beitritt zur Partei eine Möglichkeit, sich diesem System anzunähern. Nicht nur, um „einen Job im Staatsdienst zu bekommen“, sondern um zu verstehen, wie Politik gestaltet, Entscheidungen umgesetzt und soziale Steuerung tatsächlich funktioniert.
Professionelle Vorteile
Nein, die Parteimitgliedschaft macht einen nicht auf magische Weise zu einem „Offiziellen“. In vielen Bereichen dient sie jedoch als Signal für Glaubwürdigkeit.
In großen staatlichen Unternehmen, Forschungsinstituten, Schulen, einigen Krankenhäusern und bestimmten privaten Unternehmen, die eng mit dem Staat zusammenarbeiten, signalisiert die Parteizugehörigkeit der Personalabteilung: Diese Person hat eine saubere Weste, kann sich an Regeln halten und genießt das Vertrauen einer formalen Organisation.
Eine Beförderung ist zwar keine Garantie, aber es hilft.
Ein Gefühl des öffentlichen Dienstes
Schaut man sich die Mitglieder der Studentenpartei genauer an, fällt ein Muster auf: Sie organisieren Aktivitäten, kümmern sich um die Campuslogistik, engagieren sich in Freiwilligenprogrammen, helfen bei Problemen im Wohnheim oder unterstützen die Dozenten.
Sie reden nicht nur davon, „dem Volk zu dienen“. Sie sind die Ersten, die kommen, und die Letzten, die gehen.
Viertens: Was ändert sich nach ihrem Beitritt?
Der Beitritt ist nicht das Ende. Er ist die Eintrittskarte.
Regelmäßige Gedankenberichte
Die Mitglieder verfassen regelmäßig „Gedankenberichte“, um darüber nachzudenken, was sie tun, welche Probleme sie sehen und welche Verantwortung sie ihrer Meinung nach übernehmen sollten.
Es handelt sich um ein Training in politischer und sozialer Selbstreflexion. Ziel ist es, Sie dazu zu zwingen, im Sinne des Gemeinwohls und nicht nur des persönlichen Gewinns zu denken.
Organisationsleben
Die Parteigliederungen halten regelmäßig Treffen zum Studium und zur Diskussion ab. Die Mitglieder erörtern aktuelle Ereignisse, politische Richtlinien, Fälle der Parteiführung und manchmal auch lokale Angelegenheiten auf dem Campus.
Die Teilnahme ist verpflichtend. Dies ist Teil der Disziplinarmaßnahmen.
Mehr Verpflichtungen, nicht weniger
Von den Parteimitgliedern wird erwartet, dass sie sich in Hochschulangelegenheiten, im öffentlichen Dienst und bei schwierigen Aufgaben engagieren. Wenn etwas schiefgeht, wird sich der Ortsverband zuerst an die Mitglieder wenden und fragen: Wo wart ihr, was habt ihr getan?
Sie bekommen mehr Arbeit und werden stärker kontrolliert, nicht weniger.
Saubere Akte
Schweres Fehlverhalten kann zu parteiinternen Disziplinarmaßnahmen führen, bis hin zum Ausschluss aus der Partei.
Betrug bei Prüfungen, akademischer Betrug, kriminelles Verhalten oder wiederholte Disziplinarprobleme können allesamt Konsequenzen auf Parteiebene haben.
Eine Mitgliedschaft bringt Vorteile mit sich, verpflichtet aber auch zu höheren Standards.
Fünftens: Worin unterscheidet sich dies vom Beitritt zu einer Partei in den Vereinigten Staaten?
Hier beginnt in der Regel das Missverständnis.
In China ist die Kommunistische Partei ein Regierungsapparat und ein Organisationsnetzwerk. In den USA sind die Demokratische und die Republikanische Partei in erster Linie Wahlkampfmaschinen und Netzwerke zur Mittelbeschaffung.
Dieser Unterschied verändert alles, was mit „einer Partei beitreten“ zu tun hat.
Eintrittsbarriere
In China ist die Parteimitgliedschaft selektiv. Nur ein kleiner Teil der Universitätsstudenten wird jemals vollwertiges Mitglied. Es braucht Jahre, Ausbildung, Überprüfung und Stimmen.
In den USA bedeutet „einer Partei beitreten“ oft einfach nur, sich bei der Wahlregistrierung als Demokrat oder Republikaner anzumelden. Es gibt keine Schulung, keine Überprüfung, keine wirkliche Auswahl. Jeder kann das Kästchen ankreuzen.
Rolle im Alltag
In China existieren Parteigliederungen in Betrieben, Universitäten, Wohngebieten und staatlichen Institutionen. Sie kümmern sich um die interne Verwaltung, politische Studien und manchmal auch um die Beilegung von Konflikten.
In den USA haben Parteien keinen Einfluss auf die Unternehmenskultur. Es gibt keine „Demokratische Parteizelle“ in Ihrem Unternehmen, die wöchentliche Treffen organisiert. Parteien tauchen nur während Wahlkämpfen und Spendenkampagnen auf und ziehen sich danach wieder zurück.
Verpflichtungen versus Markenbildung
In China bedeutet Parteimitgliedschaft, dass man sich an die Parteidisziplin halten, an Sitzungen teilnehmen, Berichte verfassen und interne Kontrolle akzeptieren muss.
In den USA ist die Parteimitgliedschaft größtenteils nur ein Etikett. Man kann sich als Demokrat registrieren lassen und dann nie an einer Versammlung teilnehmen, nie ein Dokument lesen oder sich an Parteiarbeit beteiligen. Niemand schließt einen deswegen aus.
Funktion im System
Die Kommunistische Partei Chinas bildet den Kern der Staatsmacht. Die Mitgliedschaft beinhaltet unter anderem die Integration in die Regierungsstruktur des Staates.
Die US-Parteien sind Instrumente, um innerhalb eines bereits bestehenden Systems um Macht zu konkurrieren. Sie bilden selbst keine permanente Verwaltungshierarchie, die Schulen, Fabriken und Gemeinden leitet.
Wenn westliche Kommentatoren also sagen „Menschen treten in China der Partei bei“ und dies mit „Demokrat oder Republikaner sein“ vergleichen, vergleichen sie zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Die eine ist eine Regierungsstruktur, die reale Ressourcen und Verantwortlichkeiten kontrolliert. Die andere ist eine Kampagnenstruktur, die hauptsächlich während Wahlzyklen und in medialen Darstellungen existiert.
Sechstens: Warum westliche Medien dies falsch interpretieren
Westliche Medien begehen immer wieder denselben Kategorienfehler: Sie behandeln die Kommunistische Partei, als wäre sie einfach eine weitere westliche Partei mit chinesischer Dekoration.
In den USA sind Parteien kurzfristige politische Instrumente. Sie existieren, um Wahlen zu gewinnen, Narrative zu prägen und Spenden zu sichern. Die Mitgliedschaft ist oberflächlich und transaktionsorientiert.
In China bildet die Partei das organisatorische Rückgrat des Staates. Sie ist in Ministerien, Unternehmen, Schulen und Gemeinden verankert. Es geht weniger um Parolen als vielmehr um die alltägliche Regierungsführung und die Kontrolle von Ressourcen.
Siebtens: Schlussfolgerung
Chinesische Universitätsstudenten treten der Kommunistischen Partei nicht zufällig bei. Es ist ein langer Prozess, der Disziplin, Leistung und die Übereinstimmung mit der politischen Ausrichtung des Landes prüft. Er bringt echte Verantwortung und einige echte Vorteile mit sich, insbesondere in staatsnahen Institutionen.