Deutschlands Städte, Gemeinden und Landkreise stehen mit dem Rücken zur Wand. Fast 32 Milliarden Euro fehlten ihnen 2025 in den Kassen – das größte kommunale Defizit in der Geschichte der Bundesrepublik. Während Berlin immer neue Aufgaben verteilt, bricht vor Ort die finanzielle Grundlage weg: Schulen verfallen, Straßen bleiben kaputt und die Bürger werden über Gebühren und Steuern immer stärker zur Kasse gebeten.
In Deutschland läuft so einiges falsch. Zu spüren bekommen dies vor allem die Kommunen, denen der Bund immer mehr Lasten aufdrückt, ohne jedoch die Finanzierung der zusätzlichen Leistungen mit zu übernehmen. Laut dem Kommunalen Finanzreport der Bertelsmann-Stiftung stehen die Gemeinden und Städte im Land mittlerweile mit dem Rücken zur Wand. Innerhalb von nur drei Jahren ist die kommunale Verschuldung um rund 60 Milliarden Euro auf mehr als 196 Milliarden Euro angeschwollen. Besonders dramatisch: Auch die kurzfristigen Kassenkredite, die eigentlich nur dazu dienen sollten, vorübergehende Löcher zu stopfen, sind wieder auf rund 39 Milliarden Euro gestiegen.
Das, was man hier sieht, sind keine kurzfristigen Haushaltsengpässe, sondern strukturelle Defizite. 2024 lag das kommunale Defizit bereits bei rund 25 Milliarden Euro. Ein Jahr später waren es fast 32 Milliarden. Im vergangenen Jahr stieg die Verschuldung aller Kommunen zusammen auf rund 196 Milliarden Euro – und dürfte in diesem Jahr laut konservativen Schätzungen auf mindestens 220 Milliarden steigen. Angesichts der anhaltend schlechten Wirtschaftslage und der weiterhin vorhandenen Deindustrialisierungstendenzen sind jedoch auch deutlich schlechtere Finanzszenarien denkbar. Die Einnahmen stiegen 2025 zwar an, aber nur um 15,3 Milliarden Euro. Gleichzeitig wuchsen die Ausgaben um 22,4 Milliarden Euro. Immer mehr Geld wird für gesetzlich vorgeschriebene Pflichtaufgaben, Personal, Sozialleistungen und Verwaltung gebunden, während der finanzielle Spielraum für wichtige kommunale Projekte immer kleiner wird.

Besonders stark fallen die Sozialausgaben ins Gewicht. Sie wachsen seit Jahren stärker als die Einnahmen und bleiben laut Finanzreport einer der wichtigsten Treiber der Defizite. Der soziale Aufgabenkatalog wird überwiegend durch Bundesrecht bestimmt, bezahlt wird aber zu einem erheblichen Teil vor Ort. Die Gemeinden können sich diesen Verpflichtungen nicht einfach entziehen. Sie müssen Unterbringung organisieren, Jugendhilfe finanzieren, Sozialverwaltung betreiben, Pflege- und Eingliederungshilfe stemmen, Schulen und Kindergärten ausbauen und die Folgen einer immer komplexeren Sozialgesetzgebung verwalten.
Weil es politisch nicht opportun ist, thematisiert der Bertelsmann-Bericht die Kosten für die Asylmigration nicht. Dabei tragen die Kommunen auch hier eine gewaltige finanzielle Last, die vom Bund nicht ausreichend kompensiert wird. Während die Bundespolitik die Dublin-Regeln für Asylmigranten geflissentlich ignoriert, den Grenzschutz vernachlässigt und sich nicht sonderlich um die Rückführung von ausreisepflichtigen Ausländern kümmert, müssen sich die Städte und Gemeinden direkt mit den Folgen auseinandersetzen. Allein für diese Migranten entstehen zusätzliche Milliardenkosten, die andernorts fehlen. Bund und Länder beschließen politische Programme, Rechtsansprüche und Leistungspflichten – doch die praktische Umsetzung landet in den Rathäusern und Landratsämtern. Dort müssen Menschen eingestellt, Gebäude angemietet, Plätze geschaffen und Anträge bearbeitet werden. Der Bund kann Gesetze beschließen und politische Wohltaten verkünden. Bezahlen müssen am Ende die Städte, Gemeinden und Landkreise.
Gleichzeitig geraten die Einnahmen unter Druck. Die Gewerbesteuer ist die wichtigste eigene Einnahmequelle der Kommunen und hängt unmittelbar von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Unternehmen ab. Gerade dort, wo Industrie, Export und Mittelstand bislang für stabile kommunale Kassen sorgten, zeigen sich inzwischen Risse. Baden-Württemberg ist laut Finanzreport besonders betroffen: Die Gewerbesteuer ging dort erneut zurück. Bayern und Hessen hielten sich bislang besser, doch auch sie können sich der allgemeinen Ausgabenlawine nicht entziehen.
Das ist die finanzielle Seite der anhaltenden Wirtschaftskrise in Deutschland. Wenn die Industrie verschwindet, wenn Betriebe Investitionen verschieben, wenn Mittelständler unter Energiepreisen, Bürokratie und wachsender Abgabenlast leiden, dann trifft es irgendwann auch den Bürgermeister einer vermeintlich wohlhabenden Gemeinde. Weniger Unternehmensgewinne bedeuten weniger Gewerbesteuer. Weniger Gewerbesteuer bedeutet weniger Geld für Straßen, Schulen, Feuerwehr, Sportplätze und Schwimmbäder. Die Folgen spüren die Bürger längst schon. Kommunen sparen zuerst dort, wo sie kurzfristig noch Handlungsspielraum haben. Bibliotheken verkürzen Öffnungszeiten, Musikschulen und Volkshochschulen geraten unter Druck, freiwillige Sozial- und Kulturangebote werden gestrichen, Parks und Spielplätze schlechter gepflegt. Noch gravierender ist der Substanzverlust bei Straßen und Schulen. Seit Jahren liegen die Abschreibungen auf kommunales Anlagevermögen über den tatsächlichen Investitionen. Mit anderen Worten: Die öffentliche Infrastruktur wird schneller verbraucht, als sie erneuert wird.
Das ist auch der Grund, weshalb steigende Investitionssummen auf dem Papier nicht viel über die Realität vor Ort aussagen. Nominal legten die kommunalen Investitionen 2025 noch leicht zu. Nach Abzug der Baupreisinflation blieb davon jedoch kaum mehr als Stagnation. In mehreren Ländern gingen die Investitionen bereits real oder sogar nominal zurück. Wer heute durch deutsche Städte fährt, sieht die Konsequenzen: Schlaglöcher, marode Brücken, sanierungsbedürftige Schulgebäude und überlastete Ämter sind kein Zufall. Sie sind die sichtbaren Symptome eines Staates, der immer mehr Geld in laufende Verpflichtungen steckt und immer weniger in seine eigene infrastrukturelle Substanz.
Der Bertelsmann-Expertenrat fordert als Sofortmaßnahme mehr Geld für die Kommunen – etwa durch einen höheren Anteil an der Umsatzsteuer oder durch mehr Mittel im kommunalen Finanzausgleich. Damit ließen sich nach Einschätzung der Autoren rund zwei Drittel der Finanzierungslücke schließen. Doch selbst die Stiftung räumt ein, dass solche Transfers keine dauerhafte Lösung sind. Geld aus einem anderen Topf verschiebt das Problem lediglich innerhalb des Staatsapparats, solange die Aufgabenlawine weiterrollt. Ob die Schulden nun auf Ebene der Kommunen, der Länder oder des Bundes angehäuft werden, ist für die Bürger am Ende nur zweitrangig – denn irgendwer wird irgendwann die Rechnung dafür bezahlen müssen.
Deutschlands Kommunen gehen nicht wegen ein paar zu teurer Freibäder oder Bibliotheken in die Knie. Sie zerbrechen an einem System, das ihnen stetig neue Lasten aufbürdet, während die wirtschaftliche Grundlage erodiert. Ohne eine Kurskorrektur bei Migration, Sozialausgaben, Bürokratie und Wirtschaftspolitik werden höhere Umsatzsteueranteile die Krise nur etwas in die Zukunft verschieben.
